Zehn Jahre nach dem Gau: Fukushima will grün werden

  • Das Atomunglück auf der japanischen Insel Honshu hat vor zehn Jahren die Welt erschüttert.
  • Die Regierung in Tokio hält weiter an der Atomkraft fest – auch um des Klimas willen.
  • Die Unglücksregion aber steuert um auf erneuerbare Energien – auch um ihren Ruf zu retten.
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Tokio. Da sitzt der im Lande so berühmte Mann mit der grauen Mähne und verzieht keine Miene. „Wir müssen aus der Atomkraft raus“, sagt er mit ruhiger Stimme. Dass er sich gerade Feinde macht, weiß er.

Immerhin kann er sich bestärkt fühlen durch den nur wenig jüngeren und ähnlich bekannten Herren neben ihm. Der sagt: „Die Katastrophentage damals haben in mir ein Umdenken provoziert. Wir haben es hier mit sehr großen Gefahren zu tun.“ Die Schlagzeilen, die tags darauf die japanischen Medien dominieren werden, sind da vorhersehbar: Junichiro Koizumi und Naoto Kan machen gemeinsame Sache!

Es ist eine Sensation im Kaiserreich. Was hier gerade geschieht, kann eigentlich nicht passieren. Aber auf dieser eigens einberufenen Konferenz im internationalen Pressezentrum Tokios plädieren nun tatsächlich zwei ehemalige Premierminister, die offiziell verfeindet sind, für dieselbe Sache.

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Sie stellen sich damit gegen die aktuelle Regierung ihres Landes. Der 79-jährige Konservative Junichiro Koizumi regierte Japan von 2001 bis 2006 für die auch heute dominierende Liberaldemokratische Partei. Naoto Kan, mittlerweile 74, war vor zehn Jahren für die linksliberale Demokratische Partei an der Macht; er hatte versprochen, das Land in Abgrenzung zu den Konservativen grundlegend zu reformieren. Nur wurde er maßgeblich durch eine Katastrophe daran gehindert. Ein Unglück, das die Welt erschütterte und vielerorts veränderte.

Am Nachmittag des 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke neun den Meeresboden vor der Küste der Hauptinsel. Kurz darauf brach ein Tsunami mit 20 Meter hohen Wellen über die Küste herein. Das direkt am Wasser gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi havarierte. Radioaktivität trat aus. Eine Katastrophe nahm ihren Lauf.

Sofort ordnete Kan Evakuierungen im Kraftwerksumkreis von zehn Kilometern an, die bald auf 20 Kilometer ausgeweitet wurden, dann auf 30. An den Folgetagen begann man, die Opfer des Erdbebens und des Tsunamis zu zählen. Um die 20.000 Menschen starben, 470.000 verloren ihr Zuhause, 165.000 davon in den radioaktiv belasteten Gebieten in Fukushima. Wie in Deutschland wurde auch hier gefragt: Ist die Zeit reif für den Atomausstieg? Ist die einstige Zukunftstechnologie zu gefährlich?

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi in Okuma, Präfektur Fukushima, am 14. März 2011 nach der Explosion infolge eines Erdbebens und Tsunamis. © Quelle: Uncredited/Satellite image ©202
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Die zwei Ex-Premiers, die so oft stritten, sitzen heute nebeneinander wie alte Kumpels. Sie lächeln sich zu, lassen sich ausreden, ergänzen einander. „Alle wissen, dass es viel zu teuer wäre, noch neue Kraftwerke zu bauen. Und dass es keine vernünftigen Wege gibt, den Atommüll zu lagern. Nur gibt es einige im Land, die von der Atomkraft profitieren und es deshalb dabei belassen wollen“, klagt der linksliberale Kan. Der konservative Koizumi fragt: „Japan hat so viele natürliche Energieressourcen von Sonne über Wasser- bis Windkraft. Warum sollten wir etwas benutzen, das teurer und gleichzeitig unsicherer ist?“

Zwei Schnellzugstunden weiter nördlich ist man über das Fragen schon hinaus. Und will aus der Not eine Tugend machen.

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Region der Erneuerbaren

Besuch bei der Regionalregierung von Fukushima, im Zentrum der gleichnamigen Präfekturhauptstadt. In einem Großraumbüro voll Zetteln, Ordnern und Kartons strahlt Shinsuke Kurihana über beide Ohren. „Wir arbeiten hier an einem sehr großen Projekt“, sagt er. „Fukushima ist nicht mehr die Region der Atomkraft. Wir werden gerade die Region der erneuerbaren Energien.“

Kurihana weiß: Fukushima, dieser Name, den vor dem Atom-GAU kaum jemand außerhalb Japans kannte, ist heute weltweit Synonym für eine radioaktive Hölle. Bis heute halten die asiatischen Nachbarn Importstopps für Lebensmittel aus der Region aufrecht. Besucher aus dem Ausland meiden die Gegend. Auch wenn die bleibenden Schäden eher lokal begrenzt sind, leidet die ganze Präfektur unter einem riesigen Imageschaden. Auch zehn Jahre später noch. „Dagegen müssen wir etwas tun“, sagt Kurihana.

