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Zeitumstellung? Schluss mit dem Unfug – her mit der ewigen Sommerzeit

Die Sommerzeit kommt: Am 31. März werden die Uhren von zwei Uhr auf drei Uhr umgestellt.

Die Sommerzeit kommt: Am 31. März werden die Uhren von zwei Uhr auf drei Uhr umgestellt.

Am Wochenende schlägt mitten in der Nacht die große Stunde der Atomuhr an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig – zum 79. Mal. Das Funksignal, mit dem dieses Wunderwerk der Technik zweimal im Jahr die Sommerzeit startet oder stoppt, hat weitreichende Folgen. Es entscheidet darüber, ob draußen in der Welt Züge fahren oder nicht. Ob morgens die Kühe schreien, weil sich ihre Euter nicht an Atomuhren halten. Und ob Millionen muffelige Kinder mit halb offenen Augen Cornflakes mümmeln oder einigermaßen geradeaus in die Welt blicken.

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In der Nacht zum Sonntag wird die Atomuhr den Europäern eine Stunde Schlaf stehlen. Die Sommerzeit beginnt. Die Uhren werden von 2 auf 3 Uhr vorgestellt. Das ist nicht nett. Und es ist Unfug.

Was spricht für und was gegen die Zeitumstellung?

Spart die Zeitumstellung wirklich Energie? Und stimmt es, dass es der Gesundheit schadet, wenn am Zeiger gedreht wird?

Eine Mehrheit der Europäer will eine konstante Zeit – aber welche?

Einer großen Mehrheit der Europäer geht die Sache schon lange auf die Nerven – im Wortsinne. Die EU-Kommission hat im Jahr 2018 die rund 500 Millionen Menschen in Europa zur Teilnahme an einer Umfrage aufgerufen, ob sie die Zeitumstellung gut heißen. 4,6 Millionen Europäer beteiligten sich, 84 Prozent der Teilnehmer sagten: Nein, die Zeitumstellung gehört abgeschafft. “Die Menschen wollen das, wir machen das”, sagte prompt der damalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Aber welche Zeit soll dann dauerhaft gelten? Sommer- oder Winterzeit?

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Eine politische Mehrheit für eine einheitliche europäische Standardzeit ist inzwischen wieder in weite Ferne gerückt. Und so bleibt es vorerst dabei: Zweimal im Jahr stürzt eine sinnlose Direktive allein in diesem Land den Biorhythmus von 80 Millionen menschlichen und Milliarden tierischen Organismen ohne Not ins Chaos.

“Die Menschen wollen das, wir machen das”: Der damalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker blickt 2018 auf seine Armbanduhr. Er wird sie voraussichtlich noch einige Male umstellen müssen.

“Die Menschen wollen das, wir machen das”: Der damalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker blickt 2018 auf seine Armbanduhr. Er wird sie voraussichtlich noch einige Male umstellen müssen.

Die Sommerzeit ist ein Anachronismus aus einer Zeit mit vierstelligen Postleitzahlen, roten Kaugummiautomaten und Trimm-dich-Pfaden. Mehr Tageslicht, weniger Energieverbrauch. Das war bei der Einführung 1980 das Ziel, nachdem man unter dem Eindruck der Ölkrise eine Idee aus dem Ersten Weltkrieg hervorgekramt hatte. Es hat nie funktioniert. Und es ist im Zeitalter der Energiesparbirne noch hirnrissiger geworden. Denn die paar Watt, die wir beim Licht sparen, ballern wir an Heizungsenergie doppelt wieder heraus, weil wir an kühlen Sommermorgen die Heizlüfter voll aufdrehen.

“Vor dem Schlafen keine Schreckensnachrichten”

Die unsinnige Umstellung ist Schwerstarbeit für einen Körper. “Die innere Uhr ist träge und passt sich nicht so schnell an die soziale Zeit an”, sagt der Schlafforscher Hans-Günter Weeß, Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum. Sein Rat unter anderem: “Gerade in Corona-Zeiten sollten wir vor dem Schlafen keine Schreckensnachrichten mehr lesen, die uns aufwühlen.”

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Doch auch ohne Corona: Was soll der Unfug noch? Die Symptome einer Gesellschaft im kollektiven Tran sind vielfach beschrieben: mehr Unfälle, teure Logistikprobleme, verstärkter Herbstblues, Schlafmittelboom, mehr totgefahrenes Wild, erhöhtes Herzinfarktrisiko. Diverse Studien zeigen, dass die Umstellung der Natur des Menschen widerspricht – ganz egal, ob er Frühaufsteher ist oder Langschläfer. Für vier von fünf Deutschen bedeutet die Sommerzeit, dass ihr Körper zweimal im Jahr umgerechnet den Strapazen einer Reise nach Marokko ausgesetzt wird – mit allen biologischen Folgen. Wozu das Ganze? Der Hormonhaushalt braucht bis zu vier Monate, um sich einzupendeln. Folge: Wir leben fast durchgehend neben der Spur.

