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Wirken die Sanktionen?

Statt schnellem Infarkt: Der russischen Wirtschaft droht Siechtum

Die Lada-Produktion, aufgenommen am 23.01.2017 im Werk des russischen Autobauers AvtoVaz in der Wolgastadt Togliatti rund 1000 Kilometer östlich von Moskau.

Die Lada-Produktion, aufgenommen am 23.01.2017 im Werk des russischen Autobauers AvtoVaz in der Wolgastadt Togliatti rund 1000 Kilometer östlich von Moskau.

Der 1. September ist eine Zeitenwende in Russland – nicht weil Krieg ist, der nicht Krieg heißen darf. Traditionell endeten an diesem Tag die endlos langen russischen Sommerferien, die am 31. Mai begannen. Mit Beginn des Septembers verliert das Leben der 144 Millionen Russen und Russinnen traditionell stets ein wenig dieser sommerlichen Leichtigkeit.

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Nicht wenige Russen vor allem in den Metropolen St. Petersburg und Moskau befürchten, vielleicht war dies der letzte unbekümmerte Sommer für lange Zeit. Denn wie bei einer Pandemie, über die niemand sprechen darf, schleichen sich die Symptome dieser „militärischen Spezialoperation“ ins Leben der ganz normalen Bürgerinnen und Bürger: in Form dieser ungezügelten Propaganda, der erhöhten Nervosität der Staatsmacht, dieser Gerüchtepolyphonie, was zum Beispiel die Zahlen eigener Verluste betrifft – und natürlich der wirtschaftlichen Auswirkungen dieses irren Krieges.

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So schlecht der Krieg militärisch für den Kreml läuft, so überrascht man ist, dass ein großer Teil der Welt diesen Angriffskrieg einhellig ablehnt – wirtschaftlich hat sich Russland bislang als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen.

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Sieben Sanktionspakete der EU, dazu Sanktionen der USA und anderer westlicher Länder wie Japan – doch der von Experten und Expertinnen vorausgesagte tiefe Einbruch der russischen Wirtschaft ist bislang ausgeblieben.

Blick auf das Logo eines neu eröffneten Coffee Shops mit dem Namen „Stars Coffee“ am ehemaligen Standort eines Starbucks Coffee Shops.

Blick auf das Logo eines neu eröffneten Coffee Shops mit dem Namen „Stars Coffee“ am ehemaligen Standort eines Starbucks Coffee Shops.

„Ich fahre durch Moskau und stehe in den gleichen Staus wie früher“, so Andrej Netschajew, zwischen 1992 und 1993 russischer Wirtschaftsminister, gegenüber dem US-Sender CNN mit Blick auf die Geschäftigkeit im Herzen der Hauptstadt. An der Oberfläche hat sich nicht viel geändert, abgesehen von ein paar leeren Ladenfronten, die einst westliche Marken beherbergten, die zu Hunderten aus dem Land geflohen sind. McDonalds heißt heute „Lecker und Punkt“, die 130 Filialen von Starbucks hat der Putin-Freund Timati, ein national-patriotischer Rapper, vor kurzem als „Stars Coffee“ neu eröffnet.

Der Exodus westlicher Unternehmen und die sich anschließenden Sanktionswellen haben ganz sicher Einfluss auf das Leben der Menschen vor allem in den Großstädten gehabt. Bekannte Marken verschwanden aus den Schaufenstern, kamen aber über Drittstaaten und mit überhöhten Preisen zurück. Der Rubel fiel zunächst ins Bodenlose, ist aber heute teurer als vor einem Jahr – also lange vor dem Krieg.

Doch die Härte des Rubel ist nicht Abbild einer starken russischen Wirtschaft, sondern das Ergebnis aggressiver Kapitalkontrollen durch die russische Zentralbank und von Zinserhöhungen gegen eine Inflation, die mit 18 Prozent im April ihren Höchststand erreichte und im Gesamtjahr zwischen 12 und 15 Prozent leicht über der in Westeuropa liegen wird. Die Lebenshaltungskosten in Russland sind dramatisch angestiegen.

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In Bezug auf den Lebensstandard, wenn man ihn am Realeinkommen misst, sind wir etwa zehn Jahre zurückgefallen.

Andrej Netschajew,

ehemaliger russischer Wirtschaftsminister, auf CNN

„In Bezug auf den Lebensstandard, wenn man ihn am Realeinkommen misst, sind wir etwa zehn Jahre zurückgefallen“, sagt Netschajew dem US-Sender CNN. Die russische Regierung gibt viel Geld aus um die Kriegsfolgen zu kaschieren. Im Mai kündigte sie an, die Renten und den Mindestlohn um 10 Prozent anzuheben.

Zudem wurde ein System eingerichtet, bei dem Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Unternehmen, die Russland verlassen haben, vorübergehend zu einem anderen Arbeitgeber wechseln können, ohne ihren Arbeitsvertrag zu verletzen.

Trotz der Sanktionen gegen russische Güter, trotz des Verbots von Öleinfuhren, der Drosselung der Gasexporte und des Ausschlusses der russischen Währung von den internationalen Devisenmärkten sank die russische Wirtschaftsleistung in den Monaten April bis Juni lediglich um 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zum Vergleich: Um 7,4 Prozent schrumpfte die russische Wirtschaft dagegen im Corona-Jahr 2020.

McDonald's-Nachfolger in Russland startet mit neuem Logo

Die US-amerikanische Burgerkette hat ihre Filialen in russische Hand verkauft. Nun sollen sie mit neuem Branding wieder eröffnet werden.

