• Startseite
  • Panorama
  • Weltknuddeltag 2021: Tag der Umarmung und Berührung - in Zeiten der Pandemie ein verbotener Feiertag - gibt es Alternativen?

Das verbotene Jubiläum: Der Weltknuddeltag wird 35

  • Berührungen sind ein No-Go in der Pandemie.
  • Für unsere Psyche ist das jedoch alles andere als gut.
  • Gibt es sinnvolle Alternativen zur Umarmung?
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Heute ist wieder einer dieser Tage, an dem man ganz besonderes merkt, wie sehr die Pandemie an unserem Alltag rüttelt. Denn heute ist ein Tag, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: der Weltknuddeltag.

Während wir die FFP2-Maske zurechtrücken und im 1,5 Meter großen Radius (nein, besser zwei bis drei) um potenzielle Infektionskandidaten herumlaufen, feiert der von Kevin Zaborney erdachte Aktionstag heute sein 35-jähriges Jubiläum. In der Stadt Caro in Michigan (USA) hatte der Pfarrer 1986 erstmals einen „Hugging Day“ veranstaltet, um seinen Gemeindemitgliedern die Zeit zwischen Weihnachten und Frühjahr angenehmer zu machen. Daraus entwickelte sich dann ein internationaler Aktionstag.

Zaborney wusste schon damals: Besonders in dieser dunklen Jahreszeit ist Nähe ganz besonders wichtig. Regen und Kälte trüben das Gemüt, ebenso die wenigen Sonnenstunden am Tag. Und das Umarmen ist dagegen die beste Medizin.

Anzeige

Umarmungen beruhigen

Das lässt sich auch wissenschaftlich belegen: Bei einer Umarmung schüttet der Körper Botenstoffe aus, die im Volksmund als Glückshormone bezeichnet werden. Ausschlaggebender Punkt ist dabei unsere Haut: Sie hält Millionen Berührungsrezeptoren, von denen die Signale wiederum über Nervenbahnen ans Gehirn geschickt werden.

Die sogenannten CT-Nervenbahnen werden bei sanften und langsamen Streichelbewegungen aktiviert und reagieren besonders gut auf Hautwärme. Im Gehirn führt die Aktivierung schließlich zur Ausschüttung der Glückshormone. Dazu gehört etwa Oxytocin, das eine beruhigende Wirkung entfaltet sowie Dopamin, das stimmungsaufhellend wirkt. Verschiedene Studien belegen, dass das Herz von Menschen, die sich häufig umarmen, ruhiger schlage. Menschen mit regelmäßigem Körperkontakt weisen zudem niedrigere Stresshormon- und Blutdruckwerte auf.

Anzeige

All das wirkt sich auch ganz konkret auf unseren Alltag aus: In Freundesgruppen, in denen Berührungen untereinander normal und häufig sind, gibt es weniger Aggressionen, haben Untersuchungen herausgefunden.

Während der NBA-Saison 2008/9 haben US-Wissenschaftler zudem das Berührungsverhalten der Spieler in verschiedenen Basketballteams analysiert. Sogenannte „touchy Teams“, die auf dem Spielfeld besonders häufig durch Klapser und freundschaftliche Schulterboxer auffielen, zeigten in der zweiten Hälfte der Saison eine signifikant bessere Leistung.

Anzeige

Berührungen sind „Lebensmittel“

Nun lässt sich an zwei Fingern abzählen, was all das im Umkehrschluss für unsere derzeitige Situation bedeuten dürfte: nichts Gutes.

Der Haptikforscher Martin Grunwald hat ein ganzes Buch über unseren Tastsinn geschrieben und nennt ihn gar ein „Lebensmittel“. Bis zu 900 Millionen Rezeptoren sorgten dafür, dass Menschen Berührungen wahrnehmen können. Und für die Entwicklung des Menschen sei die Stimulation des Tastsinnsystems essentiell, denn es löse ein Feuerwerk an Emotionen und Gefühlen aus.

„Wenn Sie unter einem eklatanten Körperberührungsmangel über Wochen oder Monate leiden, dann können sich depressive Symptome einstellen“, so der Forscher gegenüber dem Deutschlandfunk. Möglich seien je nach Veranlagung auch Angststörungen. Ebenen, die man nicht unterschätzen dürfe.

