Vulkanausbruch auf La Palma: Gibt es tatsächlich ein Tsunami­risiko?

  • Der Ausbruch des Vulkans Cumbre Vieja auf La Palma hält weiter an.
  • Wissenschaftler haben die Theorie aufgestellt, dass die Eruptionen auf der Insel im Extremfall einen heftigen Tsunami im Nordatlantik auslösen könnten.
  • Die aktuelle Lage deute aber nicht auf eine solche Entwicklung hin, sagt eine Expertin vom Potsdamer Geoforschungs­zentrum (GFZ).
Jérôme Lombard
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Ein gigantischer Tsunami, der ganze Küstengebiete am Nordatlantik von den Britischen Inseln über Ostafrika bis hin zu den USA und Kanada verwüstet, ausgelöst von einem Vulkanausbruch auf der Kanareninsel La Palma? Dieses Angst einflößende Szenario entspringt nicht etwa einem dunklen Apokalypsefilm, sondern der seriösen wissenschaftlichen Forschung zweier Geowissenschaftler.

Der US-Amerikaner Steven Ward und der Brite Simon Day schreiben in ihrer vor rund 20 Jahren veröffentlichten Studie mit dem Titel „Cumbre Vieja Volcano – Potential Collapse and Tsunami at La Palma, Canary Islands“, dass es aufgrund der topografischen Lage möglich sei, dass sich durch die seismische Aktivität des Vulkans Cumbre Vieja im Süden La Palmas ein bis zu 500 Kubikkilometer großer Gesteinsbrocken von der Vulkanflanke lösen und ins Meer hinabstürzen könnte. Die Folge wäre eine Flutwelle biblischen Ausmaßes.

Flankenkollaps reale Gefahr

Der aktuelle Ausbruch des Cumbre Vieja, der zu den aktivsten Vulkanen auf den Kanarischen Inseln zählt, hat die Studie von Ward und Day wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Doch wie hoch ist das akute Risiko eines Megatsunamis vor dem Hintergrund der aktuellen Eruptionen tatsächlich? Nicole Richter ist Postdoctoral Researcher am Geoforschungs­zentrum in Potsdam (GFZ). Sie hat die amerikanisch-britische Studie aufmerksam studiert. „Das Szenario, welches die beiden Kollegen in ihrer Studie von 2001 beschreiben, ist bestimmt keine absurde Horrorvision, sondern gute wissenschaftliche Arbeit“, sagt Richter.

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Nicole Richter forscht am Potsdamer GFZ über Vulkane. © Quelle: privat

Dass insbesondere Inselvulkane aufgrund ihrer strukturellen Architektur und ihrer eigenen Masse eine fragile Flankeninstabilität vorweisen, sei bekannt. „Durch Ausbrüche, die mit Erdbeben und dem Austritt von Lava einhergehen, bewegen sich die so nicht selten schon mobilen Flanken eines Vulkans manchmal schneller oder abrupt und es ist nicht ausgeschlossen, dass das zu einem Kollaps der Flanke führen kann“, erläutert die Wissenschaftlerin.

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Mehrere Landhäuser gingen bereits in Flammen auf, als sie von der um die 1000 Grad heißen Lava erreicht wurden.  @ Quelle: Arturo Jimenez/dpa

Expertin: Aktuelle Situation auf La Palma deutet nicht auf massiven Gesteinsrutsch hin

Das sei etwa 2018 der Fall gewesen, als der Vulkan Anak Krakatau in Indonesien ausbrach. Die durch massive Gesteins­abbrüche ausgelöste Tsunamiwelle tötete auf Java und Sumatra anschließend Hunderte Menschen. In der Geschichte ließen sich weitere Beispiele finden. „Erdrutsche im Zusammenhang mit Vulkanausbrüchen kann und wird es immer wieder geben“, sagt Vulkanologin Richter. Dass aber wie im Fall des Anak Krakatau mit einem Mal eine ganze Flanke mit hoher Geschwindigkeit ins Meer rutscht, sei nicht immer der Fall. Es käme im Zusammenhang mit Eruptionen auch zu kleineren, teilweisen Erdrutschen.

Für den Cumbre Vieja gehe man anhand der aktuellen Datenlage aus La Palma derzeit von keiner akuten Gefahr eines massiven Kollapses aus. „Momentan sieht es so aus, als wenn die Aktivität nachlässt, was nicht heißt, dass die Eruption enden müsse“, sagt Richter. Ganz sicher ausschließen könne man einen Flankeneinsturz aber wiederum auch nicht. „Wichtig ist, dass es vor, während und nach dem Ausbruch ein permanentes Monitoring der seismischen Aktivitäten und Oberflächen­deformationen vor Ort oder mithilfe von Satellitendaten gibt.“ Dies seien die besten Methoden, um die Naturgewalten besser verstehen und Veränderungen der Ausbruchsdynamik frühzeitig erkennen und richtig interpretieren zu können – so weit dies menschenmöglich ist.

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