Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Weihnachten im Flutgebiet: Wenn aus den Trümmern eine neue Gemeinschaft entsteht

Ein Weihnachtsbaum steht vor einem von der Flut zerstörten Haus in Mayschoß. An Weihnachten 2021 sind im flutgeschädigten Ahrtal zahlreiche Familien auf Notunterkünfte angewiesen. Das extreme Hochwasser Mitte Juli hat hier 134 Menschen getötet, mehr als 750 verletzt und Tausende Häuser beschädigt oder zerstört.

Die Statue des Brückenheiligen Nepomuk hängt schief über der Ahrbrücke bei Rech im Landkreis Ahrweiler. Das Wasser donnerte in der Nacht des 14. auf den 15 Juli gegen die Steinbogen der Brücke. Die Flut brach den vierten Brückenbogen aus dem 18. Jahrhundert aus dem rechten Ufer heraus wie ein Riese, der einem Spatz den Flügel herausreißt. Die Erschütterung hob die Basaltfigur an, warf sie aber nicht um.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dennis Büchling steuert den Helfershuttle auf dem Weg zum Ballern durch das Tal. Büchling und die auf dem Whatsapp miteinander verbundenen Gruppe nennen sich selbst Team Ballern. Gemeinsam geballert wird nicht an der Konsole oder an der Bar, sondern mit dem Stemmhammer an von Schwarzschimmel überzogenen Wänden in den Dörfern und Städten entlang der Ahr.

Der Weg führt durch Ortschaften, deren Namen seit der Flutnacht nach Schlick, Schlamm und Ertrinken klingen. Marienthal, Dernau und Mayschoß, Schuld liegt noch circa 30 Kilometer entfernt die Landstraße an der Ahr entlang. Das Monster hat sich wieder in sein Flussbett zurückgezogen. Die Ahr plätschert unschuldig und knietief vor sich hin. Nur eine braune Färbung des Wassers erinnert an die vom Wasser bewegten Erdmassen. Wo es im Tal der Ahr einst Camping- oder Sportplätze gab, ist der Boden nackt, als hätten Sandbläser alle Spuren menschlicher Zivilisation abgefräst. In manchen Ortschaften hat nicht einmal der Straßenbelag der nagenden Flut Stand gehalten.

Team Ballern: Dennis Büchling, Etienne Mayer, Anny Franke und Heike Gerards (v. l.).

Team Ballern: Dennis Büchling, Etienne Mayer, Anny Franke und Heike Gerards (v. l.).

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Gestank von Tod und Verfall ist verzogen

Schlammspuren an den Fassaden verraten, wo die Einwohner sich in den oberen Stockwerke retten konnten oder wo nur die Dächer die letzte Zuflucht blieben, als das Wasser kam. Häuser mit eingerissenen Wänden sind oft schon Rohbauten gewichen. Aber viele Ruinen stehen noch entlang der Straße. Einem Fachwerkhaus ist das Dach geblieben, von den unteren Stockwerken nur ein Holzskelett.

Immerhin hat sich der Gestank aus dem Ahrtal verzogen. Dennis Büchling erinnert sich an den Geruch nach Tod und Verfall aus den schlammbedeckten Wohnungen, aus lecken Heizölwannen und Kanalisationsrinnen, von aufgeblähten Viehkadavern und moderndem Holz, das den Atem nahm. Er sagt Sätze wie: „Hier ist es wie im Krieg. Alles ist kaputt.“ Gleichzeitig meint er aber auch, dass das Ahrtal im Vergleich zur Verwüstung im Sommer schon nicht mehr wiederzuerkennen sei. Der Schutt ist aus den Straßen in Deponien verschwunden. Helfer haben den aufgeschwemmten Estrich von den Wänden gekratzt. Im Sommer waren die Busse voll mit Helferinnen und Helfern, die jeden Tag von einem Gelände neben einer Haribo-Fabrik in der Gemeinde Grafschaft nördlich von Bad-Neuenahr-Ahrweiler ins Ahrtal fuhren. Anwohner konnten sie am Telefon oder online anfordern. Der von den Ahrtalern Marc Ulrich und Thomas Pütz ins Leben gerufene Shuttledienst zählt bis heute laut eigenen Angaben 100.000 beförderte Helfende.

Ist das Ende der Freiwilligenarbeit gekommen?

Büchling hat seinen Jahresurlaub und die Wochenenden im Schlamm der Ahr verbracht. Nun pausiert der Helfershuttle vielleicht bis ins Frühjahr im Ahrtal. Der Winter und Corona hätten zu einem Rückgang der Helferzahl geführt, erklärt Initiator Marc Ulrich. Büchling scheint die Aussicht auf ruhigere Tage wenig Freude zu bereiten. Er wirkt nach auszehrenden Monaten, als er könne er sich vom Ahrtal und der „Riesenaufgabe“ dort nicht trennen. „Wer einmal angefangen hat, hier zu helfen, der geht nicht mehr weg“, sagt Büchling. Wie zum Beweis hält er den Shuttle vor einem frisch gestrichenen Haus in Dernau. In Anspielung auf die Werbung einer Onlinepartnervermittlung steht dort: „Jede 11 Minuten verliebt sich ein Helfer ins Ahrtal“ an die Hausfassade gepinselt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Ein Haus in Dernau wurde nach der Flut bunt bemalt.

