Auto fährt in Karnevalsumzug: Was trieb den Fahrer an?

  • Ein 29-Jähriger rast am Rosenmontag in eine Menschenmenge beim Karnevalsumzug in Volkmarsen - der direkt vor seiner Haustür losging.
  • Sein Vermieter sagt, er habe Andeutungen bei der Nachbarin gemacht.
  • Bisher soll er ein sehr unauffälliger Mann gewesen sein.
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Volkmarsen. Es ist spät am Abend, etwa 21.30 Uhr, als Vermieter Axel Horstmann die aufgebrochene Haustür hinter sich zuzieht. Ein halbes Dutzend Polizeibeamte hat bis eben die Wohnung jenes Mannes durchsucht, der nicht nur Karnevalisten am Rosenmontag in Angst und Schock versetzt hat. Der 29 Jahre alte Mann aus Volkmarsen war - davon geht man inzwischen aus - am Nachmittag absichtlich in eine Menschenmenge beim Karnevalsumzug gerast, in eben diesem Dorf in Nord-Hessen im Landkreis Waldeck-Frankenberg.

Der Fahrer habe noch einmal richtig beschleunigt, so erzählen es Augenzeugen, steuerte dann von hinten die Zuschauer des Rosenmontagszugs an. 30 Menschen wurden dabei verletzt, sieben bis zehn davon schwer, einige schwebten am Abend noch in Lebensgefahr. Besonders kleine Kinder sollen unter den Opfern sein, laut dem hessischen Innenminister Peter Beuth (CDU) ein Drittel der 30 Verletzten.

Familie war im Ort bekannt

“Es ist ein Horrorfilm der schrecklichsten Art”, sagt Axel Horstmann, “einer der gerade nicht aufhören will.” Horstmann gehört das kleine Fachwerkhaus in der Volkmarser Hauptgeschäftsstraße, in dem der dringend Tatverdächtige Maurice P. wohnt - bei seiner Großmutter Eva P., die die Wintermonate für gewöhnlich auf den Kanaren verbringe.

Wer ist der junge Mann? Welches Motiv hatte er? “Er ist ein unauffälliger Mann, es gab nie Beschwerden über ihn”, sagt Horstmann, der alle Mieter zumindest flüchtig kennt. “Niemand hier hätte erwartet, dass er so etwas Krankes tut, es gab absolut keine Hinweise. Alle sind fassungslos.”

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Warum der 29-Jährige bei seiner Oma gemeldet ist, was er beruflich macht und ob der silbergraue Mercedes - die Tatwaffe - ihm oder jemand anderem aus der Familie gehöre, all das Vermieter Horstmann nicht sagen. “Ich weiß, dass die Familie vor einigen Jahren aus Baden-Baden hergezogen ist, seine Schwester hatte gegenüber jahrelang ein Friseurgeschäft.” Außerdem habe sie eine alte Gastwirtschaft gekauft, aus der sie eine Pension machen wollte. Als das scheiterte, sei sie mit Mann und Kind zurück Richtung Baden-Baden gezogen. Bruder und Großmutter seien in Volkmarsen geblieben.

Polizeiabsperrung umfahren und Gas gegeben

Volkmarsen ist ein uriger, kleiner 7000-Einwohner-Ort in Nord-Hessen, 30 Kilometer von Kassel entfernt - und eine Karnevalshochburg. Etwa 1000 Menschen drängten sich am Montagnachmittag im Ortskern auf eben jener Straße, wo der Tatverdächtige selbst wohnt. Er hätte den Umzug theoretisch vom Fenster aus beobachten können: Von rechts aus Richtung des Rathauses hoch bis zum Ende der Straße, dort, wo der Supermarkt ist - der Tatort. Mit dem Mercedes kam er von oberhalb, er muss vor dem Zug losgefahren sein - die Straße vor seinem Wohnhaus war längst abgesperrt. Oben am Supermarkt soll er dann eine Polizeiabsperrung umfahren - und Gas gegeben haben.

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Feuerwehrleute stehen an der Unfallstelle. Im nordhessischen Volkmarsen ist ein Autofahrer in einen Rosenmontagsumzug gefahren. Nach ersten Meldungen sind mehrere Menschen verletzt worden.  @ Quelle: Uwe Zucchi/dpa

Der Supermarkt ist am Montagabend weiträumig abgesperrt. Sichtschutz, Gitterzäune, Dutzende Polizei- und Feuerwehrwagen, Flutlicht, Stromgeneratoren, ein weißes Standzelt, das den Tatort vor dem Regen schützen soll. Mitarbeiter der Spurensicherung in weißen Schutzanzügen sind um 22 Uhr noch immer dabei, den Mercedes zu untersuchen.

Womöglich wird es eine Nachtschicht für Polizei und Feuerwehr, die praktisch ganz Volkmarsen abriegeln. Denn es gibt nicht nur diese “innere Absperrung”, wie Polizeibeamte erklären, sondern auch eine “äußere Absperrung”: An allen Zufahrtsstraßen stehen ein bis zwei Polizeiautos, niemand wird hineingelassen, bis auf Anwohner und Journalisten.

Fahrer kündigte Tat bei Nachbarn an

Die Polizei sagt, es handele sich bei der Sperrung um eine “notwendige Maßnahme", mehr sagt sie nicht. Auch die Frage, ob es einen Zusammenhang mit der zweiten Festnahme gibt, kommentiert sie nicht. Wie der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill am Abend bestätigte, ist am Nachmittag ein zweiter Mann festgenommen worden - womöglich weil er die Tat gefilmt hat. Es war allerdings zunächst unklar, ob er Schaulustiger oder vielleicht Mittäter war.

Vermieter Horstmann sagt, Maurice P. habe seiner Nachbarin kurz vor der Tat angekündigt, dass er heute noch “in die Medien” komme. Es gebe Gerüchte im ganzen Ort, dass er außerdem gesagt habe: “Das wird nicht der letzte Vorfall heute sein.”

Von Polizei und Staatsanwaltschaft gab es am späten Abend keine Informationen mehr. Geschäfte, Restaurants und Kneipen haben längst dicht - oder zumindest von innen abgeschlossen. Im “Apfelbaum” sitzen noch ein Dutzend junge Menschen bei Bier, Musik läuft keine, Karneval feiert in Volkmarsen niemand mehr an diesem Abend. Beamte, Politiker und Seelsorger haben sich am Rathaus inzwischen ein Lagezentrum eingerichtet. Am Dienstag um 18 Uhr soll es einen ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Katholischen Kirche geben. Dort, wo der Karnevalsbrauch normalerweise friedlich beendet wird, einen Tag später, am Aschermittwoch.

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