Advent im Ahrtal: „Möglichst keiner soll sich allein fühlen“

  • Für die Menschen im Katastrophengebiet an der Ahr ist die dunkle und kalte Zeit bis zum neuen Jahr besonders belastend.
  • Weihnachten sei die Zeit, in der man sentimental nachdenkt.
  • Gerade dann soll sich niemand allein fühlen, sagen der Opferbeauftragte und Ministerpräsidentin Dreyer.
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Mainz. Katrin Jagos geht im Ahrtal von Haus zu Haus, um mit den von der Flutkatastrophe schwer getroffenen Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Pädagogin versucht bei ihren sogenannten Mittagsspaziergängen zu hören, was die Menschen brauchen und was sie belastet. „Es ist schwierig, zu erkennen, wo noch was fehlt“, sagt der Opferbeauftragte Detlef Placzek, der Jagos‘ Stelle ins Leben gerufen hat. Die Bürger können sich aber auch selbst an Jagos wenden, wenn sie Hilfe oder Unterstützung brauchen - etwa beim Aufbau, bei Verwaltungsfragen, aber auch bei der psychosozialen Versorgung. Vormittags ist Jagos, die zuvor in der Familienhilfe gearbeitet hat, dafür in der Regel in ihrem Büro im Jobcenter Bad Neuenahr-Ahrweiler anzutreffen.

Trotz der mehr als 20 Info-Points im Katastrophengebiet und der Bürgerversammlungen hätten aber noch immer einige Menschen nichts von den zahlreichen Hilfsangeboten gehört, sagt Placzek. Sie sollen mit der aufsuchenden Sozialarbeit - den Spaziergängen und Sprechstunden von Jagos - erreicht werden. Die meisten Leute seien dankbar über das Angebot, berichtet Jagos. „Die am schwersten Betroffenen sind aber meist nicht mehr vor Ort“, hat die Sozialpädagogin festgestellt. Denn viele Häuser sind abgerissen oder so stark zerstört, dass sie noch längst nicht wieder bewohnbar sind. Bei manchen Häusern wisse niemand genau, wo die Bewohner nun leben und wie es ihnen geht.

Der im Juli selbst von der Flutkatastrophe betroffene Musiker Stephan Maria Glöckner tritt beim Auftakt des "Rollenden Adventskalenders" auf. Jeden Tag werden bis einschließlich Heiligabend verschiedene Mitmachaktionen für Kinder im Ahrtal angeboten, von Bastelangeboten über Mitsing-Aktionen bis hin zu Vorlesenachmittagen. © Quelle: Thomas Frey/dpa
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Dreyer will Möglichkeiten für Begegnungen schaffen

Dazu kommt die dunkle Jahreszeit mit Weihnachten und dem Jahreswechsel. „Wir möchten den Menschen gerade in dieser Jahreszeit zeigen, dass wir sie und ihre Sorgen nicht vergessen“, sagt Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). „In der Advents- und Weihnachtszeit haben wir alle das besondere Bedürfnis, Gemeinsamkeit mit nahe stehenden Menschen zu erleben“, sagt Dreyer. „Viele Häuser oder Einrichtungen sind im Ahrtal jedoch in einem noch nicht wirklich wohnlichen Zustand. Deshalb ist es wichtig, Möglichkeiten für Begegnungen zu schaffen.“

Der Opferbeauftragte hat dafür eine Reihe von Angeboten auf den Weg gebracht. „Weihnachten ist die Zeit, wo man ein bisschen sentimental nachdenkt“, sagt Placzek. „Der Jahreswechsel ist auch immer ein Rückblick auf das vergangene Jahr und mit sehr vielen emotionalen Momenten verbunden“, ergänzt Dreyer. „Im Ahrtal soll sich in dieser Zeit möglichst niemand allein fühlen“, betont Placzek. „Dazu hat der Opferbeauftragte in Kooperation mit verschiedenen Netzwerkpartnern eine Rund-um-die-Uhr-Hotline eingerichtet und bietet verschiedene Gesprächsangebote an“, sagt Dreyer.

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Placzek kritisiert geringe Anzahl an Therapieplätzen

„Das Ausmaß und die Dauer des psychischen Leidens sind nur schwer einzuschätzen“, sagt Placzek. Nicht jeder sei traumatisiert, die Flutkatastrophe werde die Menschen aber ganz sicher noch lange beschäftigen. „Es wird noch lange dauern, bis die seelischen Wunden geheilt sind und die Menschen einen ganz normalen Alltag leben können“, sagt Dreyer. „Wir werden die psychosoziale Betreuung solange wie notwendig aufrecht erhalten und den Betroffenen beiseite stehen“, verspricht Placzek. Ein Nachsorgekonzept sei auch angedacht.

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Trotz einer Reihe von psychologischen Hilfsangeboten und Hotlines gebe es allerdings viel zu wenige Therapieplätze, kritisiert Placzek und sieht dabei auch die Kassenärztliche Vereinigung in der Pflicht.

Das Land richtet zusammen mit Fachkliniken ein Traumahilfezentrum im Ahrtal ein: Am Montag (6. Dezember) wollen die Ministerpräsidentin und Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) das Angebot in Grafschaft-Lantershofen eröffnen. Es soll direkte Anlaufstelle sein, nicht nur für die Vermittlung von Therapieangeboten, sondern auch ganz niedrigschwellig für Begegnung und Beratung, wie es im Gesundheitsministerium heißt. Geplant seien auch offene Sprechstunden, regelmäßige Informationsveranstaltungen und offene Vorträge zu Themen wie Umgang mit Stress, und Stabilisierung.

Auch im Ahrtal gibt es Musik, Plätzchen und Glühwein

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Viele Menschen hätten großen Bedarf an psychosozialer Versorgung, aber Angst vor Stigmatisierung und wollten bei der Suche nach Hilfe anonym bleiben, berichtet Jagos von ihren Erfahrungen im Ahrtal. Manche Menschen könnten ihre schrecklichen Erlebnisse nicht vergessen und fragten sich, ob sie psychotherapeutische Unterstützung brauchten, ergänzt die Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer (LPK), Sabine Maur. Häufig fehlten ihnen Informationen, was sich hinter einem Trauma verberge und wie man damit am besten umgehe.

Die LPK bietet daher mit dem Netzwerk „Soforthilfe Psyche“ von Psychotherapeuten geleitete Informationsgruppen im Ahrtal zum Thema „Stress und Trauma“ an. Der Opferbeauftragte Placzek will ab Dezember an zehn Standorten im Ahrtal von Fachleuten moderierte Selbsthilfegruppen auf den Weg bringen.

Es soll aber auch an etwa genauso vielen Orten Advent und Weihnachten im Ahrtal gefeiert werden - mit Musik, Gesprächsangeboten, Plätzchen und Glühwein. Ein rollender Adventskalender für Kinder ist auch in den Ahr-Orten unterwegs - eine Aktion der Kreisverwaltung. Allerdings fallen die Feiern wegen Corona kleiner aus als geplant, das Landespolizeiorchester etwa wird nicht dabei sein.

RND/dpa

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