Ein Haus in Dernau wurde nach der Flut bunt bemalt.

Manche sehen bereits den Zeitpunkt für das Ende der Freiwilligenarbeit im Ahrtal gekommen. Die Handwerkskammer Koblenz (HwK) lobte jüngst den Beitrag der Helfer beim Entkernen der beschädigten Häuser. Jetzt sollten aber Fachbetriebe und Meister die Arbeiten an Elektrik, Heizung und Energieversorgung übernehmen. Die HwK verwies darauf, dass nur Fachhandwerker eine Gewähr für ihre Arbeit geben und die Helfer für etwaigen Pfusch haften müssten. Mit gespendeter Hilfe spare niemand Geld, erklärte die Handwerkskammer.

„Viele werden vor dem Elektroofen sitzen“

Büchling spricht dagegen von der Beschleunigung des Wiederaufbaus durch die Arbeit der Freiwilligen. Versicherungen zahlten für die Inanspruchnahme von Handwerkern erst, wenn Gutachten erstellt seien. Die Gutachter kämen angesichts der Nachfrage nicht mit ihrer Arbeit nach, meint er. Büchling ist selbst Heizsanitär. Er berichtet, dass Heizungen angesichts der Lieferschwierigkeiten in der Pandemie derzeit schwer zu bekommen seien. „Viele Ahrtaler werden im Winter vor dem Elektroofen sitzen“, sagt Büchling. Immerhin funktioniere nun überall eine Notstromversorgung für die vielen Heizstrahler.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

An der Kreuzstraße in Bad Neuenahr-Ahrweiler hat die Flut den Asphalt von der Straße gerissen. Das Helfershuttle fährt zu einem seiner letzten Einsätze über eine Erdpiste an die Häuser heran. Die vom Wasser eingedrückten Schaufenster der Läden sind im Erdgeschoss mit Pappe abgedichtet. An einem Hauseingang erinnern Kerzen und ein Kreuz auf einer Treppe an eine Anwohnerin, die ertrunken ist. Dennis Büchling verschwindet mit anderen „Ballerinas“ in einem Hauseingang und die Treppe herunter in einen Keller. Dort liegen bereits die Stemmhämmer bereit. Wenige Stunden im ohrenbetäubenden Lärm später sind alle mit Staub bedeckt und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Joachim Heilemann hat Familie in dem Haus, in dessen Keller die Helfer arbeiten. Er bringt einen Kasten Bier vorbei. Abends unterhalten sich Heilemann und Büchling, als würden sie sich schon lange kennen. Dabei haben sie erst gerade ihre Privatnummern ausgetauscht.

An der Kreuzstraße in Bad Neuenahr-Ahrweiler hat die Flut den Asphalt von der Straße gerissen.

An der Kreuzstraße in Bad Neuenahr-Ahrweiler hat die Flut den Asphalt von der Straße gerissen.

Der Bad-Neuenahrer berichtet von der Einsamkeit an der Kreuzstraße. Viele Senioren und Seniorinnen seien hierhergezogen, um im Ahrtal einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. Nach der Flut seien sie auf und davon zu ihren Kindern und hätten ihre Wohnungen zurückgelassen. „Sie warten ab bis zu einem Zeitpunkt, an dem sie günstig verkaufen können“, vermutet Heilemann. Die Einheimischen blieben an einer Straße zurück, in der dank Notstrom wieder das Licht funktioniert, aber keine Heizung. Wenige Straßen entfernt ist schon in Bad Neuenahr-Ahrweiler nichts mehr von der Katastrophe zu sehen. Die Menschen gehen ihren Einkäufen nach. Heilemann scheint nicht mehr in diese Welt ein paar Straßen weiter zu passen. Er erzählt von der toten Familie, die er am Tag nach der Flut aus einem Auto zog, und der ertrunkenen Nachbarin, die er in ihrer Wohnung fand. Er spricht sich frei unter Frauen und Männer, die froh sind, in den ersten Tagen nach der Katastrophe bei ihren Einsätzen selbst keine Toten in den Kellern und Erdgeschossen geborgen zu haben. Dennis Büchling meint, dass die Aufgabe der freiwilligen Helfer viel weiter gehe, als Schutt abzutragen und Räume vom vermoderten Estrich zu befreien. „Mit uns können die Leute reden“, sagt er.

