Viele Tote, keine Panik: Der Gleichmut der Russen

  • Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen: Die AHA-Regeln gelten in Russland genauso wie in Deutschland.
  • Doch im Alltag gehen die Menschen damit leger um. Im öffentlichen Diskurs ist Corona ein verhältnismäßig kleines Thema, obwohl eine hohe Übersterblichkeit besteht.
  • Das Unterreporting der offiziellen Opferzahlen, Unwissen und die Fokussierung auf ökonomische Nöte sind die Gründe.
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Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie scheint das kleine tatarische Restaurant Azu im Moskauer Stadtteil Chamowniki geschlossen zu haben. Es brennt keine Außenbeleuchtung und auch drinnen scheint alles dunkel zu sein. Die Eingangstür ist verriegelt. Doch der Eindruck täuscht: Wer dem Wirt bekannt vorkommt, braucht nur die unscheinbare Klingel auf der rechten Seite zu betätigen, und schon wird man herzlich zu Speis und Trank hereingebeten.

Eine eigenartige Geschäftspraxis: Schon seit Juni vergangenen Jahres, als in Russland ein sehr weitgehender Lockdown nach der ersten Corona-Welle beendet wurde, durften die Lokale wieder öffnen – bis heute, trotz der zweiten weltweiten Corona-Welle.

Doch in der Pandemie hat das Azu ein neues Geschäftsmodell entdeckt: den ungezwungenen Restaurantaufenthalt in Pandemiezeiten. Den Augen der Öffentlichkeit entzogen, werden die geltenden Corona-Schutzmaßnahmen wie Abstandsregel und Maskenpflicht viel lascher gehandhabt als in den regulär geöffneten Gaststätten der Stadt. Und so sieht man im Azu Menschen mitunter singen und feiern, als habe es Corona nie gegeben. Der Laden, dessen Gäste meist aus der Nachbarschaft kommen, floriert jetzt auf seine Art.

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So ist das in Russland. Die Regeln sind zwar oft streng, doch bis das Ordnungsamt anrückt, gibt es in bestimmten Bereichen viel Raum für individuelle Freiheiten. Im Azu haben die Behörden offenbar noch nicht vorbeigeschaut.

Offizielle Zahl der Corona-Toten offensichtlich untertrieben

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Die Familienfeiern im Azu deuten aber auch noch auf ein anderes russisches Phänomen: dass das Virus längst nicht so in den Köpfen der Menschen steckt, wie das etwa in Deutschland der Fall ist. Das ist im öffentlichen Leben überall zu bemerken: Zwar wird in der Metro ständig durchgegeben, dass das Nichttragen von Handschuhen und Masken Geldbußen nach sich zieht. Doch in den Zügen, die oft genug überfüllt sind, sitzen stets auch Passagiere ohne Maske – und niemand scheint daran Anstoß zu nehmen.

Dafür gäbe es allerdings allen Grund. Denn offensichtlich verzeichnet das Land im internationalen Vergleich eine hohe Corona-Todesrate. Zwar liegt Russland bei den offiziellen Zahlen mit derzeit etwa 84.500 Pandemie-Toten gemessen an der Bevölkerungszahl deutlich unter Deutschland (69.125 Tote), doch das ist sichtlich eine Untertreibung. Denn die staatliche Statistikbehörde Rosstat wies Anfang Februar eine Übersterblichkeit für das Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 von 323.000 Toten aus.

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Wenn die Übersterblichkeit besonders stark von der Zahl der Menschen abweicht, die offiziell an Corona gestorben sind, gilt das weithin als ein besserer Indikator für die wahre Zahl der Pandemietoten als ihre offiziell gemeldete Zahl: „Denn deren Aussagekraft hängt stark von den Testkapazitäten und den Meldeverfahren ab, die in einem Land gegeben sind“, schreiben die beiden Forscher Ariel Karlinskij von der Hebräischen Universität Jerusalem und Dmitrij Kobak von der Universität Tübingen in einer aktuellen gemeinsamen Studie, in der sie die Übersterblichkeit in 77 Ländern untersucht haben.

Eingeschränkte Pressefreiheit führt zu Unkenntnis

Und in Russland weicht die Übersterblichkeit allem Anschein nach besonders stark ab: Den Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019 übertraf sie im Jahr 2020 der Untersuchung zufolge um das 6,7-Fache. Für Deutschland sei im Vergleich dazu gerade einmal ein Wert des 1,0-Fachen festgestellt worden. „Nur in Ägypten, Belarus, Kasachstan und Usbekistan war der Multiplikator unter den 77 untersuchten Ländern höher als in Russland“, betonen die Autoren der Studie.

„Das sind wie Russland alles Länder, in denen die Pressefreiheit stark eingeschränkt ist“, sagt die russische Soziologin Olga Zewelewa von der Universität Helsinki dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Die russischen Staatsmedien sind sicher nicht erpicht darauf, über etwas derartig Negatives zu berichten wie besonders hohe Todeszahlen in Corona-Zeiten.“ Gleichzeitig informierten sich viele Menschen ausschließlich über das Staatsfernsehen, auch wenn es sich meistens um die ältere Generation handele: „Das heißt aber, dass ganze Bevölkerungsgruppen keine Ahnung von der Übersterblichkeit haben.“

Regen sich die Russen also nur nicht auf, weil viele von ihnen gar nicht wissen, wie tödlich die Pandemie tatsächlich ist? Dafür spricht auch, dass die offiziellen Corona-Todeszahlen täglich veröffentlicht werden, während Rosstat die Gesamtsterblichkeit mit wochenlanger Zeitverzögerung bekannt gibt: Im Dezember 2020 wurden im Durchschnitt jeden Tag 548 Corona-Tote gemeldet, doch erst Anfang Februar gab die Statistikbehörde bekannt, dass in dem Monat 3300 Menschen pro Tag mehr gestorben seien als üblich. Aus dem zeitlichen Zusammenhang gerissen, verlieren die Zahlen an Brisanz.

Furcht vor dem wirtschaftlichen Ruin stärker als vor dem Virus selbst

Außerdem fürchten die Russen die ökonomischen Konsequenzen der Pandemie stärker als gesundheitliche Beeinträchtigungen: Selbst als im vergangenen Herbst am Gipfelpunkt der zweiten Welle Bilder von überfüllten Intensivstationen kursierten, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes FOM, dass die Furcht vor dem wirtschaftlichen Ruin stärker war als vor dem Virus selbst. Das liegt daran, dass das Virus die ohnehin schwächelnde russische Wirtschaft stark getroffen hat: „Die Leute nehmen den massenhaften Tod von Menschen nicht zur Kenntnis, wenn es nicht jemanden trifft, der ihnen nahesteht“, sagte Sergej Belankowskij vom Moskauer Zentrum für Strategische Forschung der „Moscow Times“: „Aber inzwischen haben viele ihre Jobs verloren. Und von denen, die ihre Arbeitsplätze erhalten konnten, mussten viele Gehaltseinbußen hinnehmen.“

* Den Namen des Restaurants haben wir geändert, damit der Betreiber keine Repressalien des Staats wegen dieses Texts fürchten muss.

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