Wie Indonesien seine Korallen retten will

  • Indonesien ist einer der sechs Anrainerstaaten des berühmten Korallendreiecks.
  • Die Unterwasserwelt im Indopazifik bildet die Lebensgrundlage für Millionen Menschen, doch die haben in den vergangenen Jahrzehnten großen Schaden angerichtet.
  • Über 500 Projekte sollen nun helfen, die Korallen wieder zu restaurieren.
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Beim Thema Umwelt­schutz hat Indonesien nicht den besten Ruf. Verseuchte Flüsse, abgeholzte Regen­wälder und Wald­brände, die selbst die Nachbar­länder in dicke Rauch­wolken hüllen, haben dem südost­asiatischen Insel­staat ein schlechtes Image verliehen. Auch die sensiblen Korallen­riffe in der Region haben neben dem Klima­wandel vor allem unter Wasser­verschmutzung und Über­fischung schwer gelitten. Destruktive Fischerei­techniken wie das Dynamit­fischen haben nicht nur den Arten­reichtum in der vielfältigen Unterwasser­welt dezimiert, sondern auch die Riffe selbst zerstört.

Doch ein Umdenken hat eingesetzt und seit den 1990er-Jahren hat Indonesien mehr als 500 Projekte angestoßen, um Korallen­riffe wieder zu restaurieren. Laut einer Studie der indonesischen IPB-Universität, die sich derzeit noch im Peer-Review-Prozess befindet, hat der südost­asiatische Insel­staat damit mehr Aufwand bei Korallen­restaurations­projekten betrieben als jedes andere Land der Erde.

Indonesien führend bei der Korallen­restauration

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„In den letzten Jahren wurden weltweit enorme Anstrengungen unternommen, um Riffe wieder zu regenerieren“, sagte Tries Razak, eine Wissenschaftlerin an der IPB-Universität in Westjava, die die Studie leitete. „Vor allem Australien hat etliche Projekte angestoßen, doch in Bezug auf die Anzahl der dokumentierten Projekte ist Indonesien derzeit führend.“ Die meisten dieser Projekte gehen dabei von der indonesischen Regierung aus, die bis 2030 auch bis zu 30 Millionen Hektar Ozean in Meeres­schutz­gebiete verwandeln möchte.

Andrew Taylor, ein kanadischer Meeres­biologe und Direktor von Blue Corner Marine Research, leitet seit 2018 ein Riff­projekt vor Nusa Penida, einer Insel südöstlich von Bali. Die dortigen Korallen sind durch Abwässer, Algen­zucht, Über­fischung sowie den Bau eines neuen Fähr­hafens belastet. Laut Taylor befinden sich rund um die Insel gleich mehrere stark beschädigte Riffe. „Diese sind aufgrund von physischen Schäden durch Boots­anker, Schlepp­netze und Touristen, die von Pontons aus auf die Korallen getreten sind, in toten Schutt verwandelt worden“, schrieb er in einer E-Mail.

Strukturen im Meer als künstliches Riff

Das Restaurations­projekt, an dem Taylor arbeitet, zielt darauf ab, diese Degradierung umzukehren und das tote Riff wieder in ein gesundes Öko­system mit lebenden Korallen zu verwandeln. Dafür musste der Biologe zunächst die Struktur des Riffs wieder aufbauen. Sein Team und er installierten Rahmen am Meeresboden, die im Anschluss mit ausgewählten Korallen­arten bestückt wurden. „Der Wieder­aufbau der Strukturen war notwendig, um einen Lebens­raum zu schaffen“, erklärte der Forscher. Auf diese Weise konnten letztendlich auch wieder Fische und andere Meeres­organismen angelockt werden, die für die verschiedenen symbiotischen Beziehungen zwischen Korallen und anderen Arten am Riff notwendig sind.

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Korallen­riffe bilden den Lebens­raum für ein Viertel aller Tier- und Pflanzen­arten im Meer: In den verästelten Labyrinthen wächst der Fisch­nachwuchs auf, geschützt vor Räubern und den Launen der Natur. Doch auch für den Menschen sind sie unverzichtbar: Über 500 Millionen Menschen sind weltweit von den Riffen abhängig. Beispielsweise schützen Riffe die Küsten­gebiete bei Stürmen vor Erosion. Außerdem bieten sie eine wichtige Einnahme­quelle – nicht nur im Tourismus. In vielen tropischen Ländern wie Malaysia oder Indonesien ist der Fischfang eine der Haupt­nahrungs­quellen und ohne Riffe verschwinden auch ihre Bewohner.

Von der Unterwasser­wüste zum Korallen­garten

Korallen gehören wie auch Quallen und Seeanemonen zu den Nessel­tieren, doch sie teilen auch einige Eigenschaften mit Steinen und Pflanzen. Beispielsweise produzieren sie Kalkstein­skelette und leben in enger Partnerschaft mit winzigen Algen. Letztere verleihen den Korallen ihre bunten Farben und produzieren mithilfe des Sonnen­lichts Nahrung für sie. Da Korallen sich geschlechtlich, aber auch ungeschlechtlich vermehren, können abgebrochene Korallen­fragmente durchaus wieder am Meeresboden weiterwachsen und einen neuen Korallen­stock bilden.

Dieses Prinzip haben sich auch Forscher wie Taylor bei ihrer Rehabilitations­arbeit zunutze gemacht. Nusa Penida ist ein gutes Beispiel dafür: Was vor wenigen Jahren noch wie eine Abraum­halde unter Wasser aussah – fast völlig verwaist mit nur noch wenig Meeres­leben –, beginnt sich inzwischen wieder zu erholen. Auf über 300 Strukturen haben Andrew Taylor und sein Team inzwischen über 15.000 Korallen­fragmente angesiedelt und die „Unterwasser­wüste“ hat sich auf diese Weise wieder in eine Art Korallen­garten verwandelt, in den auch Fische und andere Meeres­tiere zurück­gekehrt sind.

Wenig Langzeit­überwachung

Doch nicht alle Projekte sind so erfolgreich wie das von Taylor. Laut des Leibniz-Zentrums für Marine Tropen­forschung (ZMT) in Bremen ergaben Studien zwar, dass rund 60 bis 70 Prozent einer Nachzucht zumindest die ersten Monate im Riff überleben. Doch Sebastian Ferse, ein Riffökologe am ZMT, warnte dabei auch, dass diese Zahl „trügen“ könne, da langfristige Kontrollen bisher selten seien. „Es kann durchaus vorkommen, dass schon nach zwei Jahren weniger als jeder zehnte Setzling am Leben ist“, so Ferse.

Auch Tries Razak gibt zu bedenken, dass weniger als 20 Prozent aller Projekte auf längere Sicht angelegt sind und deswegen wenig Langzeitüberwachung stattfindet. „Einige Projekte arbeiten zudem mit Strukturen, die wenig umweltfreundlich sind oder Strömungs- und hydrodynamische Kräfte auf Dauer nicht überstehen können“, sagte die Forscherin. Trotzdem helfe jedes Restaurations­projekt für sich, Riffen zumindest wieder „eine Starthilfe“ zu geben.

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