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Fehlende Ausbildung in Deutschland

Experte über Waldbrände: „Südeuropäische Länder sind uns bei der Bekämpfung meilenweit voraus“

Es brennt noch immer

Feuerwehrleute in Kalifornien versuchen einen Waldbrand zu löschen.

Jahr für Jahr verbrennt in Portugal rund ein Prozent der Fläche des Landes. Nach Angaben des European Forest Fire Information Systems (EFFIS) waren es im Jahr 2017 sogar über 6 Prozent, eine halbe Million Hektar. In dem Katastrophensommer kamen 121 Menschen ums Leben. Die südeuropäischen Länder sind Waldbrand-Hotspots, neben Portugal brennen vor allem in Montenegro, Albanien, Zypern, Kroatien, Griechenland, Italien und Spanien große Flächen ab. In Deutschland ist es nur ein Bruchteil, allerdings werden die Daten von den Bundesländern unterschiedlich erhoben und übermittelt.

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Ulrich Cimolino, Leiter des Arbeitskreises Waldbrand beim Deutschen Feuerwehrverband, erklärt die erhöhte Gefahr so: „Grundsätzlich begünstigen hohe Temperaturen und Trockenheit den Ausbruch von Waldbränden.“ Zwei weitere Faktoren beeinflussen die Ausbreitung der Feuer. „Erstens gibt es in vielen der südeuropäischen Länder Gebiete mit Hügeln und Hängen, an denen das Feuer sich schnell nach oben ausbreiten kann. Und zweitens sind die Windverhältnisse dort ganz anders als in Deutschland. Der starke Wind treibt das Feuer vor sich her“, erklärt Cimolino. Die Eukalyptusmonokulturen in Portugal und Spanien brenne außerdem sehr schnell.

Obwohl Deutschland mit den freiwilligen Feuerwehren besser aufgestellt sei als die südeuropäischen Länder mit einer geringen Feuerwehrdichte, lägen diese in der Brandbekämpfung weit voraus. In Deutschland habe die Feuerwehr sehr viele Aufgaben, die Brandbekämpfung bei Waldkämpfen würde hier untergehen. „Ende der 1970er-Jahre hat man nach Waldbränden, in denen zum Beispiel 1975 in Niedersachsen Feuerwehrleute umgekommen sind, zwar einiges gelernt und neue Technik angeschafft. Aber nach vielen in weiten Deutschlands eher nassen Jahren ist das Problem wieder in den Hintergrund gerückt.“

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Schäden durch Waldbrände: „Kommunen bleiben auf Kosten sitzen“

Erschwert würde die Arbeit durch den Föderalismus: „Wenn es darum geht, Unterstützung aus der Luft anzufordern, gibt es für jedes Bundesland unterschiedliche Wege. Teilweise bleiben sogar Kommunen auf den Kosten sitzen. das ist natürlich absolut kontraproduktiv für die schnelle Unterstützung.“ Die technische Ausrüstung sein insgesamt zwar nicht schlecht, aber zum Beispiel die Verfügbarkeit größerer und leistungsfähiger Hubschrauber sei weit entfernt vom Optimum.

In Südeuropa sei man sich durch die regelmäßig wiederkehrenden heftigen Waldbrände seit Jahrzehnten dem Problem viel bewusster. „Dort wurden vor allem in der Ausbildung Strukturen geschaffen, die wir in Deutschland nicht haben“, sagt Feuerwehrmann Cimolino. In Südeuropa sei die Brandbekämpfung fast die einzige Aufgabe der Feuerwehren.

In Italien funktioniere auch ohne freiwillige Feuerwehr in jedem Dorf das System gut: Die Berufsfeuerwehren in Städten ab rund 30.000 Einwohnern seien darauf spezialisiert, das Löschwasser in die Brandgebiete zu transportieren, dort sei dann der Zivilschutz mit hochmobilen Teams im Einsatz. In Frankreich gebe es für Feuerwehrleute spezielle Ausbildungszentren für die Waldbrandbekämpfung.