“Ein Flickenteppich wäre wirtschaftlich fatal”

Auch die Wirtschaft wünscht sich ein Ende des Unfugs. Sie ist für die Sommerzeit. „Die deutsche Wirtschaft ist für die Abschaffung der Sommerzeit, sofern die EU eine einheitliche Standardzeit für Europa gewährleistet", sagt Robin Kunst., Referent für Mobilität und Logistik beim Bundesverband der Deutschen Industrie. Das würde Betriebsabläufe erleichtern, zum Beispiel bei der Bahn. Aber: “Der Vorschlag der EU-Kommission geht leider viel weiter”, beklagt Kunst. “Jeder EU-Mitgliedsstaat könnte individuell eine Standardzeit festlegen. Das stellt die einheitliche mitteleuropäische Zeit komplett in Frage. Es droht ein Flickenteppich von unterschiedlichen Standardzeiten in Europa. Das wäre wirtschaftlich fatal.”

Eine einheitliche EU-Standardzeit? Liegt im Moment in weiter Ferne.

Eine einheitliche EU-Standardzeit? Liegt im Moment in weiter Ferne.

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Drohen diverse Zeitzonen auf einem Kontinent? Im EU-Rat, in dem die Fachminister versammelt sind, ist eine Einigung über eine allgemeine Standardzeit nicht in Sicht. Die Kommission möchte wechselnde Zeitzonen von Land zu Land auf jeden Fall vermeiden. Das EU-Parlament plädierte im vergangenen Jahr für das Ende der Sommerzeit 2021. Das ging den Mitgliedsländern zu schnell, denn auch die Sommerzeit hat ihre Freunde.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Die Mitgliedsstaaten sollen sich nun einigen, ob in Zukunft die Sommerzeit oder die Normalzeit dauerhaft gelten soll. Die EU-Staaten sind gehalten, der EU-Kommission bis April mitzuteilen, welche Zeit sie beibehalten wollen. Im März 2021 soll dann zum letzten Mal die Zeitumstellung auf Sommerzeit erfolgen. Diejenigen Länder, die sich für die dauerhafte Winterzeit entscheiden, stellen im Oktober 2021 um.

Eine Einigung auf eine gemeinsame Zeit ist nicht absehbar. Man muss sich die Situation zwischen den EU-Mitgliedsländern ungefähr so vorstellen: Spanien will Siesta von April bis September. Norwegen fragt, was das denn sei: Sommer? Griechenland fragt, was das denn sei: Uhr? Italien will die Zahl der Wochenarbeitsstunden grundsätzlich auf elf verringern. England will ganz raus aus dem Stundensystem und die Zeit künftig in Pfund und Pence berechnen. Malta will wissen, worum es geht. Luxemburg will wissen, warum ihm wieder keiner was gesagt hat. Und Holland will wissen, ob noch einer was zu Rauchen hat. Gut – das ist etwas überspitzt. Aber der Kern bleibt: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Deutschland will die dauerhafte Sommerzeit

Finnland etwa – ohnehin nicht gesegnet mit vielen Sonnenstunden – wünscht sich eine dauerhafte Winterzeit. Und Deutschland? Ist mehrheitlich für eine dauerhafte Sommerzeit. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich dafür ausgesprochen. Dafür gibt es viele gute Gründe – aber das sagt sich leicht als Bewohner eines Landes in der Mitte des Kontinents. Tschechien, Bulgarien, Finnland und die Niederlande wollen lieber eine dauerhafte Winterzeit. Und auch Spanien und Portugal könnten sich für diese Variante entscheiden, denn dauerhafte Sommerzeit – das hieße für sie: Im Winter ist es bis etwa 10 Uhr vormittags dunkel.

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Vorerst aber endet die Sommerzeit wieder – am letzten Sonntag im Oktober. Dann werden die Uhren wieder auf die Normalzeit (“Winterzeit”) zurückgestellt. Und der hiesigen Menschheit wird wieder ein sinnloser biologischer Krisenmodus aufgezwungen. Und 500 Millionen Europäer schlurfen wochenlang bettreif herum wie Professor Hastig aus der “Sesamstraße”.


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