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30 Jahre Mauerfall: Warum mangelt es den Deutschen an Zuversicht?

  • 30 Jahre sind vergangen, seitdem die Deutschland trennende Mauer fiel.
  • In dieser Zeit hat sich das Land enorm verändert.
  • Doch die Deutschen scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, sich und die eigenen Leistungen zu mögen, kommentiert Gordon Repinski.
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Ist es nicht eigenartig? Im Jahr des 30. Jubiläums des Mauerfalls scheinen wir Deutschen mit uns auf einmal im Unreinen zu sein. West- und Ostdeutsche verstehen sich gegenseitig eher weniger als zuvor, die Vorurteile scheinen zu wachsen. In Köln wählt man anders als in Cottbus, im Westen anders als im Osten, und statt dies zu tolerieren, beäugt man sich mit Skepsis. 30 Jahre nach dem Mauerfall scheinen wir uns vor allem einig zu sein in der Einschätzung, dass wir uns in den verschiedenen Teilen Deutschlands immer häufiger uneinig sind.

Vielleicht ist der 9. November gerade deshalb ein guter Tag, sich der gemeinsamen Geschichte in positiver Weise zu nähern. Es handelt sich schließlich immerhin um den wundervollsten Moment jüngerer deutscher Vergangenheit, und es ist ein gesamtdeutscher Tag. Der 9. November 1989 ist der Moment von Freiheit, von Einheit von Familien und Freunden. Es ist der Tag, an dem die Frontlinie des Kalten Kriegs in Deutschland in den Geschichtsbüchern verschwand.

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Wo waren Sie, als die Mauer fiel?
2:15 min
Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer, die die Stadt über Jahrzehnte trennte. Dieser 9. November 1989 blieb vielen Deutschen sehr gut im Gedächtnis.  © dpa
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Als die Mauer fiel, war die friedliche Revolution am Ziel. 30 Jahre sind eine lange Zeit, aber es lohnt sich an diesem Wochenende, sich an die Leistung zu erinnern, die vor allem von den mutigen Bürgerinnen und Bürgern im Osten des Landes erbracht wurde. Es lohnt sich, auf diesen Tag stolz zu sein.

30 Jahre danach steht Deutschland vor großen Herausforderungen. Nach den Kohl-Jahren des Umbruchs und der Wirtschaftskrise folgten die Schröder-Jahre der Reformen und die Merkel-Jahre, die eine historische Phase des Aufschwungs brachten. Diese Merkel-Jahre gehen zu Ende und mit ihnen scheint auch Deutschland sich wieder zu wandeln. Der fast unendlich scheinende Wirtschaftsaufschwung endete in diesem Jahr, und was danach kommt, ist nicht klar.

Nicht klar heißt aber auch: Es liegt in unserer Hand. Deutschland ist in Nord, Süd, vor allem aber in West und Ost stark genug, um nach einer Phase der Erschütterung schnell wieder einen guten Weg in die Zukunft einzuschlagen. Das ist nur zum Teil eine Frage politischer Reformen, die in der Tat in den Merkel-Jahren aus satter Faulheit wegen der guten Lage ausgelassen wurden. Es ist zuallererst eine Frage der Zuversicht und des Selbstbewusstseins des Landes. Und da hakt es im Moment.

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Wir haben es in den vergangenen Jahren verlernt, uns und unsere Leistungen zu mögen. Statt die enormen Leistungen zu würdigen, die Deutschland in der Energie-, Sozial- und Migrationspolitik vollbracht hat, werden gerade diese Beispiele immer wieder herausgehoben, um das Scheitern zu beschreiben. Es ist, leider, auch ein Ergebnis der Selbstbespiegelung der großen Koalition, der man fairerweise eine Gesamtnote irgendwo zwischen – sagen wir – Drei minus und Vier geben könnte, die sich selbst aber nicht mag und im Zwist versinkt.

Wie soll ein Land zuversichtlich sein, wenn ein Teil der Koalition eine gesamte Legislaturperiode mit sich hadert und der andere Teil programmatische Führung und Richtlinienkompetenz aufgegeben hat? Die Anmutung der Koalition ist miserabel, und so überträgt es sich auf das Land. Ja, wir sollten zuversichtlich und mit Stolz auf den großen Moment deutscher Geschichte am 9. November blicken. Aber gelegentlich wäre etwas mehr Führung und Zuversicht auch aus Berlin schön. Stark genug dazu sind wir eigentlich.

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