Eine Studie aus den USA, die zur Zeit der strikten Kontaktsperren 1.000 Probanden und Probandinnen befragt hatte, zeigt Ähnliches auf: Diejenigen, die regelmäßig andere Menschen getroffen, geküsst oder umarmt haben, hatten ein 26 Prozent geringeres Risiko depressiv zu werden als die Gruppe, die keine derartigen Kontakte hatte.

Anzeige

Kommt das Umarmen außer Mode?

Diesen eklatanten Berührungsmangel dürften gerade in der Corona-Pandemie viele erleben, und das seit inzwischen Monaten. Die Umarmung gilt als No-Go, mindestens genauso wie das Händeschütteln oder das Begrüßungsküsschen – und wahrscheinlich wird sie auch das Letzte sein, was nach der Pandemie wieder zurückkommen dürfte, wenn überhaupt.

Glaubt man Forschern der Universität Trier, so könnten sich unsere Begrüßungsrituale nämlich auch dauerhaft verändern. Laut einer nicht repräsentativen Umfrage unter Studierenden wollen 57 Prozent der Befragten ihre Art der Begrüßung dauerhaft ändern – aus Gewohnheit oder um Ansteckungen zu verhindern.

Albträume von Umarmungen

Anzeige

Und die Angst vor der Berührung hat sich derweil längst tief in unser Unterbewusstsein gefräst. Für eine Studie der Universität Helsinki berichteten 811 Freiwillige von ihrem Schlafverhalten und ihren Träumen während des Lockdowns. Mehr als ein Viertel gab an, häufiger Albträume gehabt zu haben als zuvor. Rund ein Drittel wachte häufiger auf.

Der Inhalt der Träume: Neben Ängsten vor geschlossenen Grenzen und überfüllten Orten kamen hier auch immer wieder körperliche Begegnungen wie etwas das Händeschütteln, aber auch das Umarmen vor, die wegen der Abstandsregeln als Fehlverhalten empfunden wurden.

Langfristig könnte der Mangel an Berührung auch die Gesellschaft verändern, befürchten einige Experten. Die Neurologin Rebecca Böhme sagte beispielsweise dem SWR, man verliere das Vertrauen in andere und das Gefühl, man erlebe gemeinsam die Welt. Man werde gleichgültiger gegenüber denen, die nicht zum engsten Kreis der Familie gehörten. Das Ergebnis: Eine kältere Gesellschaft durch Distanz.

Gibt es Alternativen zur Umarmung?

Fraglich bleibt, wie wir denn nun mit der Misere umgehen können. Der offizielle Vorschlag des Weltknuddeltags jedenfalls klingt nicht sonderlich vielversprechend: Auf der offiziellen Website plädieren die Organisatoren für eine „virtuelle Umarmung“, was unsere Haut und unsere Nervenbahnen wohl ziemlich kalt lassen dürfte.

Deutlich kreativer wurde kürzlich eine Kanadierin, deren Geschichte durch die Medien ging. Sie erfand eine Art Ganzkörper-Plastikhandschuh, um ihre Mutter während der Pandemie umarmen zu können. Eine bekannte Modefirma entwickelte derweil eine Jacke, die vom Partner oder der Partnerin per App gesteuert werden kann und personalisierte Berührungen auslöst.

Einfach mal sich selbst umarmen

Wem das alles zu teuer, zu aufwändig oder schlicht zu merkwürdig ist, kann auch noch einfacher zu einer Umarmung kommen. Einige Mediziner sind beispielsweise felsenfest der Ansicht, es könne helfen, einen Baum zu umarmen.

Und dann gibt es noch die naheliegendste Lösung überhaupt: Eine Umarmung mit sich selbst. Eine Studie der Universität Chongqing in China hat gezeigt, dass Affen in Isolation sich häufiger selbst umarmen, um sich zu trösten.

Allerdings kann auch das nur eine Notlösung sein. Die beste Berührung für unsere Haut ist laut Forschern nämlich immer noch die, von der sie überrascht wird. Und darauf muss sie wahrscheinlich auch weiterhin noch eine ganze Zeit lang warten.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen