Wie abends in Paris die Schaufensterlichter ausgehen

  • In Frankreich begeben sich Parkourläufer am Abend trotz der Ausgangssperre in die Einkaufsstraßen.
  • Dort klettern sie die Wände hoch und schalten die Lichter von Schaufenstern aus.
  • Sie vereinen Sport mit einer Geste für die Umwelt.
Lisa Louis
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Seit vier Monaten klappt ganz Frankreich abends die Bürgersteige hoch. Die nächtliche Ausgangssperre ab 18 Uhr beziehungsweise inzwischen ab 19 Uhr, die nach dem zweiten Lockdown Mitte Dezember wegen Covid-19 in Kraft trat, gilt auch heute noch. Und während dadurch abends kaum noch eine Maus draußen zu sehen ist – außer denjenigen, die nachts arbeiten müssen –, zieht eine Gruppe junger Männer des Parkourkollektivs On The Spot durch die Straßen der Hauptstadt Paris.

Sie laufen an Wänden hoch, um die Beleuchtung von Schaufenstern auszumachen. Dadurch wollen sie Bewusstsein für Lichtverschmutzung und Energieverschwendung wecken. „Als ich vor etwa 13 Jahren mit dem Parkourlauf anfing, ging es mir nur um die sportliche Herausforderung“, sagt der 28-jährige Kevin Ha, der Chef des Kollektivs ist und gerade eine Doktorarbeit in Meeresforschung schreibt. „Aber was wir jetzt machen, hat wirklich Sinn.“

Parkoursportler gegen zusätzlichen Stromverbrauch

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Denn anders als sonst überwinden Ha und seine Kollegen nicht einfach nur alle möglichen Hindernisse – man kennt Parkourläufer hauptsächlich aus Videos, in denen sie gewagte Sprünge von Balkon zu Balkon oder über Dächer vollziehen. Das Ziel ist dabei, mehr oder weniger direkt von A nach B zu kommen. Anstatt über Dächer hüpfen die Sportskanonen nun abends nach Beginn der Ausgangssperre die Wände von Geschäften hoch, um einen Notschalter für die Feuerwehr zu betätigen, der den Strom in Vitrinen ausschaltet. Dabei rennen sie mit Vollgas bis zur Wand, stoßen sich mit einem Fuß von dieser ab und nutzen den Elan, um mit der Hand an den Schalter zu kommen.

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„So wird nicht noch zusätzlicher Strom verbraucht und Licht in die Atmosphäre geschickt – vor allem, wenn sich jetzt abends sowieso keiner mehr die Schaufenster anguckt!“, meint Ha. Im Moment sind er und seine Kumpanen häufig mit ein paar Journalisten im Schlepptau unterwegs – das gibt ihnen einen legitimen Grund, trotz der Ausgangssperre draußen zu sein. Die übliche Strafe von 135 Euro mussten sie so noch nie zahlen. Aber auch nach dem Ende der Ausgangssperre wollen sie natürlich mit den nächtlichen Touren weitermachen.

Gesetz wird nicht durchgesetzt

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On the Spot ist nicht die einzige Parkourgruppe, die in Frankreich die Lichter ausschaltet. Damit angefangen hatte vergangenen Sommer ein Kollektiv in der bretonischen Hauptstadt Rennes, das sich Wizzy Gang nennt. Durch seine Aktionen hat es auch junge Leute in anderen Teilen des Landes inspiriert, wie zum Beispiel in Marseille.

All das hat übrigens eine rechtliche Basis: 2013 hat Frankreich in einem Gesetz beschlossen, dass Lichter in Schaufenstern und Büros ab ein Uhr morgens ausgeschaltet sein müssen. Sonst droht eine Strafe von 750 Euro. Doch durchgesetzt wird das Gesetz bisher kaum. Die nächtlichen Aktionen könnten da mehr Wirkung haben: „Wir haben festgestellt, dass manche der Läden, deren Lichter wir abschalten, diese nun von allein abends ausschalten – das ist doch schon ein echter Fortschritt“, meint Ha. Er fügt mit einem Lächeln hinzu: „Unsere Sprünge sind ein kleiner Schritt für uns Menschen, doch ein großer Schritt für den Planeten.“

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