• Startseite
  • Politik
  • 3G und Maskenpflicht in Bus und Bahn - Bahnmitarbeiter über Angriffe und Beschimpfungen

Ausrasten wegen Maskenpflicht und 3G: Der alltägliche Terror in den Zügen

  • Kundenbetreuerinnen und Kundenbetreuer in Regionalzügen sollen laut Dienstanweisung ab Mittwoch auch die 3G-Nachweise kontrollieren – wenn sie zu zweit unterwegs sind.
  • Der Betriebsrat lehnt das mit Blick auf die Sicherheit der Beschäftigten ab.
  • Gegenüber dem RND schildern Bahnmitarbeiter, welche Angriffe und Beschimpfungen sie jetzt schon abbekommen. „Die Aggressionen werden immer mehr“, sagt einer.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Die Deutsche Bahn (DB) will Ernst machen bei der Durchsetzung der 3G-Regeln in den Regionalzügen. Ab Mittwoch sollen auch Kundenbetreuerinnen und Kundenbetreuer im Nahverkehr, so heißen die Schaffnerinnen und Schaffner offiziell, Nachweise kontrollieren. Auch der Konzern erwartet Übergriffe und will mehr Sicherheitspersonal in die Regionalzüge schicken.

Der Gesamtbetriebsrat von DB Regio fordert, dass die Kundenbetreuer im Nahverkehr nicht zu 3G-Kontrollen verpflichtet werden. „Für stich­probenartige Kontrollen ist die Bundespolizei zuständig“, sagte dessen Vizevorsitzender Ralf Damde dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Eine einzelne Person darf man niemals und auch noch zusätzlich mit den Testkontrollen beauftragen – das gleicht einem Himmelfahrtskommando aus Aggressionen und Eskalationen.“

Video
3G in Bus und Bahn: Ab heute gelten schärfere Regeln
1:10 min
Geimpft, genesen oder getestet: Ab diesem Mittwoch gilt auch in Bussen und Bahnen die 3G-Regel.  © dpa
Anzeige

Damde lädt die Berliner Politiker ein, „eine reguläre Schicht im Nahverkehr an der Seite eine Kundenbetreuerin mitzumachen. Da zeigt sich sofort, dass das Gesetz völlig unrealistisch und unpraktikabel ist!“

Protokolle der Verzweiflung

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Zügen beschrieben ihre Arbeit schon jetzt als ein Feld des alltäglichen Terrors. Sie geben uns unter Zusicherung der Vertraulichkeit Einblicke in die Stimmung auf den Zügen im zweiten Corona-Winter. Es sind Protokolle der Verzweiflung.

  • „Uns wird gesagt: Restaurants und Friseure kontrollieren die Nachweise doch auch selbst, da gibt es doch auch keine Probleme. Aber da ist die Stimmung doch anders. Ins Restaurant gehe ich, wenn ich einen schönen Abend haben will. Zum Friseur gehe ich, weil ich schöne Haare haben möchte. Da zeige ich meinen Nachweis mit meinem Lächeln vor. Bei uns sitzen die Leute, weil sie müssen. Die müssen zur Arbeit, die wollen nach Hause. Die sind einfach genervt. Und wir bekommen es ab.“
  • „Wir sollen Stichprobenkontrollen machen. Der Zug ist voll, ich frage jeden Fünften. Dann sagt der gleich: Warum ich? Und die Leute zeigen Testzertifikate vor, die wir nicht auf Echtheit überprüfen können. Da kam einer mit einem Testzettel von Amazon. Hat der sich das ausgedruckt oder arbeitet der in einem Verteilzentrum und die testen auf der Arbeit? Woher soll ich das wissen?“
Anzeige

Angriffe aus dem Nichts

  • „Wenn du zwei Zugteile hast und trotzdem allein bist, kommst du irgendwann in den zweiten Zugteil rüber und die Leute beschweren sich: Warum kommen Sie erst jetzt? Da waren Jugendliche drin, die hatten keine Maske, haben hier drin geraucht, jetzt sind sie weg. Es gibt auch Leute, die haben Angst davor, sich zu infizieren, wenn in einem vollen Zug eine Gruppe maskenloser Jugendlicher ist. Wir haben auch Partys im Zug, Junggesellenabschiede, da hält sich keiner an irgendwelche Regeln. Und ich bin allein.“
Anzeige
Die Pandemie und wir Unser Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
  • „Eine Kollegin hat einen Fahrgast freundlich auf die Maske hingewiesen. Der ist sofort ausgerastet, hat einen Koffer nach ihr geworfen. Sie hat sich auf der Toilette eingeschlossen. Der hätte die Tür fast rausgerissen.“
  • „Die Leute sind so genervt. Allein die Durchsagen lassen sie schon ausrasten. Ich muss meine Durchsage machen, 3G-Pflicht, Maskenpflicht. Dann gehe ich durch den Zug und werde beschimpft ‚Stasi‘, ‚Nazischlampe‘, ich möchte nicht alles wiedergeben. Und dabei hatte ich noch nicht einmal nach 3G gefragt.“

„Die Polizei kommt eh nicht“

  • „Ich hatte schon drei Übergriffe, nur wegen Maskenkontrollen. Ich wurde angespuckt, einer hat seine Genitalien gezeigt, nie kam die Polizei. Ich habe Anzeige erstattet, die Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt.“
  • „Die Leute ohne Maske und jetzt ohne Nachweis sind einfach dreist. Die sagen mir ins Gesicht: ‚Was wollen Sie machen? Die Polizei kommt eh nicht.‘ Und sie haben Recht damit. Die Polizei hat mir zweimal gesagt, nur wegen Maskenverweigerern würden sie niemanden losschicken. Und der Triebfahrzeugführer hat mir auch zu verstehen gegeben: Bloß den Zug nicht anhalten. Wir können deswegen keine Verspätungen verursachen.“
  • „Die Aggressionen werden immer mehr. Die Leute, die sich weigern, werden immer rabiater.“
  • „Die DB Sicherheit soll jetzt öfter mitfahren. Meistens aber fahren die nur sechs Stationen mit, dann steigen sie aus und fahren mit einem anderen Zug weiter. Wenn ich mit ihnen kontrolliere, bin ich danach allein. Dann ziehe ich mich zur Sicherheit zurück und gehe nach vorne zum Triebfahrzeugführer. Ich hatte es schon, dass die Leute mir wütend folgen und dann gegen die Tür treten und schlagen bis zur Endstation.“
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen