Jünger, weiblicher, diverser: wie sich der neue Bundestag zusammensetzt

  • Bis spätestens Ende Oktober muss sich der neue Bundestag konstituieren.
  • Fraktionssitzungen finden bereits jetzt statt – erstmals treffen junge und alte Gesichter aufeinander.
  • Fest steht: Der 20. Deutsche Bundestag wird wohl jünger, (ein wenig) weiblicher und vielfältiger sein.
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Berlin. Blau ist die Farbe der Ruhe, Besonnenheit und Klarheit, heißt es. Vielleicht entschied sich der britische Architekt Norman Foster auch deshalb für diese Farbe, als er in den 1990er-Jahren das historische Reichstagsgebäude in Berlin zum Sitz des Deutschen Bundestages umbaute. Die königsblauen Stühle – der offizielle Ton heißt Reichstags-Blau – prägen das Erscheinungsbild des Plenarsaals bis heute.

+++ Ergebnisse der Bundes­tags­wahl 2021 in allen Wahl­kreisen +++

Künftig werden auf diesen blauen Stühlen 735 Abgeordnete aus sieben verschiedenen Parteien Platz nehmen. Bedingt durch Überhang- und Ausgleichmandate wächst das in der Theorie nur aus 598 Abgeordneten bestehende Parlament seit Jahren. In der 20. Legislaturperiode kommen noch einmal 26 Abgeordnete – und 26 neue blaue Stühle – hinzu. Der Bundestag wird größer denn je, aber auch jünger, weiblicher und diverser.

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Das Durchschnittsalter der Parlamentarier ist nämlich gesunken und liegt bei etwa 47,5 Jahren. Die jüngsten Abgeordneten sind mit 23 Jahren die Grünen-Politikerin Emilia Fester aus Hamburg und der Grünen-Politiker Niklas Wagener aus Aschaffenburg.

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Mit ihrem Podcast „Geyer & Niesmann“ sind Steven Geyer und Andreas Niesmann über das politischen Berlin hinaus erfolgreich – ihre Wahlprognosen im Video.  © RND

Einige Parteien hatten Mitglieder ihrer Jugendorganisationen auf aussichtsreichen Listenplätzen abgesichert. So auch die SPD, die mit 206 Abgeordneten die stärkste Fraktion stellt. 23 Prozent der neuen Sozialdemokraten im Parlament sind Jungsozialistinnen und Jungsozialisten, darunter die Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal und ihr Vorgänger Kevin Kühnert.

Der Bundestag wird weiblicher, wenn auch nur ein wenig: Der Frauenanteil ist leicht gestiegen von 31 auf knapp 35 Prozent. So werden von den 735 Sitzen 480 von Männern besetzt und 255 von Frauen.

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„Der leichte Anstieg nach dieser Wahl ist zwar besser als vorher, aber alles andere als ein Grund zum Jubeln“, sagt die noch amtierende Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Mit fast 70 Prozent Männern im Bundestag wird Politik noch immer männlich betrachtet“, klagt Roth. Sie fordert daher ein „verfassungskonformes Paritätsgesetz“ auf Bundesebene.

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Roth sieht geringen Frauenanteil als Demokratiedefizit

Mit Freiwilligkeit ließen sich die strukturellen Männerbünde und der systemische Sexismus nicht aufbrechen, glaubt die Grünen-Politikerin. „Es wird eine dringende und wichtige Aufgabe der nächsten Regierungskoalition, dieses Demokratiedefizit endlich aufzulösen“, betont sie. „Denn von echter Gleichberechtigung, von vollen gleichen Rechten und gerechten Zugängen sind wir auch 2021 weit entfernt.“

Ungeachtet der Kritik wird das neue Parlament etwas vielfältiger. Mit Reem Alabali-Radovan (SPD) zieht beispielsweise erstmals eine Abgeordnete mit Migrationshintergrund aus Mecklenburg-Vorpommern ein.

Zudem werden mehrere schwarze Menschen im Bundestag sitzen. Der SPD-Politiker Karamba Diaby aus Halle an der Saale hat sein Direktmandat verteidigt. Sein Genosse Armand Zorn aus Frankfurt am Main hat ebenfalls das Direktmandat geholt.

Karamba Diaby (SPD) sitzt bereits seit 2013 im Deutschen Bundestag. © Quelle: imago images/Christian Spicker
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Die Grüne Awet Tesfaiesus aus Hessen nimmt als erste schwarze Frau auf den blauen Stühlen im Plenarsaal Platz. „Für die schwarze Community und insbesondere schwarze Frauen ist das eine weitere Tür, die aufgeht“, sagt Tesfaiesus. „Ein weiterer Schritt, der vielleicht nicht vorstellbar war und nun doch Realität geworden ist.“

In der Unionsfraktion hingegen gibt es weniger Neuzugänge – auch weil die CDU 49 Sitze verloren hat. Die Partei bekommt insgesamt 151, die CSU 45 Sitze. Neu im Parlament ist Ottilie Klein, CDU-Politikerin aus Berlin. Ihr Einzug sei für junge politikinteressierte Frauen „ein gutes Signal“, so Klein zum RND. Er zeige, dass es sich lohnt, in Parteien aktiv zu sein, sagt sie.

Die ersten zwei Transfrauen im Bundestag

Die Grünen bilden die drittstärkste Fraktion mit 118 Abgeordneten. Darunter sind zum ersten Mal zwei offen lebende transgeschlechtliche Frauen: Nyke Slawik aus Leverkusen und Tessa Ganserer aus Nürnberg. „Mein persönlich starkes Ergebnis ist ein deutliches Zeichen für eine offene und tolerante Gesellschaft“, freut sich Ganserer.

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Transperson Tessa Ganserer will in den Bundestag
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Die Grünen-Politikerin Tessa Ganserer macht Wahlkampf in ihrer Heimat Nürnberg.  © AFP
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Ordentlich zugelegt hat die FDP, ihre Fraktion besteht nun aus 92 Abgeordneten. Der Chef der Jungen Liberalen, Jens Teutrine, und die ehemalige Juli-Vorsitzende Ria Schröder aus Hamburg gehören dazu. Die zweitkleinste Fraktion stellt die AfD mit 83 Sitzen – sie ist mit 13 Prozent Frauenanteil die männlichste Fraktion.

Die kleinste Fraktion ist die der Linkspartei mit 39 Sitzen und hat 54 Prozent Frauenanteil. Sie sind knapp an der Fünfprozenthürde gescheitert, konnten aber drei Direktmandate holen – und somit in Fraktionsstärke einziehen. Und dann ist da noch der Südschleswigsche Wählerverband (SSW), der einen Abgeordneten stellt: Stefan Seidler aus Flensburg. Nach mehr als 70 Jahren ist das der Partei der dänischen Minderheit wieder gelungen.

Gemessen an dem teilweise rüden Ton in der vergangenen Legislaturperiode können die Umgangsformen im Hohen Haus eigentlich nur besser werden. Eventuell wirken sich die zusätzlichen blauen Sitze beruhigend aus.

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