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  • Warum dürfen Friseure öffnen? Politik setzt gefährliche Kettenreaktion in Gang

Friseure öffnen? Das kann man niemandem erklären

  • Allen Warnungen zum Trotz wird gelockert – und zwar ausgerechnet bei den Friseurgeschäften.
  • Damit setzen Bund und Länder eine gefährliche Kettenreaktion in Gang, kommentiert Matthias Schwarzer.
  • Denn wie will man jetzt noch die anderen Corona-Einschränkungen erklären?
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Hannover. Nun sind sie also da, die ersten zaghaften Lockerungen. Was das bedeutet, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den vergangenen Tagen mehrfach vorausgesagt. Kurz zusammengefasst: In Kürze dürfte uns hier alles um die Ohren fliegen. Der Grund für diese Annahme sind die Mutationen, die laut der Virologin Melanie Brinkmann dem Coronavirus einen „Raketenantrieb“ verliehen haben.

Eine andere Prognose, die Brinkmann in einem „Spiegel“-Interview trifft, ist nun bereits eingetreten: Brinkmann spricht von Politikern, die „zuerst mal sehen wollen, ob es wirklich so schlimm kommt wie vorhergesagt“. Dabei zieht die Wissenschaftlerin auch eine Parallele zur Problematik der Klimaforscher, die auch häufig nicht ernst genommen würden: „Offensichtlich müssen manche Leute erst mit der Realität konfrontiert werden, bis sie es begreifen.“

Und so beschlossen Bund und Länder am Mittwoch ausgerechnet die Öffnung von Friseurläden. Ein Geschäftszweig, der nach drei Monaten Wildwuchs auf dem Kopf nun einen unfassbaren Ansturm erleben dürfte. Ein Geschäftszweig, in dem Mitarbeiter und Kunden in oft schlecht gelüfteten Räumen minutenlang so eng an eng zusammenhängen und wild durchwechseln, dass die Aerosole eine Party feiern. Also ein Geschäftszweig, der im schlimmsten Fall nun dafür sorgen könnte, dass uns hier alles um die Ohren fliegt.

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Auch andere Branchen leiden

Aber lassen wir das Virus einmal kurz beiseite – man kann die Öffnung der Haarsalons nämlich auch aus anderen Perspektiven kritisch betrachten. Beispielsweise aus der von Restaurantbetreibern, Kulturschaffenden oder Hotelbetreibern. Alles Geschäftszweige, die deutlich mehr Platz und Lüftungsmöglichkeiten bieten als ein enger Friseursalon in einem Einkaufszentrum.

Allzu verständlich wäre es, wenn sich diese Branchen nun fragen würden, was der Quatsch eigentlich soll. Ein Museum ermöglicht Abstand, ein Restaurant ermöglicht Abstand, ein Ferienhaus ermöglicht so viel Abstand, dass der Abstand schon fast wehtut. Aber nein, Hauptsache, die Haare schön.

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Man braucht nicht einmal den Frust einzelner Berufszweige, um diesen merkwürdigen Lockerungsschritt zu kritisieren. Ein Blick auf die Kontaktbeschränkungen genügt: Die bleiben nämlich, im Gegensatz zur Schließung der Friseurläden, weitestgehend erhalten. Wer also mit vier Haushalten an der frischen Luft spazieren gehen will, hat weniger das Recht dazu, als sich in einem kleinen Raum mit mehreren Menschen die Haare frisieren zu lassen.

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Die Frisur steht über den Grundrechten

All das führt zu einer kaum erklärbaren Situation – und letztendlich zu einer kaum aufhaltbaren Kettenreaktion. Denn wie bitte will man nun dem Bürger erklären, dass man zwar einen bestimmten Geschäftszweig öffnet, aber den Baumarkt und das Gartencenter geschlossen lässt? Wie will man der Nagelstudiobetreiberin erklären, dass zwar die eine „körpernahe Tätigkeit“ zulässig ist, die andere aber nicht? Und wie will man ernsthaft vermitteln, dass die Frisur über den Grundrechten steht?

Die Folgen sind jetzt schon absehbar, Stichwort: Öffnungsdiskussionsorgien. Die Lockerungsdrängler werden in den kommenden Tagen so laut werden, dass weitere Lockerungen folgen dürften und uns hier, ich wiederhole mich, alles um die Ohren fliegt.

Aber warum bekommen Friseurinnen und Friseure überhaupt Vorzüge gegenüber anderen Branchen? Geht es nach Markus Söder (CSU), hat all das mit Würde zu tun. Für „viele Menschen“ spielten „Friseursalons in der Pandemie eine wichtige Rolle, um sich wiederzufinden“, meint der bayerische Ministerpräsident.

Eingeknickt und aufgegeben

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Ich, der Autor dieses Textes, der seit mindestens 15 Jahren Pläte trägt, kann Ihnen versichern: Man lebt auch mit schlechter Frisur recht würdevoll. Daran kann es also nicht liegen.

Vieles deutet darauf hin, dass die Öffnung der Friseurläden vielmehr symbolischen Charakter haben soll – und man den Kampf gegen das Virus in gewisser Weise aufgegeben hat. Statt die wenig mutmachenden Voraussagen von Expertinnen und Experten auch wirklich ernst zu nehmen, beginnt man nun wieder, rumzueiern.

Friseuröffnungen als taktischer Move

Das Friseurgewerbe hat seit Beginn der Pandemie eine erstaunliche Symbolkraft. Der Haarsalon ist ein Geschäft, wo alle mal hinmüssen, auf das sich alle einigen können. Selbst im RTL-Interview wurde Angela Merkel von Frauke Ludowig gefragt, wo sie sich denn aktuell die Haare machen lasse. Das kennt man, da ist man nah dran an den Menschen. Und es ist viel einfacher über Frisuren zu reden, als über die ganzen viel zu komplizierten Problematiken, die eine Virusmutation mit sich bringen wird.

Zudem ist das Friseurgewerbe ohnehin eine arg gebeutelte Branche. Wir sprechen hier von einem Niedriglohnsektor, einem Gewerbe dessen Angestellten ganz besonders unter den Folgen der Pandemie und den Einschränkungen leiden. In den vergangenen Wochen wurden in den sozialen Netzwerken immer wieder Videos von verzweifelten Friseurinnen geteilt, die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. Hier trifft der Haarfrust des Volkes auf den Existenzkampf einer ganzen Branche, der es ohnehin nicht blendend geht.

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Mag sein, dass man mit der Öffnung der Friseurgeschäfte nun Menschlichkeit zeigen, einen Hoffnungsschimmer verbreiten, ein Zeichen setzen will, dass es bergauf geht, dass man die kleinen Leute nicht vergisst. Sollte das der Plan gewesen sein, dann geht der Schuss allerdings nach hinten los. Denn glaubt man allen Voraussagen, ist die nächste Schließung der Friseurläden bereits in greifbarer Nähe.

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