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Waffengewalt in den USA: Betroffene müssen Monate auf Termin bei Trauerbegleitern warten

  • In den USA sterben immer mehr Menschen durch Schusswaffen.
  • Hinterbliebene und Überlebende suchen Hilfe bei Trauerbegleitern.
  • Doch oft warten sie monatelang auf einen Termin.
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Philadelphia. Als Brett Roman Williams im Büro des Gerichtsmediziners von Philadelphia auf das Foto seines erschossenen Bruders starrte, fühlte er sich an das Jahr 1996 erinnert: Damals starb sein Vater durch Kugeln, und die Trauer sollte den Elfjährigen die nächsten 20 Jahre nicht loslassen. Als er 2016 dann seinen Bruder verlor, suchte Williams Hilfe bei einem Trauerbegleiter.

Inzwischen sitzt Williams im Vorstand der Organisation, bei der er selbst einst Trost suchte, und möchte andere bei der Bewältigung ihrer Trauer unterstützen. Doch die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot von Therapeuten – weil die Kriminalitätsrate in den USA in die Höhe schnellt.

Mit mehr als 270 Tötungsdelikten in Philadelphia im Staat Pennsylvania in der ersten Jahreshälfte 2021 wird vermutlich die Zahl der Morde 2020 übertroffen, als im ganzen Jahr 499 Menschen starben, meist durch Schüsse – die höchste Mordrate seit mehr als 20 Jahren. Auch die Zahl der bei Schießereien Verletzten explodierte in den vergangenen 18 Monaten.

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Williams ist Vorstandsvorsitzender der Anti-Gewalt-Partnerschaft (AVP) von Philadelphia, die Opfern von Gewalt und ihren Angehörigen Therapie und Seelsorge anbietet. Ende Juni standen laut Williams 174 Namen auf der Warteliste, verglichen mit 30 zur gleichen Zeit im Vorjahr. „Verletzte Menschen, verletzte Menschen“, sagt Williams. „Und dies ist ein entscheidender Moment in Philadelphia, weil es in dieser Stadt zurzeit viele solcher Menschen gibt.“

Nach den Worten von Geschäftsführerin Natasha McGlynn bot die Organisation seit September 425 Teenagern, die Familie oder Freunde verloren oder selbst Schießereien überlebten, Therapie und Beratung.

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Nachdem die Kriminalität in den ersten Monaten der Corona-Pandemie stark zurückgegangen war, ist sie nun überall in den USA in die Höhe geschnellt. Viele Städte wie Philadelphia verzeichnen dabei zweistellige Zuwachsraten bei der Schusswaffengewalt. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden schickte Einsatzkräfte nach Chicago, Los Angeles, New York, San Francisco und Washington D.C., um bei der Zerschlagung von Waffen-Netzwerken zu helfen.

Durch Corona einen Mangel an Fachpersonal

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Biden forderte verschiedene Staaten auf, Corona-Hilfsgelder für die Einstellung von Polizeibeamten oder zusätzlichen Therapeuten zu verwenden. Philadelphia ist eine von 15 US-Städten, die sich einem Bundesprogramm gegen Gewalt in den Gemeinden angeschlossen haben. Willams' Gruppe und andere Therapie-Anbieter für Gewaltopfer bewerben sich dabei um Zuschüsse zur Einstellung weiterer Berater.

Nach Angaben von Lynn Linde von der American Counseling Association gab es bereits vor Corona einen Mangel an Fachpersonal für psychische Gesundheit, vor allem in ländlichen Gegenden. „Ich kenne niemanden, der freie Termine hat, und es gibt viele Therapeuten, die Überstunden machen und einfach ausbrennen“, betont Linde.

Die Therapeuten der AVP in Philadelphia, die nur Traumatisierte und Angehörige von Gewaltopfern behandeln, nennen als Hauptgrund für ihre Überlastung den Anstieg von Gewaltverbrechen. Im vergangenen Jahr wurden in Philadelphia mehr als 1800 Menschen durch Schüsse verletzt. Bereits zu Beginn der heißen Sommermonate, die typischerweise mehr Waffengewalt bringen, meldete die Stadt fast 900 Opfer von Schusswaffengewalt – 150 mehr als im Vorjahreszeitraum.

Gewalt hat viele weitere Auswirkungen

Adam Garber ist Geschäftsführer von CeaseFirePA, einer gemeinnützigen Organisation zur Eindämmung von Schusswaffenverbrechen in Pennsylvania. Nach seiner Einschätzung sieht die Öffentlichkeit wie bei einem Eisberg nur die Tötungsdelikte an der Oberfläche. Doch darunter lägen die anderen Auswirkungen der Gewalt - lebenslange Verwundungen, Traumata, Ängste, die Eltern dazu bringen, ihre Kinder im Haus zu behalten: „Wir übersehen die ganzen Schäden darunter, die das Leben so vieler Menschen dauerhaft verändern.“

Elinore Kaufman arbeitet in der Chirurgie der Klinik der University of Pennsylvania und im Presbyterian Medical Center in Philadelphia. In ihrem Traumazentrum gibt es zwei bis drei Mal mehr Überlebende mit Schussverletzungen als Todesopfer - da sich die Traumabehandlung verbessert hat, überleben heute mehr Opfer als früher.

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„Das Ziel ist, den Menschen beim Überleben zu helfen, und darin sind wir sehr gut“, erklärt Kaufman. „Wir bringen die Leute durch diese akute Zeit. Aber wir sind nicht so gut darin, ihnen wieder zu einem vollwertigen Leben zu verhelfen. Dieser Teil ist in vielerlei Hinsicht viel schwieriger.“

Die Klinik entwickle nun ein Mentorenprogramm, das den Patienten Hilfsangebote, Weiterbildung und Umschulung vermitteln soll, wenn sie wegen Verletzungen nicht an ihre Arbeitsplätze zurückkehren könnten. „Wir schicken die Leute sonst zurück in Situationen, die schon vorher nicht sicher waren“, sagt Kaufman.

Latrice Felix hat ihren Sohn Alan Womack Jr. verloren. © Quelle: AP Photo/Matt Rourke

Latrice Felix trauert um ihren Sohn Alan Womack Jr. Er wollte der Gewalt in der Innenstadt entkommen und lebte in einem der besseren Vororte von Philadelphia, verbrachte viel Zeit im Fitnessstudio oder mit seiner Familie. In seinem Job versuchte er, jungen Straftätern bessere Zukunftschancen zu ermöglichen. Am 28. Februar 2020 starb der 28-Jährige durch Schüsse vor dem Fitnessstudio.

Felix meldete sich kurz nach dem Tod ihres Sohnes zur Trauerbegleitung bei der AVP an, wartete jedoch rund sechs Monate auf einen Termin. „Ich wollte nicht sterben, aber auch nicht mehr leben“, erzählt sie. Nun versucht sie, Spenden für ein Trauercafé zu sammeln, in dem Angehörige zusammenkommen und mit einem Therapeuten sprechen können.

„Die Leute denken, man begräbt sein Kind, und dann geht das Leben weiter. Aber sie sehen nicht, wie man morgens nicht aus dem Bett kommt, wie man anfängt zu weinen, wenn man umsonst die Straße entlangfährt“, sagt Felix. „Ich möchte dafür sorgen, dass Trauerbegleitung normal wird, vor allem für die afroamerikanische Gemeinde.“

RND/AP

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