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Das größte Flüchtlingscamp Europas: ein Besuch auf der US-Militärbasis in Ramstein

  • Ramstein ist für Zehntausende Afghanen ein Ort der Hoffnung.
  • Die US-Militärbasis ist derzeit das größte Flüchtlingscamp Europas.
  • Wie geht es den Menschen, die auf dem Weg in ein neues Leben sind – und so viele daheim in Gefahr zurücklassen mussten?
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Ramstein. Ihr altes Leben würde enden, das war Saima klar, so oder so. Vielleicht, weil die Taliban sie und ihre Familie verfolgen, misshandeln, vielleicht gar töten würden, weil sie das alte Regime unterstützt hatten. Ganz sicher aber, weil sie nicht mehr das würde tun können, was ihr am wichtigsten war. Saima, 20 Jahre alt, studierte Management.

„Wir hatten gerade das zweite Semester begonnen, mit Hoffnungen und Träumen“, erzählt sie. Aber niemals, da machte sie sich keine Illusionen, würden die Taliban einer jungen Frau erlauben, weiter zur Universität zu gehen. Also brach sie auf in dem Außenbezirk Kabuls, ihrer Heimatstadt, und schaffte es an mehreren Checkpoints vorbei, angstvoll. Die Taliban schossen auf die Menschen, sagt sie, „zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Gewehrfeuer“, aber sie gelangte durch das Chaos auf den Flughafen.

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Zwei Wochen später steht sie nun hier, in Hangar 5 auf der Ramstein Air Base, dem größten US-Militärflugplatz in Europa, gelegen am Rand einer pfälzischen Kleinstadt. In Gedanken in Kabul. Eine junge Frau, ein hellblaues Tuch über Kopf und Schultern, schwarze Jacke über grünem Shirt, sanftes, freundliches Gesicht. Sie könnte nun erleichtert sein, in einer Stunde geht ihr Flug nach Dulles, Virginia. Aber sie wirkt, als sei sie in Gedanken gar nicht hier, sondern noch in Kabul, Bezirk 8, wo sich ihre Familie jetzt vor den Taliban versteckt.

Im Durcheinander an einem der Zugangstore zum Flughafen Kabul hat sie Eltern und Geschwister aus den Augen verloren. Zwei Tage harrte sie dort aus, wartete. Dann stieg sie in ein Flugzeug. Ohne die anderen. Saima hat eine Schwester und drei Brüder. „Ich fühle, dass sie in Gefahr sind.“ Gerade hätten sie eine Nachricht geschickt, dass sie in Sicherheit seien. „Aber das kann morgen schon ganz anders sein.“ Die Ramstein Air Base, das ist dieser Tage eine Art Zwischenwelt. Ein Ort zwischen altem und neuem Leben. Die Afghaninnen und Afghanen, die die US-Militärtransporter bis hierher gebracht haben, gehören zu den Glücklichen.

Beigefarbene Zelte, die Wäsche hängt auf dem Zaun zum Trocknen: ein Einblick in den Militärstützpunkt. © Quelle: Thorsten Fuchs
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Aber ohne Bitternis ist dieses Glück nicht zu haben. Saima zeigt auf eine andere junge Frau, die auf dem Boden sitzt, sie hat sie auf der Flucht kennengelernt. „Die Taliban“, sagt Saima, „haben ihre Mutter erschossen.“ Noch im vergangenen Jahr, als der US-Präsident Donald Trump hieß und mit dem Abzug von Truppen aus Deutschland drohte, stand der Stützpunkt Ramstein plötzlich vor einer ungewissen Zukunft. Jetzt, nach dem Abzug aus Afghanistan, nach der gewaltigen militärischen und moralischen Niederlage des Westens, ist er das zentrale Drehkreuz für die Rettung der Ortskräfte und anderer aus Lebensgefahr, internationaler Flughafen und riesiges Flüchtlingscamp auf Zeit zugleich.

Von Familien, Thanksgiving und Tee

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34.000 Menschen haben die USA in den vergangenen drei Wochen hierhergebracht, mehr als 10.000 sind noch hier. Sie schlafen in dieser Stadt aus beigefarbenen Zelten, die zu Hunderten entlang der Startbahn stehen, immer sieben in einer Reihe. Wie viele es genau sind? Da zuckt Amy Glisson mit den Schultern.

„Ich zähle Menschen“, sagt sie, „nicht Zelte.“ Normalerweise arbeitet Glisson, 42 Jahre alt und Colonel bei der Air Force, in der Personalabteilung der Basis. Am 20. August, als sich der überstürzte Abzug der Amerikaner abzeichnete, bekam sie eine neue Aufgabe: als Camp-Managerin das derzeit wohl größte Flüchtlingscamp Europas mit aufzubauen.

Glisson spricht schnell, sie formuliert militärisch exakt, aber wenn man sie nach der größten Herausforderung fragt, macht sie eine Pause. „The biggest challenge? Oooh …“ Sie haben Fehler gemacht. Anfangs. Es gab Beschwerden. Miss­verständ­nisse. Zum Beispiel, weil sie die Familien trennten, Frauen und Kinder kamen in solide Anhänger, Männer in die schlechter isolierten Zelte.

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Aber Glisson lernte, dass es ihnen wichtiger ist, zusammenzubleiben, also teilen sich die Familien mit Decken kleine Kammern ab. Oder Tee. Tee ist das Getränk, wenn man zusammensitzt, wenn es etwas zu besprechen gibt, aber wie kocht man Tee für Tausende? Glisson erzählt, wie sie Fritteusen, die für die Thanks­giving­feiern der Amerikaner bereitstanden, zu Wasserkochern umfunktionierten. „Unbenutzte“, stellt sie klar.

Amy Glisson (42) ist Colonel bei der Air Force. © Quelle: Thorsten Fuchs

Zwischen den Zeltreihen spielen Kinder, schießen sich einen Ball zu, stellen sich lachend an die Zäune, wenn jemand vorbeikommt, „Salaam“, rufen sie und winken. Hinter den Zelten startet ein Flugzeug, es wird lauter, dann steigt es in den Himmel, es wird wieder stiller. Glisson setzt sich regelmäßig mit den Ältesten zusammen, die nicht unbedingt die Ältesten sind, aber die Repräsentanten der Familien, um zu hören, was sie umtreibt. Ihre Arbeitstage haben 17 Stunden, sie versucht, vor Mitternacht im Bett zu sein. Manchmal, sagt sie, gelinge das sogar.

Wer mit den Soldaten hier spricht, den Helfern, der spürt aufrichtiges Engagement, die Bereitschaft zur Improvisation und einen hohen Anspruch: Der militärischen und politischen Niederlage soll nun nicht auch noch die menschliche folgen. „Wir wollen den Menschen hier die bestmöglichen Lebensbedingungen bieten“, sagt Glisson. Aber warmes Essen und heißer Tee sind eben nur das eine. Das Chaos, die Gefahr, die Angst, die der Abzug in das Leben der Menschen gebracht hat, kann das nicht nehmen.

Hangar 5, Abflughalle

Vier Tage sollen die Menschen im Schnitt in Ramstein bleiben, bevor sie weitergeflogen werden, aber oft dauert es länger. Die letzte Station hier ist Hangar 5, Abflughalle würde man es bei einem zivilen Flughafen nennen. Mobile Gitterzäune teilen die Halle in Verschläge, jeder ein „Gate“, so steht es daran. Saima steht hier, wartend, und erzählt von ihrem Viertel in Kabul, das die Taliban sofort im Visier gehabt hätten, weil dort besonders viele Mitglieder anderer ethnischer Gruppen lebten, keine Paschtunen, und besonders viele Unterstützer der Regierung.

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„Die Taliban haben uns als Feinde betrachtet“, sagt sie, „jetzt ziehen sie dort von Haus zu Haus und holen jeden heraus, der für die Regierung gearbeitet hat.“ Als sie zwei junge Frauen fortbrachten, die für die US-Botschaft gearbeitet hatten, war es für ihren Vater das letzte Zeichen, das sie gehen müssten. Nicht weit von Saima, im nächsten „Gate“, steht Jan; sechs Jahre lang war er Soldat bei der afghanischen Armee. 27 ist er, trägt ein blaues T‑Shirt und ein rotes Hemd, sein vierjähriger Sohn hält sich mit einer Hand an seinem Bein fest, in der anderen hält er ein hart gekochtes Ei.

Der Einjährige ist hinten bei Jans Frau. Es sei ihnen schwergefallen, sagt er. „Aber als die Taliban kamen, mussten wir eine Entscheidung treffen.“ Es klingt nicht, als habe er wirklich eine Wahl gehabt, wie diese Entscheidung ausfällt.

Von der US-Armee erhielt er ein spezielles Visum, so konnte er die Kontrolle am Flughafen passieren. Seit 13 Tagen ist er in Deutschland. Ob es richtig sei, mit den Taliban zu verhandeln? Wohl eher sinnlos. Die UN, sagt er, müssten jetzt eine Regierung einsetzen. Ein arg utopischer Wunsch, das ist ihm klar, aber aus seiner Sicht wäre es die einzige Chance. „Ich bin froh, hier zu sein, in Sicherheit“, sagt er. Aber er kenne viele, die es nicht herausgeschafft haben. „Für sie kann ich jetzt nur beten.“ Fast alle Afghanen in Ramstein kennen jemanden, der oder die es nicht geschafft hat. Wahrscheinlich ist Captain Ali deshalb gerade so ein gefragter Mann.

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Ramstein: Großteil der Afghanen hat den US-Stützpunkt wieder verlassen
1:04 min
Mehr als die Hälfte der in Sicherheit gebrachten Personen aus Kabul hat den US-Stützpunkt Ramstein wieder verlassen.  © Reuters

Nächster Halt: USA – und dann?

Mir M. Ali, 41 Jahre alt, deutlich jünger wirkend, ist einer von fünf muslimischen Militär­seelsorgern, die die US Air Force beschäftigt. Eigentlich war er IT-Techniker, vor fünf Jahren wechselte er ins geistliche Fach, vor acht Wochen kam er turnusgemäß nach Ramstein. „Genau im richtigen Augenblick“, findet er. Captain Ali hat pakistanische Wurzeln, er spricht Urdu, was auch viele der Afghanen verstehen und sprechen. In Afghanistan war er 2008. „Ich kann mit den Menschen mitfühlen“, sagt er, „es ist, als gehörten sie zu meiner Familie.“

Im Camp hat Captain Ali ein Gebetszelt aufgestellt, er hat dafür gesorgt, dass Wasser da ist, damit sich die Gläubigen vor dem Betreten waschen können, wie es die Regeln vorgeben. Fünfmal am Tag schallt jetzt der Ruf des Muezzins über das Zeltcamp auf der Air Base Ramstein. Einsamer Neuanfang. Wie er die Stimmung wahrnimmt? „Die meisten kamen mit nichts als dem, was sie am Körper trugen, die meisten standen unter Schock“, sagt er. Aber jetzt, mit der Wärme hier, seien die Bedingungen besser. „Die meisten sind froh, an einen besseren Ort zu kommen.“ Nur wo dieser neue Ort auch sein kann, das kam überraschend.

Einige flogen von hier zum Beispiel ins Kosovo, wie viele genau, gibt die Air Force nicht an. Der Stützpunkt ist deutsches Staatsgebiet, etwa 100 Evakuierte haben hier Asyl beantragt. Die allermeisten Flüge aber gingen in die USA, in einer Woche soll das Flüchtlingscamp weitgehend leer sein. Für Ex-Soldat Jan geht es ebenfalls nach Dulles, zum Glück, wie er sagt. Verwandte sind schon in den USA, „wir wollen dort neu anfangen“.

Saima, die Studentin, hat bislang noch kaum einen Gedanken darauf verwendet, wie und wo es für sie weitergeht. Sie weiß nur, wie es für junge Frauen in Afghanistan weitergehen wird: „Hidschab tragen, zu Hause bleiben, nur mit dem Bruder raus.“ Kein Leben für sie. „Jetzt“, sagt Saima zuletzt, „hoffe ich nur, dass meine Familie es irgendwie doch noch heraus­schafft.“

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