Es ist Alarm, und niemand kriegt’s mit: Dieser Tag ist eine Warnung

  • Erstmals seit der Wiedervereinigung hat Deutschland sein bundesweites Alarmsystem getestet.
  • Ergebnis: Katastrophe. Pushmeldungen kamen verspätet, Sirenen blieben stumm.
  • Für die Hightech-Nation Deutschland ist das ein Armutszeugnis, kommentiert Imre Grimm.
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Dieser Katastrophenalarm war eine Katastrophe. So kurz, so simpel. Erstmals seit der Wiedervereinigung hat Deutschland am Donnerstag flächendeckend seine analogen und digitalen Alarmsysteme getestet. Und sollte es das Ziel dieser Aktion gewesen sein, die Schwachstellen im System zu entlarven, war der #Warntag2020 ein voller Erfolg: Die Pannenliste ist so lang wie die Gesichter im Bundesinnenministerium.

Vielerorts blieben um 11 Uhr die Sirenen stumm. Und auf Millionen Handys geschah – nichts. Die Gefahrenmeldungen der Warn-Apps NINA und KATWARN – gern mal als “Sirenen in der Hosentasche” gefeiert – kamen erst mit einer guten halben Stunde Verspätung an. Eine halbe Stunde aber ist eine ziemlich lange Zeit, wenn gerade zum Beispiel ein Atomkraftwerk explodiert ist.

Ein Armutszeugnis für die Chaosrepublik

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Das sogenannte Modulare Warnsystem hat versagt. Die Software war überfordert mit der Zahl paralleler Meldungen. Und auch das Bundesinnenministerium gab am Nachmittag zu: Dieser Probealarm in ganz Deutschland ist “fehlgeschlagen”. Man werde “die Vorgänge jetzt umfassend aufarbeiten”, um beim nächsten Warntag besser gerüstet zu sein.

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Bundesweiter Warntag mit zwiespältiger Bilanz
1:42 min
Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung fand am Donnerstag wieder ein bundesweiter Warntag statt. Dieser soll von nun an jährlich stattfinden.  © Reuters

Im Notfall also ist Deutschland in Not. Es ist ein Armutszeugnis für die Chaosrepublik. Die angebliche Hightech-Nation ist notfalltechnisches Entwicklungsland. Gewiss ist es ein komplexer Vorgang, digitale und analoge Warnsysteme in 16 Bundesländern auf diversen Kanälen gleichzeitig zu starten – per Pushnachricht, Sirene, Radio und Lautsprecherwagen. Aber dieser Katastrophen-Katastrophentag fügt sich ein ins Bild eines Landes, das technischen Neuerungen seit Jahren hinterherhinkt und die Digitalisierung verschlafen hat.

Feuerwehr-Notruf per Fax

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Nicht nur die flächendeckende Alarmierung ist problematisch. Auch der umgekehrte Weg – das Melden eines Notfalls an Feuerwehr oder Rettungsdienst – ohne Telefonanruf ist ein abenteuerliches Unterfangen.

So müssen gehörlose Menschen in diesem Land im Ernstfall vielerorts noch immer ein Fax an die Feuerwehr schicken, wenn ihr Schlafzimmer brennt. Was sich anhört wie ein schlechter Witz, ist im Jahr 2020 noch flächendeckend Standard. Denn einen verlässlichen, bundesweit erreichbaren, einheitlichen Notruf per SMS an die 112 gibt es noch immer nicht – anders als in England, den USA, Irland, Schweden, Finnland, Norwegen, Österreich oder Portugal. Wer in Deutschland an die 112 simst, landet zumeist im digitalen Nirgendwo. Von deutschen Gehörlosen wird stattdessen erwartet, dass sie

  • ein spezielles Faxformular aus dem Internet herunterladen und ausdrucken,
  • bis zu 24 vordefinierte Felder entschlüsseln und korrekt ausfüllen
  • die Faxnummer der zuständigen Behörde heraussuchen
  • ein funktionstüchtiges Faxgerät finden
  • das Fax losschicken
  • und am Faxgerät auf Antwort warten.

Und das Ganze, während ihnen der Rauch in den Augen brennt oder das Blut aus der Wunde suppt.

Einzelne Feuerwehrstandorte bieten einen SMS-Service an. Doch alle haben eigene Nummern – und meist wird die SMS vom Netzanbieter nur in ein Fax an die Feuerwehr umgewandelt. Für das “Nothilfeersuchen per SMS" der Feuerwehr Hamburg etwa müssen Betroffene im Alarmfall eine 15(!)-stellige Nummer eingeben. Sie besteht aus der Faxvorwahlnummer des jeweiligen Netzbetreibers, der Vorwahl für Hamburg und der Fax-Anschlussnummer der jeweiligen Leitstelle. “Es gibt keinen umfassend und vollständig barrierefreien Direktnotruf”, teilte die Bundesregierung 2019 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke mit.

Dieser Tag war eine Warnung

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Jeder zehnte Deutsche ist schwerhörig oder ganz gehörlos, etwa 1,5 Millionen können nicht mehr telefonieren. Dazu kommen rund 800 000 Stotternde, die im Notfall zu aufgeregt sein könnten, um sich klar zu äußern. Erst später im Jahr soll eine bundesweite, mit allen rund 500 Leitstellen kompatible Notruf-App den Kontakt zu Feuerwehr und Rettungsdienst auch für Sprachbehinderte erleichtern.

Deutschlands Notrufsystem also braucht einen Investitionsschub – und zwar in beide Richtungen. Am Ende ist die gute, alte Sirene möglicherweise keine schlechte Technik, um 80 Millionen Menschen davon in Kenntnis zu setzen, dass es wichtige Neuigkeiten gibt. Mit dem Ende des Kalten Krieges aber ist die Zahl der Sirenen von 86.000 auf heute knapp 40.000 verringert worden. Berlin etwa hat gar keine Sirenen mehr.

Ohne funktionierende Warn-Apps bedeutet das: Im Katastrophenfall ist die flächendeckende Warnung der Bevölkerung nicht gewährleistet. Oder anders ausgedrückt: Dieser Tag war eine Warnung.

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