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Waldbrandbekämpfung spielt kaum eine Rolle in der Feuerwehrausbildung

Das sei auch sinnvoll, meint Cimolino: „Waldbrandeinsätze sind im Vergleich zu normalen Einsätzen schon anspruchsvoller. Sie dauern meist deutlich länger und die körperliche Belastung ist höher, vor allem bei hohen Außentemperaturen. Und insbesondere für die nachhaltige Löscharbeit sind spezielle Handwerkzeuge erforderlich.“

Die Ausbildung für Einsätze bei Waldbränden in Deutschland ist der große Kritikpunkt von Cimolino: „Im Moment spielt das fast gar keine Rolle, wir sind den Südeuropäern meilenweit hinterher.“ Dabei sei die Verbesserung der Aus- und Fortbildung nicht so schwer: „Die Feuerwehrleute brauchen wahrscheinlich nur zwei oder drei Tage Fortbildung, um das Wichtigste zu lernen. Denn mit dem Schlauch umgehen können die alle.“ Darauf könne man dann aufbauen und darüber hinaus Spezialisten schulen.

Waldbrände: Große Probleme in Südeuropa

Aber auch in den südeuropäischen Ländern gibt es Probleme: Die Trockenheit, die ein Faktor für die Entstehung der Waldbrände ist, erschwert auch deren Bekämpfung. Denn beispielsweise in Spanien müssen dazu in trockenen Regionen die Löschflugzeuge in Stauseen betankt werden, dadurch sinkt der Wasserspiegel weiter. Nach den Bränden müssten die Gebiete aufgeforstet werden, das läuft aber viel langsamer als die Brände die Wälder zerstören. Im vergangenen Jahr plante die griechische Regierung ein Aufforstungsprogramm für rund 16.500 Hektar Wald, wie das „Handelsblatt“ schreibt. In vielen Jahren verbrennt aber deutlich mehr, 2021 waren es mehr als 130.000 Hektar.

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Nach den Bränden bleiben viele Flächen kahl. Im griechischen Mati wurde fast die Hälfte der Häuser der Ferienortschaft durch Waldbrände zerstört oder schwer beschädigt.

Nach den Bränden bleiben viele Flächen kahl. Im griechischen Mati wurde fast die Hälfte der Häuser der Ferienortschaft durch Waldbrände zerstört oder schwer beschädigt.

Wenn in der Anfangsphase das Feuer nicht eingedämmt und gelöscht werden kann, macht es auch gut organisierten und ausgerüsteten Feuerwehren das Leben schwer. Gerade in den bergigen Gebieten, in denen es sich schnell ausbreitet, ist der Zugang für Feuerwehrleute oft schwer, Löschversuche sind dann nur aus der Luft möglich. Manchmal, wie 2021 auf der griechischen Insel Euböa, frisst sich das Feuer so lange durch die Wälder, bis es stellenweise von selbst erlischt, weil alles verbrannt ist.

Waldbrände: EU-Programm für länderübergreifende Zusammenarbeit bei Bekämpfung

Wenn ein Land mit der Bekämpfung der Brände mit eigenen Mitteln überfordert ist, kann es über den sogenannten Zivilschutzmechanismus der EU Hilfe anfordern. Auf freiwilliger Basis kann dann Technik und Personal zur Verfügung gestellt werden – wenn es nicht anderweitig gebunden ist. Im Katastrophensommer 2017 beantragte Portugal Hilfe, andere Staaten hatten aber mit eigenen Bränden zu kämpfen und mussten die Anfrage unbeantwortet lassen.

Seit 2019 werden deshalb über das Programm „rescEU“ dauerhaft Equipment und Löschflugzeuge zur Verfügung gestellt. Im vergangenen Sommer kamen diese auch zum Einsatz, allerdings ohne deutsche Beteiligung. Die Technik wird bislang ausschließlich aus Südeuropa gestellt: Kroatien, Frankreich, Griechenland, Italien und Spanien stellten 2021 insgesamt elf Löschflugzeuge und sechs Helikopter.

RND/sebs

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