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Wirt bietet Senioren trotz Lockdown einen Tisch an: „Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke“

  • Während des Lockdowns ist es Lokalinhabern untersagt, ihr Restaurant oder Café für Gäste zu öffnen.
  • Das weiß auch Uwe Kreide, der das Lokal „Zur Erholung“ in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) betreibt.
  • Dennoch bietet er einigen seiner Gäste einen Tisch an und nimmt ganz bewusst Bußgelder in Kauf.
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Weißenfels. Uwe Kreide ist Betreiber eines Lokals in Sachsen-Anhalt. Er musste seine Gartengaststätte „Zur Erholung“ in Weißenfels wegen des Corona-Lockdowns für Gäste schließen. Stattdessen bietet der 56-Jährige sein Essen zum Abholen oder per Lieferung an. Zu seinem Restaurant gehört ein Garten. „Da gehen Leute auch im Winter gerne spazieren“, erklärt Kreide gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das seien meist ältere Menschen, für die er bewusst die aktuell geltenden Regeln bricht. Der Wirt lädt manche Senioren in sein Lokal ein und bietet ihnen – unter strenger Beachtung der Hygieneregeln, versichert er – am Tisch einen Kaffee an. „Das sind nicht viele, vielleicht eine Person am Tag, manchmal auch zwei. Die gehen teilweise am Rollator oder auf Krücken. Soll ich denen einen Kaffee zum Mitnehmen geben?“

Während jüngere Menschen sein Bestellangebot über das Internet nutzen würden, hat Kreide Mitleid mit den älteren Menschen. „Die meisten haben keine digitalen Geräte oder einen Zugang zum Internet. Ich achte das Alter, so bin ich erzogen worden. Man muss den älteren Leuten doch helfen dürfen. Die Menschlichkeit bleibt gerade auf der Strecke“, erklärt der 56-Jährige. „Die Senioren sind so dankbar, dass sie sich bei mir aufwärmen und einen Kaffee trinken können.“

Noch kein Bußgeld

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Die Gastfreundlichkeit des Wirtes trotz des Corona-Lockdowns habe sich im Ort schnell herumgesprochen. Unlängst standen Mitarbeiter des Ordnungsamtes vor seiner Tür und kontrollierten das Lokal. „Ich weiß, dass das verboten ist, was ich tue. Sie haben mich ermahnt“, so Kreide. „Ich habe sie dann noch gefragt, ob sie mir einen Tipp geben können, was ich sonst für die älteren Menschen tun kann. Ich habe keine Antwort bekommen.“ Ein Bußgeld musste Kreide bislang nicht zahlen. Bei Öffnung einer Gaststätte für den Publikumsverkehr können in Sachsen-Anhalt 1000 Euro fällig werden.

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Uwe Kreide versteht sich weder als Corona-Leugner noch als Verschwörungstheoretiker. „Wir haben ein Krankenhaus in der Nähe, dort ist die Corona-Station voll“, sagt der 56-Jährige, der als Asthmatiker selbst zur Risikogruppe gehört. Das Umfeld des achtfachen Familienvaters sei bisher von Infektionen mit dem Coronavirus verschont geblieben. Die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Pandemie akzeptiere er – bis zu einem gewissen Grad. „Aber wenn die Menschlichkeit aufhört, habe ich dafür kein Verständnis mehr.“

Erst im Juli 2020 eröffnet

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Der Restaurantinhaber habe es derzeit finanziell nicht leicht. „Das ist das reine Überleben, ein Existenzkampf“, sagt er. Trotz seines Liefer- und Abholangebots seien seine Kosten nicht gedeckt.

Kreide hatte sein Lokal erst im Juli 2020 eröffnet. Im Sommer sei es auch noch gut gelaufen. „Wir haben eine große Terrasse, wo wir unter den geltenden Bedingungen gut arbeiten konnten. Das hat alles gepasst.“ Der zweite Lockdown im November habe ihn und seine Frau, die ihn im Restaurant unterstützt, hart getroffen. Unter normalen Umständen würden knapp 70 Personen in seiner Gartengaststätte „Zur Erholung“ Platz finden, derzeit sind es nur ein oder zwei Senioren pro Tag.

RND/nis

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