Fast die Hälfte der Staatseinnahmen, nämlich 45 Prozent, machen die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor aus. Das vom Westen verhängte Embargo gegen russisches Öl – es betrifft bislang 75 Prozent der russischen Ölimporte in die EU und 100 Prozent in die USA – galt zunächst als „schärfstes Schwert“ im Wirtschaftskrieg.

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Doch im Juli exportierte Russland laut Bloomberg noch immer 7,4 Millionen Barrel Öl pro Tag – vor allem Dank erhöhter Ausfuhren nach Indien.

Laut der Internationalen Energieagentur haben sich die Einnahmen Russlands aus dem Verkauf von Öl und Gas nach Europa zwischen März und Juli dieses Jahres im Vergleich zum Durchschnitt der letzten Jahre sogar verdoppelt – bei einem Rückgang des Volumens. Der hohe Preis für Rohstoffe erweist sich für Russland als Segen.

Indien steigerte Ölimporte aus Russland um 1700 Prozent

Nach Schätzungen der Firma Kpler, die den Energiemarkt beobachtet, erhöhte China seine Seeimporte russischen Öls bis Juli um 40 Prozent, Indien sogar um mehr als 1700 Prozent. Das alles klingt nach einem Verpuffen der westlichen Sanktionen – wird allerdings nur jene enttäuschen, die sich einen schnellen Effekt erhofft haben.

Doch dieser Effekt ist bereits ausgeschöpft. Chinas Wachstumsziel von 5,5 Prozent für 2022 wurde soeben dramatisch nach unten korrigiert. China kann nicht mehr russisches Öl kaufen, weil die heimische Nachfrage nachlässt, sagt Houmayoun Falakshali von Kpler. Und höhere Rabatte, als Russland diesen Staaten bereits einräumt, wird sich Moskau nicht leisten können. Langfristig hat sich Russland durch die politische Instrumentarisierung seiner Rohstoffexporte – das Land hat kaum andere Einnahmequellen – seiner wirtschaftlichen Zukunft beraubt.

Vor allem im Zuge der sich ausweitenden westlichen Sanktionen könnte Russland eine längere und tiefere Rezession bevorstehen, die industrielle Sektoren in Mitleidenschaft zieht, auf die sich das Land jahrelang verlassen hat. Dies geht laut „bloomberg.de“ aus einem internen Bericht hervor, der für den Kreml erstellt wurde.

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Tiefpunkt im Jahr 2024; 11,9 Prozent unter Vorkriegsniveau

Das Dokument zeichnet ein weitaus düstereres Bild als die offiziellen Stellen. Zwei der drei Szenarien des Berichts zeigen, dass sich die Schrumpfung im nächsten Jahr beschleunigen und die Wirtschaft erst am Ende des Jahrzehnts oder später wieder das Vorkriegsniveau erreichen wird. Das Szenario „Trägheit“ sieht den Tiefpunkt der Wirtschaft im nächsten Jahr bei 8,3 Prozent unter dem Niveau von 2021, während das Szenario „Stress“ den Tiefpunkt im Jahr 2024 ansetzt, 11,9 Prozent unter dem Niveau des vergangenen Jahres.

Die Auswirkungen von Sanktionen werden eher ein langsameres Brennen („slow burn“) als ein schneller Treffer sein.

Chris Weafer,

Beratungsunternehmen Macro Advisory Ltd.

Gleichzeitig erwarten die Experten eine Abwanderung von IT-Spezialisten. 200.000 IT-Experten könnten das Land bis 2025 verfassen. Bloomberg konnte den Bericht einsehen, der für eine Tagung von Spitzenbeamten am 30. August erstellt wurde.

„Die Auswirkungen von Sanktionen werden eher ein langsameres Brennen („slow burn“) als ein schneller Treffer sein“, prophezeit auch Chris Weafer, Gründer von Macro Advisory Ltd, einem Beratungsunternehmen. „Russland sieht jetzt möglicherweise einer langen Phase der Stagnation entgegen.“

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Eine Stagnation, die auch nicht endet, falls Russland morgen seine Politik ändert. Das Land, das mit einer wirtschaftlichen Leistung pro Einwohner auf dem Niveau des ärmsten EU-Mitglieds Bulgarien rangiert, hat seine durch den Angriffskrieg die Handelsbeziehungen zu den wirtschaftlich stärksten Staaten der Welt nachhaltig zerstört. Diese wieder aufzubauen braucht Vertrauen – ein Kapital, dessen Wert sich nicht in Dollar bemessen lässt, das vor allem Zeit braucht. Zeit, die Russland nicht hat.

Halbleiterexporte nach Russland fielen um 90 Prozent

Tiefgreifende Auswirkungen auf Russlands Wirtschaft haben Technologiesanktionen, wie sie bereits die Luftfahrtindustrie betreffen. Die weltweiten Exporte von Halbleitern nach Russland sind seit Ausrufungen der Sanktionen um 90 Prozent eingebrochen, gab US-Handelsministerin Gina Raimondo im Juni bekannt.

Das lähmt die Produktion von vielen Produkten, von Autos bis zu Computern. Experten glauben, im globalen Technologiewettlauf wird Russland noch weiter zurückfallen. Was schon heute dazu führt, dass Russlands größter Autoproduzent Lada (AvtoVAZ) Pkw produziert, die technisch beinahe auf Sowjet-Niveau sind: Ohne ABS, ohne Airbag, ohne Stabilitätsprogramm und Gurtstraffer. Der Motor erfüllt nur noch die Euro-5-Norm – die trat 1996 in Kraft.

Mit Agenturmaterial

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