Syrer unterstützen die Anwohnerinnen und Anwohner

Melanie Brücken erinnert sich an den ersten Syrer, der wenige Tage nach der Flut vor der Glastür ihres zur Notzentrale für Helferinnen und Helfer umgewandelten Co-Working-Spaces an der Bachovenstraße in Sinzig stand. Anas Alakaad und Faris Allaham hatten sich aufgemacht, um im Ahrtal zu helfen. Brücken organisierte damals ohne ein Amt Hilfe in der Stadt, in der zwölf Bewohner einer Behinderteneinrichtung der Lebenshilfe den Fluten nicht entkamen. Die Stadtverwaltung hatte irgendwann ihr Telefon auf die Eventmanagerin umgestellt. An der Fensterscheibe des zum Treffpunkt für Flutopfer und Anlaufstelle für Helfer umgewandelten Co-Working-Spaces klebt nun auch ein Aufkleber der Gruppe „Syrische Freiwillige in Deutschland“. Überall in den Räumen hängen Hinweise etwa zu den Corona-Regeln auf Deutsch und Arabisch. Einem syrischen Helfer folgten bald andere. Alakaad und Allaham vernetzten sich auf Facebook mit anderen Syrern, und die Helfer werden von den Sinziger Freiwilligen untergebracht und versorgt. Die Helferin berichtet von einer bisweilen wortlosen Verständigung zwischen den Syrern und den Sinzigern. „Ich glaube, dass die Syrer verstanden haben, was es heißt, wenn das Haus weg ist oder wenn jemand aus der Familie plötzlich tot ist“, sagt sie. Die ersten Syrer wollen nun nach Sinzig ziehen – es ist also etwas dran an dem Slogan „Jede elfte Minute verliebt sich ein Helfer ins Ahrtal“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Jennifer Fleischer, Melanie Brücken, Abdul Muain und Ammer Mnini.

Jennifer Fleischer, Melanie Brücken, Abdul Muain und Ammer Mnini.

Auf dem Kirchplatz in Sinzig winken Anwohner den Syrern zu oder halten ein Schwätzchen mit ihnen. Auch Muanin und Mnini wollen nach Sinzig ziehen. Abdul Muanin ist ein Mann, der im Krieg in Syrien seine Familie verloren hat. Wenige Tage nach der Flut suchte er mit anderen ein Schulgelände ab und fand ein totes Kind im Schlamm. Warum will jemand, der schon in seinem Heimatland alles an Leid gesehen hat, ausgerechnet in einer verwundeten Stadt in Deutschland leben? „Wir haben in Sinzig den älteren Menschen geholfen und sie haben für uns gekocht“, erzählt er. In Cottbus habe er dagegen keine Deutschen gekannt. „Hier kamen Tausende nach der Flut zusammen, um zu helfen. Das ist ein guter Ort“, sagt er noch. Abdul Muanin war einer davon.

Überlebende bekommen bei Regen Panikzustände

Luan Krasniqi sitzt im Co-Working-Space an der Bachovenstraße. Der 23-Jährige will seinen wahren Namen nicht nennen. Es muss niemand wissen, dass seine Familie die ersten Tage nach der Flut im Auto übernachtet hat. Oder dass er allein für die anderswo einquartierten Eltern die Wohnung in einem Block hütet, in dem vor der Flut 60 Menschen wohnten und in dem nun Krasniqi und zwei Nachbarn mutterseelenallein sind. „Die Polizei fährt nachts Streife“, antwortet er auf die Frage, ob er da nicht manchmal vor Einbrechern Angst habe. Schlimmer sei es, in den Keller zu müssen, wenn das Licht in der Wohnung ausgeht. Dort steht das Notstromaggregat nur einen Stockwerk über der Tiefgarage, in der in der Flutnacht zwei Kinder ertranken. „Ich habe damals vom Balkon heruntergeschaut, wie sie nach der Flut die kleinen schwarzen Leichensäcke rausgetragen haben“, sagt Krasniqi. Hat er Wünsche für das neue Jahr? „Dass alles wieder heil wird. Dass ich woanders hinziehen kann. Dass ich wegkomme vom Wasser“, sagt er.

Helfer berichten von Überlebenden, die bei Regen Panikzustände bekommen. Melanie Brücken macht sich Sorgen um die Familienväter und allgemein um alle Männer über 40. „Die haben seit der Flutnacht nur funktioniert. Jetzt gibt es weniger zu tun und viele brechen zusammen“, sagt sie. Sie spricht von „Zombies“, die dann am Körper zitternd in Sinzig durch die Straßen laufen. „Die muss man an der Hand nehmen und dann bringen wir sie erst einmal hierher“, sagt sie.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch Katrin Jagos, Mitarbeitern des rheinland-pfälzischen Opferbeauftragten Detlef Palczek, warnt vor der dunklen Jahreszeit und einem Sog in die Depression. 56.000 Menschen leben im Landkreis Ahrweiler. 134 starben in der Flutnacht. Rund 17.000 verloren Hab und Gut. „Viele beklagen auch das Gefühl von Heimatverlust, weil sie zum Beispiel bei Verwandten oder Bekannten leben“, meint Jagos.

Luan Krasniqi will noch im Co-Working-Space warten, bis nach und nach alle deutschen und syrischen Helfer dort eintrudeln. Am Abend zuvor seien sie zusammen in Remagen tanzen gegangen und vielleicht gehe es heute Abend wieder in den Club, meint der junge Mann. Es scheint, als habe er auf der Tanzfläche für einige Stunden das Wasser vergessen.

Mehr aus Panorama

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.