• Startseite
  • Politik
  • 2,6 Milliarden Impfdosen für Europa? „Das ist bis zum Sommer zu schaffen“

2,6 Milliarden Impfdosen für Europa? „Das ist bis zum Sommer zu schaffen“

  • Von Herbst an sollte es auch Impfstoffe geben, die an die neuen Virusmutationen angepasst sind, sagt der Europaabgeordnete Christian Ehler.
  • Bis auch ärmere Länder an die Impfstoffe kommen, werde es aber noch dauern.
  • Warum Russland das Vakzin schneller als die EU entwickeln konnte, sagt der Pharmabranchenkenner im RND-Interview.
|
Anzeige
Anzeige

Brüssel. An diesem Donnerstag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU zu einer Corona-Videokonferenz. Sie wollen über die Virusmutationen sprechen und die umstrittenen Grenzkontrollen, die unter anderem Deutschland zum Schutz vor den Virusvarianten eingeführt hat. Vor allem aber wollen sie einen Weg finden, um die Impfstoffproduktion in Europa anzukurbeln. Der Europaabgeordnete Christian Ehler (CDU) war früher Chef eines Biotechzentrums in Brandenburg. Im RND-Interview sagt Ehler, wie schnell die Europäer mit mehr Impfstoff rechnen können.

Herr Ehler, warum hakt es bei der Impfstoffproduktion in Europa?

Normalerweise dauert es drei bis fünf Jahre, eine pharmakologische Produktion aufzubauen. Das liegt auch an bürokratischen Vorschriften, die in Pandemiezeiten ein Problem sind. Außerdem hätten wir uns besser vorbereiten und etwa aus der Sars-Epidemie der Jahre 2002 bis 2004 Lehren ziehen können. Es gab viele Studien, die damals gefordert haben: Wir brauchen – ähnlich wie in der Sicherheitspolitik – auch im Gesundheitswesen eine strategische Sicherheitsarchitektur. Aber leider ist damals diese Lücke nicht gefüllt worden.

Anzeige

Warum?

Wir haben nicht geglaubt, dass wir jemals eine Pandemie erleben werden. Das klang viel zu sehr nach einem Science-Fiction-Film. Dagegen haben wir den Terrorismus und andere sicherheitspolitischen Risiken durchaus ernst genommen. Ein Beispiel: An Flughäfen wurde und wird konsequent nach Waffen gesucht. Für Virusinfektionen gibt es aber keine Kontrollmechanismen.

Video
Astrazeneca: Verwirrung über mögliche neue Lieferengpässe
1:25 min
Wird die in Aussicht gestellte Menge an Impfdosen erneut nicht erreicht?  © dpa

Nun hat die EU-Kommission eine Taskforce ins Leben gerufen, die dafür sorgen soll, dass die Impfstoffproduktion angekurbelt wird. Wie schnell kann das gehen?

Anzeige

Wir können relativ schnell die 2,6 Milliarden Impfdosen herstellen, die bereits bestellt sind. Ich rechne damit, dass das bis zum Sommer zu schaffen ist. Es sollte auch möglich sein, ab dem Herbst Vakzine zu produzieren, die an die Virusmutationen angepasst sind. Da ist es ein Glücksfall, dass wir die neuartigen mRNA-Impfstoffe haben. Die lassen sich vergleichsweise einfach und schnell an Mutationen anpassen.

Was ist mit ärmeren Ländern?

Anzeige

Die Produktion wird erheblich länger dauern, wenn wir nur an die gewaltigen Mengen an Impfdosen denken, die ärmere Länder brauchen. Dabei ist es auch für uns enorm wichtig, dass die Menschen in diesen Regionen geimpft werden, sonst könnten wir es im Halbjahresabstand mit Mutationen zu tun haben, die nach Europa eingeschleppt werden.

Christian Ehler (CDU), EU-Parlamentarier. © Quelle: picture alliance/dpa

Wie lässt sich dieser Prozess beschleunigen?

Die EU, die USA, China, Indien und auch Russland sollten so schnell wie möglich untereinander ausmachen, wer welche Produktionslinien ausbauen kann. Anders wird es nicht gehen. Die Impfstoffproduktion im globalen Stil wird enorm viel Geld kosten. Das kann sich die Uno nicht leisten und auch kein einzelner Staat oder eine Staatengruppe.

