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Weg in die Freiheit trotz steigender Zahlen: Kann Israels Plan gut gehen?

  • Israel öffnet trotz eines Rekords an Corona-Neuinfektionen wieder seine Grenzen.
  • Für viele Israelis wiegt die Reisefreiheit mehr als die Angst vor der Pandemie.
  • Resigniert die Regierung angesichts der Omikron-Welle?
Win Schumacher
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Tel Aviv. Zwei Jahre hat er ausgeharrt. Jetzt ist’s genug. Uri Yahav, Israeli, 78 Jahre alt, topfit, ist reisefertig. Zwischen dem Bergsteiger und dem Abflug vom Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv steht nur noch das Ergebnis seines PCR-Tests, den er erst vor einer Stunde abgelegt hat. Ohne negativen Test kann er nicht einchecken für seinen Flug nach Frankfurt. Von dort soll es weiter nach Buenos Aires und schließlich zum Aconcagua gehen, mit fast 7000 Metern der höchste Gipfel Südamerikas.

Auf dem Smartphone sucht er Fotos seiner letzten Bergtouren heraus. „Das bin ich mit 70 auf dem Kilimandscharo, hier mit 73 auf dem Kala Patthar in Nepal und mit knapp 77 beim Aufstieg zum Elbrus in Russland“, erzählt Uri Yahav aus dem Kibbuz Yotvata im Süden Israels. Sein Traum: einmal im Leben die höchsten Berge der Kontinente in Angriff zu nehmen.

Wenn es nicht ganz bis zum Gipfel reicht, ist das zweitrangig. Aber wenn Corona ihm einen Strich durch seine Reisepläne machen will, dann wird der ehemalige Sportlehrer widerborstig – und unruhig.

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So wie die meisten seiner Landsleute. Raus aus dem eigenen kleinen Land, die Welt sehen, rund um den Globus verstreute Verwandte und Freunde besuchen – das ist selbstverständlicher Teil des israelischen Lebensgefühls. Das erklärt auch, zumindest zum Teil, warum die Regierung in Jerusalem schon wieder eine Kehrtwende macht in ihrer Corona-Politik – und die große Freiheit verkündet.

Seit Sonntag sind die Grenzen wieder offen. Geimpfte Touristen dürfen einreisen – und vor allem dürfen Israelis wieder auf Auslandsreise. Obwohl Israel gerade die höchste Infektionswelle seit Beginn der Pandemie registriert. Ein Akt der Resignation gegenüber der Omikron-Variante? Oder ein Schritt auf dem Weg in die viel beschworene Herdenimmunität?

Das Ende der „roten Liste“. „Für die Regierung gibt es nur Schwarz oder Weiß“, sagt Uri Yahav. „Entweder sie macht alles zu oder alles auf.“ Alles zu, hieß es vor etwas mehr als einem Monat: Ende November, als die Omikron-Variante im südlichen Afrika auftauchte, hat Israel als eines der ersten Länder weltweit versucht, durch Grenzschließung für ausländische Reisende aus fast allen afrikanischen Ländern die Ausbreitung der Variante zu verhindern.

Israel verzeichnet höchste Infektionswerte seit Beginn der Pandemie

Wenig später wurden auch zahlreiche europäische Länder, die USA und Kanada auf eine „rote Liste“ gesetzt. Die Ausreise in „rote“ Staaten war für Israelis verboten. Alles auf, heißt es seit Freitag um Mitternacht: Das Gesundheits­ministerium hat die „rote Liste“ wieder geschlossen. Alle Reise­beschränkungen sind seit Sonntag aufgehoben. Denn: „Reiseverbote tragen nichts dazu bei, die Ausbreitung des Virus zu verhindern“, hat Nachman Ash, Generaldirektor des Ministeriums, befunden. Zugleich aber warnte Ash, Israel werde schon bald 50.000 Neuinfektionen pro Tag zu vermelden haben.

