Zehn Jahre nach seinem Tod: Robert Enkes letzter Auftrag

  • Zehn Jahre nach dem Suizid von Nationaltorwart Robert Enke haben sich viele gute Vorsätze nicht erfüllt.
  • Der Druck im Profisport bleibt hoch, das Land ist nicht rücksichtsvoller geworden.
  • Was sich geändert hat, ist der Blick auf Depressionen, meint Enkes Freund und Biograf Ronald Reng.
Ronald Reng
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An der Leinwand im Hörsaal der Universität Jena hing noch ein Foto von Robert Enke. Ich packte meine Notizen zusammen, mein Vortrag über Robert, seine Krankheit und Depressionen im Allgemeinen war zu Ende. Ein paar Leute kamen zurückhaltend, geradezu vorsichtig nach vorne, um etwas nachzufragen oder anzumerken. Stefan Treitl wartete, bis alle anderen gegangen waren.

Er leitet die Nachwuchsakademie des Fußball-Drittligisten Carl-Zeiss Jena, er hatte den Vortrag organisiert. „Es waren ja auch ein paar unserer jüngeren Jugendspieler hier“, begann er. „15-Jährige.“

„Und? Haben sie den Vortrag verstanden oder war er zu schwierig für ihr Alter?“

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„Verstanden haben sie es schon. Aber sie wussten gar nicht, wer Robert Enke war.“

Den Satz hatte ich noch nie gehört. Bis dahin hatte ich ausnahmslos Leute getroffen, die mir ganz genau sagen konnten, ganz genau sagen mussten, wo sie am 10. November 2009 gewesen waren, als sie die Nachricht traf, Robert Enke, Deutschlands Nationaltorwart, habe sich das Leben genommen. Aber auch das gehört logischerweise zu seinem zehnten Todestag: Es gibt nun erstmals eine Generation, die keine persönlichen Erinnerungen an Robert Enke hat.

Was sich aufgrund von Roberts Suizid geändert habe, wird anlässlich des zehnten Todestages ständig reflexartig gefragt, und dabei schwingt zu oft die absurde Erwartung mit, der Tod eines geliebten Menschen könne ein ganzes Land milder, rücksichtsvoller machen. Was sich zehn Jahre danach zunächst einmal geändert hat, ist unser Blick auf Robert Enke. Heute, da eine erste Generation ihn gar nicht mehr kennt, wird er zwangsläufig immer mehr auf seine Krankheit reduziert: Enke. Der Torwart, den die Depressionen töteten. Daran ist nichts Verwerfliches. Und doch denke ich, es wäre wichtig, sich detaillierter an den Menschen Robert Enke zu erinnern, an sein Lachen, seine Empathie, seine Druckresistenz in gesunden Tagen – auch um Depressionen besser zu verstehen und zu bekämpfen. Denn das ist das Einzige, was sich nach seinem Tod ändern konnte, ändern musste: Die Aufklärung über psychische Krankheiten und ihre Behandlung sollten besser werden.

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Kampf im Kopf: Was der Tod von Robert Enke bewirkte
3:06 min
Er war Nationalspieler, erfolgreich und ernsthaft krank. Robert Enke nahm sich vor zehn Jahren völlig überraschend das Leben. Ein Blick zurück.  © Evangelischer Kirchenfunk Niedersachsen

Fünf Millionen Erkrankte

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Ich habe noch tausend Erlebnisse mit Robert in szenischer Klarheit vor mir. Der Tod eines Freundes schärft offenbar die Erinnerung. Ich weiß noch die Uhrzeit, als wir an seinem Todestag zum letzten Mal telefonierten: 12.36 Uhr. Ich sehe ihn noch nach dem Training beim großen FC Barcelona im August 2002 im Gras des Trainingsplatzes liegen, auf einen Ellenbogen gestützt, und lässig wie James Dean herübergrüßen, ein Mann, beseelt vom Gefühl, ganz oben angekommen zu sein. Und ich sehe ihn nur fünf Monate später vor mir, auf einem Ledersofa in Barças Stadionlounge, als sein Gesicht zur Steinmaske geworden war, keine Geste mehr möglich. Die Depression hatte ihn erstmals voll erwischt. Es sind ganz normale Menschen, die an Depressionen erkranken, jedes Jahr fünf Millionen in Deutschland nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Man braucht dazu nicht dem hohen Druck des Profifußballs ausgesetzt zu sein, das ist so ein Quatsch, der seit Roberts Tod bei vielen vage im Kopf herumspukt. Viele Menschen haben eine genetische Anfälligkeit für Depressionen, genauso wie viele Menschen einfach aus biologischen Gründen an Krebs erkranken. Die meisten erholen sich von ihren Depressionen. Nur in rund 0,2 Prozent der Fälle treibt die von der Krankheit gestörte Wahrnehmung, die gefühlte Aussichtslosigkeit, Depressive in den Suizid.

