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  • 500 Millionen für digitale Bildung: So soll das Geld zu den Schülern kommen

SPD-Chefin Saskia Esken: “Wir sorgen für digitale Lernmittelfreiheit”

  • 500 Millionen Euro zusätzlich für digitale Bildung – das ist ein Ergebnis aus dem Koalitionsausschuss von Union und SPD.
  • Doch wie kommt das Geld zu den Schülern, die sich selbst kein Endgerät leisten können?
  • SPD-Chefin Saskia Esken macht dazu im RND-Interview einen konkreten Vorschlag.
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Berlin. Frau Esken, die große Koalition hat sich darauf verständigt, noch mal 500 Millionen Euro zusätzlich für digitale Bildung in die Hand zu nehmen. Warum war Ihnen dieser Punkt persönlich so wichtig?

Bei dieser Investition für digitale Bildung in der Corona-Krise geht es um eine ganz entscheidende soziale Frage: Können nur diejenigen digitale Lernangebote wahrnehmen, die von ihren Eltern optimal gefördert werden können und die auch die entsprechenden Geräte haben? Dann würde der digital gestützte Unterricht, den wir jetzt in Zeiten von Corona erleben und der auch künftig den klassischen Präsenzunterricht unterstützen soll, die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland vertiefen, anstatt sie auszugleichen. Deshalb war es mir wichtig, dafür zu sorgen, dass alle Schüler ein Tablet oder ein Laptop nutzen können – auch wenn sie selbst bislang noch keines zu Hause haben.

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Es soll 150 Euro Zuschuss geben, damit bedürftige Kinder ein Gerät bekommen können. Eltern fragen sich jetzt: “Wie kommt dieses Geld tatsächlich zu uns?”

Die Corona-Pandemie soll ja die Bildung nicht lahmlegen. Deshalb ist es wichtig, dass das Geld jetzt schnell fließt. Das ist im Verhältnis zwischen Bund, Ländern und Kommunen nicht ganz einfach. Ich halte es deshalb für eine gute Idee, eine bestehende Struktur zu nutzen, das Geld auf den Digitalpakt aufzuschlagen und mit den Ländern zu vereinbaren, dass es für Endgeräte für die Schüler ausgegeben wird. Über dieses Verfahren hat es bereits Gespräche gegeben, unter anderem habe ich mich mit der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, und weiteren sozialdemokratischen Bildungsministern ausgetauscht.

Die Lehrergewerkschaft GEW begrüßt das zusätzliche Geld für die digitale Bildung, hat aber auch schon darauf hingewiesen: Wer sich jetzt kein Tablet leisten kann, der kann es auch mit 150 Euro Zuschuss nicht.

Es muss ja nicht zwingend über einen Zuschuss laufen. Meine sozialdemokratische Idee sieht so aus: Wir sorgen für digitale Lernmittelfreiheit – so wie wir sie vielerorts auch bei Büchern haben. Die Länder sollten das Geld nutzen, um die Geräte in großer Anzahl zu beschaffen und dabei günstige Konditionen mit den Herstellern auszuhandeln. Die Schulen können die Geräte dann an die Schüler verteilen, die noch nicht versorgt sind und sie wirklich brauchen.

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Torben Krauß von der Bundesschülerkonferenz spricht über Hygieneprobleme an vielen deutschen Schulen.  © RND


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Muss der Schüler das Gerät dann am Schuljahresende wieder abgeben wie die Bücher?

Ich finde, jeder Schüler und jede Schülerin sollte das Gerät so lange wie möglich behalten können. Das hat etwas mit Humboldtscher Weltaneignung zu tun: Die jungen Menschen sollen zu dem Gerät eine ähnlich enge Beziehung entwickeln wie zu ihrem Handy. Diese Beziehung müssen wir nutzen und vermitteln: Das ist nicht irgendein Leihgerät, das ist dein eigenes Gerät. Behandle es auch so. Man könnte auch darüber reden, ob sie oder er es am Ende der Nutzungsdauer gegen ein geringes Entgelt behalten kann.

Selbst wenn es Ihnen gelingt, dass jeder ein Gerät hat, kann das digitale Lernen noch immer daran scheitern, dass es den Schülern zu Hause am Internetanschluss oder einer entsprechend umfangreichen Datenmenge fehlt.

Das stimmt. Ich appelliere deshalb an die Internetprovider und Mobilfunkanbieter, ihren Teil beizutragen und entsprechend günstige Schülertarife mit genügend großen Datenmengen anzubieten. Gute Bildung ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft – da haben auch die Unternehmen eine Verantwortung. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie sich für diesen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit engagieren.

Sehen Sie in der Krise auch eine Chance, dass sich der Unterricht dauerhaft hin zu mehr digitalem Lernen verändert? Ist das überhaupt wünschenswert?

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Ja, sogar sehr. Ich sehe in der Corona-Pandemie – bei allen harten Belastungen, die sie für Erwerbstätige, aber gerade auch für Familien und für Schüler bedeutet – auch eine Chance, dass wir in unserem Bildungssystem einen Sprung nach vorn machen. Mit Hilfe digitaler Angebote können wir die individuelle Förderung von Schülern deutlich verbessern.

Das müssen Sie konkreter erklären.

Klar ist: Um aus digitalen Lernangeboten das Optimale herauszuholen, müssen sich an vielen Schulen die Abläufe deutlich ändern. Bisher ist es ja meist so, dass im Klassenraum die Grundinformation vermittelt wird – und dann vertieft der Schüler das Gelernte zu Hause. Wenn er etwas falsch verstanden hat, heißt das aber, er übt den Fehler immer weiter ein. Deshalb gibt es Ansätze, diesen Ablauf umzudrehen – mit dem Konzept des sogenannten “inverted classroom”.

Wie können wir uns das vorstellen?

Die Schüler schauen sich zu Hause erstmal ein Lernvideo an, das die Grundlagen erklärt. Das Tolle ist: Wer es beim ersten Mal nicht versteht, kann es sich nochmal anschauen oder erstmal einen unklaren Begriff nachschlagen. Das ist anders als im Klassenraum, wo der Lehrer ja irgendwann praktisch sagen muss: Jetzt müsst ihr es alle verstanden haben. Der Unterricht in der Lerngruppe kann dann für Nachfragen, zum Üben und Vertiefen genutzt werden. Auf diese Art und Weise gelingt es viel besser, auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler individuell einzugehen. Das bestätigen Schüler wie Lehrkräfte, die diese Methode schon länger anwenden. Und die Ergebnisse können sich auch sehen lassen.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hält Samstagsunterricht für denkbar, um die Folgen der Krise auszugleichen. Was sagen Sie?

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Grundsätzlich ist es wichtig, dass den Familien Räume für gemeinsame Freizeit bleiben, insofern sollte der Samstag nicht dauerhaft zum regelmäßigen Unterrichtstag werden. Jetzt in der Corona-Krise müssen wir aber Wege finden, die Schüler in kleinen Gruppen also in Schichten zu unterrichten, da kann mehr Unterricht am Nachmittag oder auch am Samstag sinnvoll und notwendig sein.

Der Youtuber Rezo kritisiert mit Blick auf die Abiprüfungen in diesem Jahr in einem Video “Wie Politiker momentan auf Schüler scheißen.” Er rät davon ab, Parteien zu wählen, die Kultusminister stellen. Ist das nicht platter Populismus?

Grundsätzlich teile ich die Auffassung, dass ein Schulabschluss wie das Abitur auch ohne Abschlussprüfungen denkbar wäre, insbesondere jetzt in Zeiten von Corona. Andererseits haben jetzt auch schon viele die Prüfungen hinter sich, und da sollten wir schon für Vergleichbarkeit sorgen. Die Art, wie Rezo seine Botschaft vorträgt, ist natürlich populistisch oder anders gesagt nah am Volk, nah an seiner Zielgruppe. Ich finde aber, wir Politiker müssen diese Kritik aushalten. Rezo führt uns mit seinem Video deutlich vor Augen, dass viele Eltern, Schülerinnen und Schüler sich Sorgen machen wegen der Prüfungen. Er drückt das, seinem Genre entsprechend, heftig aus. Damit kann ich leben. Wer in die Politik geht, um immerzu bejubelt zu werden, wird öfter mal enttäuscht werden. Immer eigentlich.

Ist die Infektionsgefahr bei den Abiturprüfungen zu groß?

Ich glaube das eher nicht. Abstandsregeln müssen bei Abschlussprüfungen doch ohnehin eingehalten werden, wenn man das Abschreiben verhindern will. Bei den Hygieneregeln kommt es vor allem auf die sanitären Anlagen an, da müssen die Schulträger jetzt ein Augenmerk darauf haben. Aus meiner Sicht geht es bei den Schülerprotesten auch mehr um die durch Corona bedingte schwierige psychische Situation, in der in diesem Jahr Prüfungen abgelegt werden. Ich denke aber und appelliere auch, dass die Lehrkräfte das bei ihrer Bewertung berücksichtigen.

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