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Vierte Corona-Impfung in Israel
1:48 min
Alle über 60-Jährigen sowie medizinisches Personal sind in Israel dazu aufgerufen, sich erneut boostern zu lassen.  © Reuters

Tatsächlich sind die Werte schon jetzt so hoch wie noch nie. 22.398 neue Fälle wurden Samstag registriert, fast dreimal so viele wie eine Woche zuvor. Etwa 12 Prozent aller Tests waren positiv, die höchste Rate seit September 2020. Die Reproduktionszahl wird mit 1,97 angegeben. Die Zahl der Schwererkrankten lag bei 205, Ende Dezember waren es weniger als 100 gewesen. Aber: Auf den Intensiv­stationen ist die Zahl der Patienten bislang stabil geblieben. Die Hälfte der Schwerkranken sind Ungeimpfte – obwohl diese nur 14 Prozent der Israelis über 20 ausmachen.

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Israel schien mit einer lange sehr restriktiven Politik und einer vorbildlichen Impfkampagne auch gegen Omikron gut gerüstet zu sein. „Wir haben viel Zeit gewonnen, weil wir hier bereits früh mit der Booster-Impfung begonnen haben“, sagt denn auch Yahav. Wie viele Israelis seines Alters ist er seit August geboostert. „Leider habe ich nur die dritte Impfung, gerade erst wird mit der vierten Impfung begonnen. Das verpasse ich nun.“

Am Mittwoch erhielten im Shiba-Krankenhaus über 60-Jährige nach drei Dosen des Biontech/Pfizer-Vakzins eine vierte Impfung mit Moderna. Es ist weltweit der erste Versuch dieser Art mit kombinierten Impfstoffen. Am Sonntag meldete das Gesundheits­ministerium, dass 254.000 Israelis bereits eine vierte Impfung erhalten haben. Wie erfolgreich diese vor einer Infektion schützt und ob sie für alle Alters­gruppen sinnvoll ist, darüber gibt es bisher nur wenig Informationen.

Einer aktuellen Studie zufolge verfünffacht sich der Antikörper­spiegel nach einer vierten Impfdosis. Studienleiterin Gili Regev bezeichnete die vorläufigen Ergebnisse als „gut, aber nicht ausreichend“. Vor allem sind sie nicht ausreichend, um jetzt noch die augenscheinlich unaufhaltsame Ausbreitung von Omikron zu bremsen.

Und so hat die Regierung einen radikalen Strategie­wechsel vollzogen. „Alles zu“ bedeutete noch vor Kurzem eben nicht nur geschlossene Grenzen, sondern auch strenge Einschränkungen für Ungeimpfte und ein ausgefeiltes staatliches Testsystem. „Alles auf“, das bedeutet jetzt neben der Reisefreiheit auch Restaurant­besuche und Partys im großen Kreis, offene Schulen und die Verlegung des Testens in den privaten Haushalt und damit in die persönliche Verantwortung.

Innerhalb von wenigen Wochen, so schätzen Expertinnen und Experten, könnte sich jeder dritte Israeli mit dem Virus infizieren. Aber: Die Fälle derer, die sich bei aus dem Ausland Eingereisten angesteckt hatten, wurde zuletzt mit weniger als 5 Prozent angegeben. So hebt Israel, das selbst am Sonntag vom deutschen Robert Koch-Institut (RKI) als Hochrisiko­gebiet eingestuft wurde, die für viele so schmerzlichen Reiseverbote wieder auf. Zumal die Regierung offensichtlich darauf hofft, dass das Land sich dank Omikron langsam in Richtung Herdenimmunität bewegt. Dass diese jemals erreicht werden kann, ist allerdings umstritten, auch unter Ministerinnen und Ministern.

Israel war im Frühjahr 2020 zunächst glimpflich durch die Pandemie gekommen, die zweite Welle im Herbst und vor allem die dritte im Dezember und Januar trafen das Land jedoch besonders hart. Dem setzte die Regierung eine entschlossene Impfstrategie entgegen. Lange weltweit führend, galt Israel als viel bewundertes Vorbild. Die Pandemie schien im Juni 2021 nahezu beendet. Selbst die Atemschutz­masken waren bereits weitgehend aus dem Leben verschwunden, bis Delta sie im Herbst 2021 wieder zum allgegenwärtigen Teil des Alltags machte.