Deswegen sei man froh, dass auch die nicht havarierten Reaktoren der 60 Kilometer östlich gelegenen Atomruine Fukushima Daiichi vom Netz genommen worden sind, wie ein weiteres, damals unbeschädigtes Kraftwerk namens Fukushima Daini. „In Fukushima wird nie wieder Atomkraft produziert werden“, sagt er noch mal. Stattdessen: „Bis 2040 werden wir 100 Prozent unseres Energiebedarfs durch Erneuerbare herstellen.“

Auch dank der Wiederaufbaufonds aus Tokio investiert die Präfekturregierung seit einigen Jahren in Solarpanels, die auf verstrahltem Brachland installiert werden, in Windparks vor der Küste oder Wasserkraftwerke und Anlagen für Geothermalkraft. Ein Mitarbeiter von Kurihana reicht eine bunte Broschüre über den Tisch. Bebildert zeigt sie eine beeindruckende Zahl nachhaltiger Energieprojekte. „Mittlerweile kommen Vertreter anderer Präfekturen her, um von uns über grüne Energien zu lernen. Wir haben auch eine Partnerschaft mit dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort haben sie ja auch einen Strukturwandel hinter sich.“ Nun tausche man sich aus. Denn das Potenzial Erneuerbarer, da habe Ex-Premier Koizumi völlig recht, sei enorm.

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Fukushimas Töpferei auf neuem Weg zu altem Glanz
2:17 min
Zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe kommt Fukushimas Töpferei in gewisser Weise wieder nach Hause.  © Reuters

Fukushima ist der nationalen Regierung damit weit voraus. Anruf bei Nobuo Tanaka, einem der renommiertesten Energieexperten des Landes. Zum Zeitpunkt der Katastrophe 2011 führte Tanaka die Internationale Energieagentur in Paris, zuvor hatte er jahrzehntelang für Japans mächtiges Wirtschaftsministerium gearbeitet. Heute berät er diverse Institutionen zu Fragen der Energiewende – und redet strikt gegen einen Atomausstieg.

„Unsere Regierung hat Ende letzten Jahres beschlossen, dass Japan bis 2050 CO₂-neutral werden muss. Der Schritt kam überraschend und auf Druck von außen“, sagt er. Zuvor hatte die EU verkündet, bis 2050 ihre Nettoausstöße des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids auf null zu senken. Im September war der ungeliebte Nachbar China nachgezogen, wenn auch mit einem um zehn Jahre längeren Zeithorizont. So sah sich auch Japans Premier Yoshihide Suga, der zuvor wenig Interesse an diesen Themen zeigte, zur Kehrtwende gedrängt.

Allerdings erklärt Tanaka ungefragt: „Ohne Atomkraft wird dieser Wandel unmöglich sein. Trotz aller Förderungen grüner Energien ist Japan nach wie vor ein eher rohstoffarmes Land.“ Und: „Anders als die Länder der EU sind wir nicht in ein kontinentales Stromnetz in­te­griert.“ Für diese Probleme hat man lange die Atomkraft als beste Lösung gesehen. Vor dem GAU 2011 lag der Atomanteil am Energiemix bei einem Drittel, sollte schrittweise auf 40 Prozent erhöht werden.

Mehrheit für den Ausstieg

Nach der Katastrophe schaltete die Regierung von Ex-Premier Naoto Kan zwar die damals 54 Reaktoren im Land zunächst ab. Wegen der zwangsläufig erhöhten Öl- und Gasimporte stiegen aber sofort die CO₂-Emissionen stark an. Die müssen nun in großen Schritten gesenkt werden. Auch deshalb hat sich Japan anders als etwa Deutschland nicht zum Atomausstieg entschlossen. Unter strengeren Bedingungen sind mittlerweile neun Atomreaktoren erneut am Netz, die 6 Prozent der Stromversorgung bringen. Mehrere Reaktoren sind im Prüfverfahren. „Bis 2030 sollen wieder gut 20 Prozent im Energiemix aus Atomstrom kommen“, sagt Tanaka. Das entspricht dem Plan der Regierung.

Dabei ist Tokios Entscheidung für den Ausbau der Kernkraft umstritten. Einer Umfrage vom Dezember zufolge wünschen sich 67 Prozent der Japaner entweder eine deutliche Reduktion der Atomabhängigkeit oder den Ausstieg. Denn zum Unfallrisiko kommt die ungeklärte Frage nach dem Umgang mit Atommüll. Im leiderprobten Fukushima wollen sogar 68 Prozent der Einwohner, dass gar keine Atommeiler mehr laufen.

Im Obergeschoss des Präfekturregierungsgebäudes von Fukushima-Stadt sagt Shinsuke Kurihana zum Abschluss diesen Satz: „Damit sich Fukushima von der Katastrophe erholen kann, muss die Welt merken, dass wir aus ihr gelernt haben.“ Eine Statistik scheint diese Vermutung zu untermauern: Die für Fukushima wichtige Fischereibranche schafft nur gut 10 Prozent der Umsätze von vor dem Atom-GAU. Japans Nachbarländer wollen weiterhin keinen Fisch aus Fukushima, selbst dann nicht, wenn dieser bei Strahlungstests gut abschneidet.

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Um dieses Stigma zu überwinden, glaubt man in Fukushima, würde ein Atomausstieg für ganz Japan helfen. Nur denkt Tokio nicht daran. Die Premierminister, die für ihn kämpfen, sind nicht mehr im Amt.

Acht deutschen Atom­meilern hat die Bundesregierung noch 2011 in Reaktion auf das ­Unglück von Fukushima die Betriebserlaubnis entzogen. Drei weitere wurden bis 2019 stillgelegt. Die übrigen sechs sollen bis spätestens 31. Dezember 2022 vom Netz gehen.

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