Ich verstand von alldem nichts, bis Robert starb. Ich las seine Tagebücher, ich sprach mit seiner Frau Teresa, mit Psychiatern, und irgendwann hatte ich das Gefühl, das ist Roberts letzter Auftrag: Erkläre den Leuten Depressionen! Ich schrieb einen Brief an einen anderen Profifußballer, der einmal an der Krankheit gelitten hatte, Martin Amedick, und zusammen ziehen wir nun für die Robert-Enke-Stiftung durch das Land, um vornehmlich in den Nachwuchsleistungszentren des Profifußballs Heranwachsende auf anschauliche Weise aufzuklären: Was sind Depressionen, was sind keine, was tut man dagegen; warum muss man keine Angst davor haben? Wir schildern, wie Robert in Momenten der Krankheit nicht einmal mehr in der Lage war, einen Telefonanruf entgegenzunehmen, und wir zeigen, dass Martin Amedick heute wieder gesund, voller Lebenskraft vor ihnen steht. Manchmal kommt ein Zuhörer danach zu mir und ich ahne aufgrund seiner Worte: Der hat gar nichts kapiert. Oft aber entstehen nach unserem Vortrag erfüllende Diskussionen, etwa wenn ein Junge davon erzählt, dass er sich vor Anstoß des Jugend-Bundesliga-Spiels schon mal vor Nervosität mitten auf dem Spielfeld übergeben musste, und wir einordnen können, das sei krankhafter Stress. Davon kriegt man keine Depression, womöglich aber Magengeschwüre, wenn er nicht mit einem Psychologen daran arbeite.

Was hat sich geändert?

Andere tun viel mehr als ich, zuvorderst Roberts Frau Teresa, die als Vorsitzende der Enke-Stiftung Dutzende Initiativen vorangetrieben hat, etwa eine Hotline und eine App für Menschen, die bei sich oder Verwandten psychische Probleme vermuten. Carsten Linke, ein ehemaliger Fußballer von Roberts letztem Verein Hannover 96, arbeitet heute als Sporttherapeut mit seelisch Erkrankten im Klinikum Wahrendorff. Roberts Psychiater, Valentin Markser, half federführend mit, ein Netz von mehr als 70 Sportpsychiatern in Deutschland aufzubauen. Jeder Sportler in psychischen Schwierigkeiten findet heute schnell eine Anlaufstelle, während Robert Enke damals nicht wusste, wohin. Ich denke, dies sind die einzigen gültigen Antworten auf die Frage: Was hat sich geändert? Die Versorgung und das Verständnis für Depressionen sind ein klein wenig besser geworden.

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Vor einigen Monaten besuchte einmal ein interessierter Mann die Robert-Enke-Stiftung, um zu hören, was zur Aufklärung von Depressionen alles getan werden könnte. Teresa, Martin Amedick und ich redeten mit ihm, und anscheinend war er beeindruckt, obwohl wir vor Aufregung alles vergaßen, was wir sagen wollten. Es war Prinz William. Er engagiert sich, wohl aus familiären Gründen, sehr im Kampf gegen seelische Krankheiten. Ein Satz von ihm ist mir in Erinnerung geblieben, obwohl mir schwindlig vor Nervosität war: Es gehe darum, die Krankheit „zu normalisieren“. Also ernsthaft, aber unverkrampft mit ihr umzugehen. „Absolut“, entgegnete ich, gespielt ruhig, Prinz William. Als ich die Szene später zu Hause noch einmal Revue passieren ließ, stand wie so oft in den vergangenen zehn Jahren in meiner Fantasie wieder Robert Enke an meiner Seite. „So so, jetzt reden Teresa und du also mit Prinz William“, sagte Robert zu mir, und ehe ich „Du blöder Hund!“ antworten konnte, tat er, was er so wunderschön konnte: Er lachte, ein wenig neckisch, und doch voller Empathie.