Premier ruft auf, nicht ins Ausland zu reisen – und tut es dann selbst

Wie Uri Yahav nach seiner Booster-Impfung hatten da schon viele ihre Auslandsreisen für den Herbst und Winter gebucht. Israelis wähnen sich oft auf einem Eiland, das zu verlassen nur mit dem Flugzeug möglich ist. Vom Inselkoller gezeichnet schwärmten Geimpfte wie Ungeimpfte, sobald es irgendwie ging, erneut aus. Sie brachten bei ihrer Rückkehr schließlich auch Omikron ins Heilige Land. Premier­minister Naftali Bennett rief deshalb im November seine Landsleute auf, nicht ins Ausland zu reisen.

Peinlich war nur, dass seine Frau Gilat da bereits mit den vier Kindern ihren Urlaub auf Mauritius geplant hatte. Gemeinsam mit 48 weiteren afrikanischen Staaten war das Tropen­paradies nun für „rot“ erklärt worden. Frau Bennett musste die Reise stornieren, sah aber nicht ein, den Familien­urlaub stattdessen im Inland zu verbringen. Statt nach Mauritius ging es kurzerhand ohne den Gatten auf die Malediven.

Ähnlich verhält sich es sich mit dem individuellen Freiheits­verständnis vieler ihrer Landsleute. Man nimmt die sich bisweilen täglich ändernden Corona-Regelungen lethargisch bis gereizt auf und passt sie mehr oder minder seinem persönlichen Alltag an. Schulklassen und Kindergärten schließen und öffnen wieder in rasantem Wechsel. Mehr als 120.000 Menschen befinden sich aktuell in Quarantäne, weil sie positiv getestet wurden oder Kontakt zu Infizierten hatten.

Regierung ohne Überblick

Zu Jahresanfang stauten sich vor den Testzentren teilweise stundenlang die PCR-Test-Pflichtigen. Auch beim Testen gibt es aber jetzt einen Strategie­wechsel: Seit Freitag können sich alle Geimpften und Genesenen ganz offiziell mit einem Schnelltest zu Hause von der Quarantäne befreien. Apotheken und Drogerie­märkte melden bereits, dass Antigentests knapp sind – obwohl die Israelis die Tests jetzt aus eigener Tasche bezahlen müssen.

Das neue Konzept, das Gesundheits­behörden, Testzentren, Labore sowie Bürger mit wenig Zeit für langes Warten entlasten soll, hat aber auch einen Nachteil: Die Behörden verlieren den Überblick. Denn Geimpfte und Genesene mit einem positiven Test müssen zwar für zehn Tage in die Isolation – aber es besteht keine Melde­pflicht. Die Regierung weiß also nicht mehr, wie viele Menschen tatsächlich infiziert oder diagnostiziert sind.

Sie nimmt es in Kauf. So, wie viele Bürgerinnen und Bürger Widersprüchliches in Kauf nehmen. Masken­verweigerer neben erbosten Befürwortern und ermüdeten bis gleichgültigen Corona-Gemarterten bestimmen das Stadtbild in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv. Die Synagogen und Moscheen sind wieder voll. Die Kirchen waren es zu Weihnachten auch. In den Cafés, Restaurants und Clubs wird trotz allem geflirtet, gezecht und getanzt. Und natürlich über die nächste Auslandsreise debattiert.

Im Februar zurück nach New York? Im Frühjahr in den Griechenland-Urlaub? Statt nach London nach Paris?

Der Israeli Uri Yahav sitzt am Flughafen Ben Gurion auf seinen Koffern. © Quelle: Win Schumacher

Uri Yahav hat die letzte Hürde vor dem Aufbruch schon genommen. Sein PCR-Test ist negativ. „Jetzt ist alles in Ordnung. Müssen nur noch die Bergführer gesund sein“, sagt er. Das Gipfel­abenteuer kann beginnen. Aber Yahav weiß, dass das Zeit­fenster für weitere Abenteuer womöglich eng ist, dass die Regierung schnell wieder ihre Haltung ändern kann: „Wer weiß, wie es in einer Woche aussieht.“

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