Sie waren Geschäftsführer eines Biotechzentrums in Brandenburg und kennen die Pharmabranche. Wie schwierig ist es, Unternehmen, die auf dem Markt konkurrieren, während einer Pandemie zu mehr Zusammenarbeit zu bewegen?

Da ist schon viel geschehen. Die Pharmaunternehmen selbst haben in den vergangenen Monaten einen rasanten Lernprozess gemacht. Biontech zum Beispiel war ein reines Forschungsunternehmen und musste sich erst Partner für die Produktion des Impfstoffs suchen. Was da in relativ kurzer Zeit passiert ist, das grenzt an ein Wunder. Aber es braucht noch mehr Kooperation und Transparenz, vor allem auch hinsichtlich der Lieferketten der Rohstoffe für die Vakzine. Die Taskforce der EU hat also noch viel Arbeit vor sich.

Anzeige
Video
Erste Sonderzulassungen für Corona-Selbsttests
1:10 min
Schnelltests gelten als wichtiges Mittel zur Pandemieeindämmung. Bisher waren nur Corona-Tests im Einsatz, für die eine fachliche Schulung vorgesehen war.  © dpa

Was heißt das konkret?

Manche Rohstoffe werden zum Beispiel hauptsächlich in China produziert. Die Chinesen können uns also theoretisch den Hahn zudrehen. Oder denken Sie an die USA unter Donald Trumps „America first“-Politik. Da können die Europäer schnell alt aussehen. Wir müssen also im Zweifel in der Lage sein, diese Stoffe selbst in Europa herzustellen, um die Produktion im Notfall sehr schnell drastisch erhöhen zu können.

Was halten Sie von dem Vorschlag, Patente auf Impfstofflizenzen freizugeben, damit auch Firmen in Indien oder anderswo in die Produktion einsteigen können?

Kurzfristig lässt sich damit Impfstoffproduktion nicht erhöhen. Die Freigabe von Patenten ersetzt ja nicht das Wissen um die Herstellung von Vakzinen. Langfristig mag das anders aussehen. Voraussetzung ist allerdings, dass wir neue Wege finden, die Eigentumsrechte zu wahren und gleichzeitig die Produktionskosten gering zu halten. Astrazeneca zum Beispiel hat bereits mit einem indischen Hersteller einen Lizenzvertrag abgeschlossen. Doch das Vakzin kostet immer noch 5 US-Dollar pro Dose. Diese Kosten können viele ärmere Länder nicht stemmen.

Muss der Staat eine größere Rolle in der Impfstoffproduktion spielen?

Anzeige

Wie man am Beispiel des russischen Impfstoffs Sputnik V sieht, kann das Vorteile haben. Die Russen haben Militärlabore mit der Herstellung beauftragt und den Impfstoff dann in den ersten klinischen Tests an Soldaten ausprobiert. Doch Tests an vergleichsweise gesunden, 20 Jahre alten Rekruten sind wenig aussagekräftig und nicht transparent. Das mag vielleicht in einem autoritär geführten Land funktionieren. In westlichen Demokratien würde das aber die Akzeptanz von Impfstoffen schwächen. Da bin ich mir sicher. Dennoch können wir uns von den Russen etwas abschauen.

Was denn?

Wir wissen zu wenig über die vorhandenen Produktionskapazitäten in der pharmazeutischen Industrie. Anders als die Russen, die einfach ihren militärisch-industriellen Komplex aus Zeiten des Kalten Kriegs in Schwung setzen, wussten wir im Grunde nicht, welche Kapazitäten sich hochfahren lassen oder welche Zulieferketten es genau gibt.

Sollen wir es also so machen wie die Russen?

Nein, ich werbe ausdrücklich nicht für das russische Modell, das wir in der EU auch gar nicht nachahmen können und sollten. Wir brauchen aber eine robuste Sicherheitsarchitektur für den Umgang mit Pandemien mit einem transparenten Überblick über Produktionskapazitäten, Beschaffung, Preise, Qualitätsfragen. Wir müssen unsere Standards erhöhen. Das ist unsere gemeinsame politische Aufgabe in der EU.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen