Ein Schimmer der Hoffnung: Glühend heißer Lavastrom erreicht das Meer

  • Neun Tage nach dem Vulkanausbruch auf La Palma hat die Lava die Küste erreicht.
  • Menschen vor Ort hoffen jetzt auf eine gewisse Entspannung.
  • So oder so ist der Westen der Insel zerschnitten, mehr als 650 Gebäude sind zerstört.
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Madrid. Das Leben geht weiter. Am Mittwochmittag hat Rüdiger Wastl einen Termin beim Physiotherapeuten, das tut Leib und Seele gut. „Man trägt schon eine gewaltige Last auf den Schultern“, sagt der 52-Jährige aus Dietzenbach bei Offenbach. Seit 16 Jahren lebt er auf La Palma, hat dort seine Frau kennengelernt und seinen heute achtjährigen Sohn aufwachsen sehen. Am Sonntag vor gut einer Woche verschlang der Vulkan sein Haus mit allem, was darinnen war. Es war eines der ersten. Die Lava blieb gefräßig, langsam und gewaltig wälzte sie sich den Berg hinab Richtung Meer, begrub ein Gebäude nach dem anderen, schien mal innezuhalten, nahm wieder Tempo auf. Am späten Dienstagabend erreichte sie die Küste und stürzte sich einen Abhang hinab hundert Meter in die Tiefe. Aus der Ferne sah es aus wie flüssiges Gold.

„Das bringt hoffentlich eine gewisse Entspannung“, sagt Wastl, „dass die Lava jetzt abfließen kann und nicht noch immer mehr Häuser mitnimmt.“ Gut 650 Gebäude hat der Vulkan bisher zerstört und ein paar Dutzend weitere beschädigt. Auch das Haus eines dänischen Paares, das ein paar Tage wundersam wie auf einer Insel dem Appetit des Lavastroms entging, ist nicht mehr. Jetzt aber, sagt am Mittwochvormittag der Regionalpräsident der Kanaren, Ángel Victor Torres, habe sich ein „Kanal“ gebildet, durch den die Lava vom Vulkan zum Meer hinabfließt. Wenn alles gut geht, dann nur noch hier entlang und nicht mehr links und rechts davon.

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Giftige Gase nach Vulkanausbruch auf La Palma werden zum Problem
0:53 min
Die Behörden haben aufgrund von giftigen Gasen zum Abdichten von Fenstern und Türen aufgefordert. Anwohner sollen Atemwege mit feuchten Tüchern schützen.  © Reuters
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„Unsere Vergangenheit ist in dem Haus begraben“

Wie ein rotglühender Faden ist dieser Strom in der Nacht auszumachen. Er ist rund fünf Kilometer lang und zerteilt den Westen der Insel nun in zwei Teile. Da ist kein Rüberkommen, ein höllischer Grenzfluss. Nördlich davon und südlich davon, immer in gebührendem Abstand, versuchen die Menschen, ihr altes Leben weiterzuführen oder sich ein neues Leben auszumalen. Währenddessen ergießt sich die Lava unablässig ins Meer, das Wasser verzischt, das Leben darin erstirbt, in wenigen Stunden wächst eine Lavapyramide zu Füßen des Abhangs heran. La Palma wird größer.

Nach der Physiotherapie fährt Wastl den Berg hinab zum Restaurant, das er an der Landstraße zwischen El Paso und Los Llanos betreibt, das Franchipani. „Ich gucke auf den Vulkan und weiß, dass dort eigentlich mein Haus stehen müsste“, sagt er. Es stand nur 250 Meter Luftlinie entfernt von der Stelle, an der sich der Berg öffnete. „Unsere Vergangenheit ist in dem Haus begraben“, sagt er. Er ist bei Freunden im Norden der Insel untergekommen. „Wir können jetzt nachts schlafen. Der Vulkan donnert einem nicht die ganze Zeit im Ohr. Und man sieht ihn nicht permanent.“

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Aber hier vom Restaurant aus sieht er ihn doch. Und den Lavastrom auch. Manchmal riecht es nach Schwefel, und immerzu rieselt die Asche. „Wir tragen alle Masken“, sagt Wastl. „Diesmal nicht wegen Covid, sondern um nicht Ruß und Asche einzuatmen.“

Traurigkeit – und Hilfsbereitschaft

Das Franchipani liegt nördlich des Lavaflusses, südlich davon liegt die Pension Tom’s Hütte am Meer, die der Wilhelmshavener Thomas Klaffke dort seit vielen Jahren betreibt. Sie steht noch, aber alle Wege dahin sind vorerst abgeschnitten. Viele Monate werden vergehen, glaubt Klaffke, bis an seinem Küstenabschnitt, der La Bombilla heißt, wieder Strom und Wasser fließen werden. Klaffke hat die Fähre nach Teneriffa genommen, um dort einen Freund zu besuchen. Auf der Nachbarinsel wird er besser ausspannen können als auf La Palma. „Ich bin so müde“, sagt er.

Das Franchipani ist noch erreichbar und liegt zum Glück außerhalb der Evakuierungszone rund um den Lavafluss. Das Geschäft läuft weiter, so gut es eben geht. „Du kannst ja jetzt nicht deinen Kopf in den Sand stecken und darauf warten, dass alles besser wird“, sagt Wastl. So langsam habe er den ersten Schrecken überwunden. „Aber immer mal wieder kommt Traurigkeit auf. Und zwischenzeitlich fängt man auch ganz dolle an zu weinen. Vor allem bei der ganzen Hilfsbereitschaft, die man rundherum erfährt. Die Solidarität ist es, was dich immer wieder hochzieht.“ Da kommt kein Vulkan gegen an.

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