20 Jahre nach dem Farbbeutelwurf von Bielefeld: Keine Reue

  • Die Regisseurin und Transfrau Samira Fansa hat beim Bielefelder Sonderparteitag der Grünen 1999 einen Farbbeutel auf den grünen Außenminister Joschka Fischer geworfen.
  • Die Begründung: dessen Ja zum Kosovo-Einsatz der Nato und der deutschen Beteiligung daran.
  • 20 Jahre später erinnert sich Fansa – und sieht keinen Anlass zur Selbstkritik.
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Frau Fansa, Sie haben beim Bielefelder Parteitag einen Farbbeutel auf Joschka Fischer geworfen. Warum?

Na ja, während des Parteitages lief ja der Kosovo-Krieg längst. Es gab Bombardierungen. Und die Grünen mussten ihre Mitglieder und Delegierten auf Linie bringen. Fischer war ein Taktierer und wusste, was er tat. Um in der Regierung zu bleiben, musste Fischer einen Weg finden, den Parteitag zu disziplinieren. Der Parteitag hat dann die innere Zerrissenheit der Grünen zelebriert nach dem Motto: „Wir wollen eigentlich nicht, aber wir müssen bombardieren.“ Fischer wollte so viele Grüne mitnehmen wie möglich. Folglich gab es von meiner Seite die Entscheidung, ihn vor der internationalen Öffentlichkeit blutrot zu markieren.

Haben Sie das allein entschieden?

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Da gab es schon noch Gespräche mit anderen. Dabei war eine Ohrfeige im Gespräch – wie bei Beate Klarsfeld gegen den damaligen Kanzler Kurt Georg Kiesinger wegen seiner NS-Aktivitäten – und ein Farbbeutel, weil Fischer selbst früher nicht zimperlich war, Leute militant anzugehen. Am Ende erschien uns der Farbbeutel vertretbar. Das war der einzige Fleck in seinem Leben, den Fischer nie wegbekommen hat. Ansonsten hat er in seiner Biografie ja einen sauberen Durchmarsch Richtung Macht hingelegt. Fischer hat anschließend versucht, mich juristisch zu kaufen. Da habe ich gesagt: Nee.

Was meinen Sie mit „juristisch kaufen“?

Er hat mir über den „Spiegel“ angeboten, die Anzeige zurückzuziehen, wenn ich unter anderem bereit wäre, ihm für seine Ohrverletzung Schmerzensgeld zu zahlen. Ich habe dann gesagt, für die Ohrverletzung würde ich zahlen. Denn die hätte ich ja nicht beabsichtigt. Ich würde auch drei Deserteure aufnehmen, unter anderem einen der Nato-Truppen. Dafür müsse er die Angehörigen entschädigen, die bei sogenannten Kollateralschäden durch deutsche Waffen ermordet worden seien. Damit war der Versuch einer gütlichen Einigung für Fischer vom Tisch, und es kam zu einem öffentlichen Prozess.

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Sie haben den Beutel mit Wucht geworfen und Fischer gut getroffen. Haben Sie das vorher geübt?

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Nö.

Joschka Fischer, Grünen-Politiker: Auf einem grünen Sonderparteitag in Bielefeld wurde der Außenminister 1999 mit einem Farbbeutel beworfen – aus Protest gegen den von ihm mitgetragenen Nato-Einsatz im Kosovo. Er erlitt einen Trommelfellriss.

Sie sagen das sehr entspannt. Stört es Sie nicht, dass Sie einen Menschen verletzt haben?

Der Mann ist ein Kriegsverbrecher. Die Aussage kann man jetzt anzweifeln, aber sie stimmt. Denn der Krieg war ein Bruch des Völkerrechts. Das wussten auch Schröder und Fischer. Ich fühle mich jedenfalls moralisch im Recht. Und juristisch auch. Ich bin im Übrigen verurteilt worden. Auf einen Gang vor den Europäischen Gerichtshof habe ich verzichtet. Und ich habe die Strafe abbezahlt.

Sie wurden zu einer Geldstrafe von 3600 D-Mark verurteilt. Außerdem berichteten Sie bei anderer Gelegenheit von gesellschaftlicher Ausgrenzung. Was genau meinen Sie damit?

Das kann man sich ja leicht vorstellen. Man fliegt aus der Arbeit raus – und nicht Fischer aus seinem Außenministerium. So waren die Machtverhältnisse.

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Sie haben Ihren Job verloren?

Ja.

Was war das für ein Job?

Das ist jetzt nicht mehr relevant. Natürlich gab es auch eine Stigmatisierung. Die Boulevardpresse hat über mich süffisant bis sexistisch berichtet. Das sehe ich heute eher als Armutszeugnis. Auf der anderen Seite habe ich relativ viel Zustimmung bekommen. Auf der Straße war ich plötzlich ein bunter Hund. Die Leute kamen auf mich zu und beglückwünschten mich. Niemand hat mich angefeindet. Das fand ich erstaunlich. Mir war das aber viel zu viel. Ich wollte meine Ruhe.

Was geschah direkt nach dem Wurf?

Unter den Delegierten kamen viele zu mir, die sagten: „Das hast du gut gemacht.“ Ein Delegierter hat dann so getan, als wäre er ein Sicherheitsbeamter, und mich rausgebracht. Die Sympathie für mich war schon sehr tief.

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Und dann sind Sie abgehauen?

Ich hatte ja keinen Grund mehr, da zu bleiben. Ein paar Tage später habe ich gehört, dass die Polizei wegen Körperverletzung nach mir sucht. Daraufhin bin ich zur Polizei gegangen. Die haben gesagt: „Gut, dass Sie da sind. Sonst hätten wir eine Fahndung ausgeschrieben.“ Obwohl es nur eine Körperverletzung war. Es gibt weitaus schlimmere Sachen, als einen Außenminister blutrot zu markieren.

Für jemanden, der anderen Gewalt vorwirft, ist die Formulierung „nur Körperverletzung“ mindestens grenzwertig. Immerhin ist Fischers Trommelfell gerissen.

Man muss sich ja wehren – so wie Beate Klarsfeld. Es geht um die Markierung eines anderen, um zu zeigen: „Du bist hier einer, der eine Ohrfeige verdient hat.“ Es geht nicht darum, ihm wirklich wehzutun. Man kann da jetzt Gewalt hineinhalluzinieren. Man kann aber auch genauso gut sagen: Das ist eine radikalpazifistische Aktion, die sich gegen den Krieg richtet. Auch die Torte auf Beatrix von Storch von der AfD zum Beispiel ist kein Weltuntergang. Es ist überdies auch nicht so, dass ich nicht vorher überlegt hätte, ob ich das mit dem Farbbeutel vor mir verantworten kann.

Und Sie konnten?

Ja, natürlich. Man will doch anderen nicht unnötig ein Problem bereiten, sich selbst auch nicht. Man muss vor sich moralisch geradestehen.

Es hat nie eine Phase des Zweifels geben?

Nein, warum?

Und so ein Trommelfell heilt, meinen Sie?

Wir haben uns während des Prozesses ja gesehen. Weil Fischer nicht nach Bielefeld gekommen ist, hat die Vernehmung von ihm im Auswärtigen Amt stattgefunden. Dabei hat er gesagt, dass er seit November beschwerdefrei sei. Er saß da auch sehr entspannt.

Sind Sie Fischer bei der Gelegenheit zum letzten Mal begegnet?

Ja. Er hätte sich entschuldigen können. Aber das ist ja nicht sein Stil.

Entschuldigen? Wofür?

Na, er war ja ein bisschen dumm, weil er eine Anzeige wegen Körperverletzung erstattet hat. Die Folge war, dass es einen öffentlichen Prozess gab, an dem Fischer eigentlich kein Interesse hatte. Ich sollte keine Bühne bekommen, um mich politisch noch mal erklären zu können. Nur war Fischer so egoman, Anzeige zu erstatten, obwohl er selbst sogar „Bullen“ verkloppt hat.

Wie lang haben Sie selbst unter dem Schatten Ihres Angriffs gelebt?

Sie fragen mich ja heute noch dazu, über 20 Jahre später. Deshalb ist dieser Schatten sehr lang.

Sie sprechen mit Blick auf den Kosovo-Krieg immer von Völkerrechtsbruch und Krieg und damit von ungerechtfertigter Gewalt. Ich habe den Kosovo-Krieg als Versuch in Erinnerung, die Gewalt auf dem Balkan zu stoppen. Sie nicht?

Das hört sich gut an. Aber die Realität ist eine andere. Vielmehr hat der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Unabhängigkeit Kroatiens anerkannt, was er später selbst als Fehler wahrgenommen hat. Damit wurde das nationalistische Auseinanderdriften Jugoslawiens in Gang gesetzt. Außerdem hat der 1999 amtierende Verteidigungsminister Rudolf Scharping bewusst falsche Angaben gemacht und behauptet, im Kosovo würde ein Völkermord geplant. Man kann ohnehin nicht Feuer mit Feuer bekämpfen. Damit hinterlässt man nur verbrannte Erde.

Selbst wenn, war die moralische Konfliktlage ja zumindest nicht so eindeutig, wie Sie behaupten, nach dem Motto: „Hier sind die Guten, da sind die Bösen.“

Für den von der Nato zerbombten Flüchtlingstreck jedenfalls wurde nie wer zur Verantwortung gezogen. Fischer hatte deshalb auf jeden Fall einen Farbbeutel verdient. Allerdings war er nichts ohne den Opportunismus der Grünen. Manche behaupten zwar, der Farbbeutel habe das Ja der Grünen zum Krieg bestärkt. Doch das ist eine Mär. Der Krieg lief ja längst unter grüner Beteiligung.

Es gab eine Menge Leute, die ebenfalls gegen den Krieg waren und trotzdem nicht so weit gegangen sind wie Sie. Bringt Sie das nicht zum Nachdenken?

Ich bin nicht weit gegangen. Ich war nur ein Teil des Unmuts. Der Farbbeutel hat den Unmut sichtbar gemacht. Das ist nicht mehr wegradierbar. Das mediale Bild war fest eingeschrieben.