Zwei Wochen Ausschreitungen in Spanien: Barcelona hat genug

  • Vor zwei Wochen wurde der spanische Rapper Pablo Hasél unter anderem wegen Terrorverherrlichung festgenommen.
  • Seitdem kommt es besonders in Barcelona zu Protesten, die fast immer in Gewalt ausarten. Die Geduld der Einwohner ist strapaziert und die Polizei fühlt sich allein gelassen.
  • Doch wer protestiert da eigentlich wogegen?
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Barcelona. „Schließlich sind wir doch das Volk“, sagt ein Kellner in Barcelona, „und wenn wir uns mit uns selber anlegen, dann …“ Er zuckt mit den Schultern. So wie der junge Mann fragen sich viele Leute, gegen wen sich eigentlich die seit zwei Wochen regelmäßig mit Krawall endenden Demonstrationen in ihrer Heimatstadt richten.

Die Videonachrichtenagentur Atlas hat am Sonntag einige Einwohner der spanischen Hafenstadt befragt, so wie den jungen Kellner und ein paar andere. „So geht das nicht weiter. Hier kann man nicht leben“, sagt einer. „Wir sind beunruhigt“, eine andere. „Seit Tagen haben wir keine Müllcontainer mehr“, die nächste, „die Flammen steigen fast bis zu unserem Balkon auf.“

Hasserfüllte Botschaften in Songs und Tweets

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Am Dienstag vor zwei Wochen wurde in Lleida, einer katalanischen Provinzhauptstadt, der Rapper Pablo Hasél verhaftet, um eine Gefängnisstrafe wegen wiederholter Terrorverherrlichung und Opferverhöhnung anzutreten; außerdem hatte er das Königshaus und die Polizei verächtlich gemacht. Die hasserfüllten Botschaften in seinen Songs und Tweets fielen offenbar auf fruchtbaren Boden: Seit seiner Festnahme hat es in vielen spanischen Städten Demonstrationen für seine Freilassung gegeben, die fast immer in Gewalt ausarteten. Das Zentrum dieser Proteste ist Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens. Am Samstagabend setzten Demonstranten hier einen Polizeiwagen in Brand, in dem ein Beamter saß, der sich zum Glück unverletzt retten konnte.

Der Rapper Pablo Hasél wird von Polizeibeamten an der Universität von Lleida (Spanien) festgehalten. © Quelle: Joan Mateu/AP/dpa

„Was sie bewegt, ist der Hass auf die Polizei“

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Dieses Jahr jährt sich zum zehnten Mal die Geburt der spanischen Protestbewegung 15-M (was für den 15. Mai steht, den Tag der ersten Madrider Großdemonstration im Jahr 2011). Über Monate demonstrierten Zehntausende Menschen in fast allen Städten Spaniens für eine gerechtere Wirtschaftsordnung. Sie bauten – als Vorläufer der internationalen Occupy-Bewegung – Protestlager auf, das berühmteste auf der Puerta del Sol in Madrid, wo einige Aktivisten monatelang aushielten. Getragen wurde der Protest von einer gewaltigen Sympathiewelle unter fast allen Spaniern. Es half, dass alles friedlich blieb, fast immer, fast überall.

Mit jenen Protesten haben die heutigen so gut wie nichts gemein. Die Demonstrationen sind unangemeldet, unter den Teilnehmern gibt es keine öffentlichen Debatten, selbst Transparente sind nur wenige zu sehen. Der Protestzug am Samstag in Barcelona mit rund 4000 Teilnehmern stand unter dem Motto: „Bis sie stürzen. Nichts zu verlieren. Alles zu gewinnen.“ Der Zusammenhang mit der Verhaftung Pablo Haséls ist ein sehr entfernter. Die anschließende Gewalt geht von ein paar Hundert Leuten aus. Der Fernsehjournalist Manu Marlaska beschreibt die Randalierer so: „Was sie bewegt, ist der Hass auf die Polizei.“ Es sind junge Leute mit einer sehr alten Motivation.

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Nach Festnahme eines Rappers: Erneut Krawalle in Spanien
0:58 min
In Barcelona und Madrid kam es bei Protesten gegen die Verurteilung des Rappers Hasél zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten.  © Reuters

Polizisten fühlen sich allein gelassen

Der amtierende katalanische Innenminister, Miquel Sàmper, brachte den gewalttätigen Protest in einem Radiointerview am Montagmorgen mit der Jugendorganisation der linksrevolutionären CUP (Kandidatur der Volkseinheit) in Verbindung. Das ist brisant. Die CUP ist bei den jüngsten katalanischen Wahlen vor gut zwei Wochen mit 6,7 Prozent der Stimmen wieder ins Regionalparlament gewählt worden. Die beiden großen separatistischen Parteien, ERC und JxCat, verhandeln mit der CUP über eine Unterstützung für die Regierungsbildung. Auf der Agenda der CUP steht unter anderem die Auflösung der Einheit für öffentliche Ordnung der katalanischen Regionalpolizei.

Die Polizisten, die jeden Abend den Kopf hinhalten, fühlen sich gerade ziemlich verlassen. „Während sich die Politiker verstecken, werden wir alles Nötige tun, damit die Verantwortlichen das ganze Gewicht der Justiz zu spüren bekommen“, schrieb die Polizeigewerkschaft Sapol am Sonntag nach den schweren Angriffen vom Vorabend. Barcelona hat genug von fliegenden Steinen, brennenden Barrikaden und geplünderten Geschäften.

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