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Missbrauchskomplex Münster: die wichtigsten Fragen zum Fall

  • Im Missbrauchskomplex Münster hat das Landgericht Urteile gegen fünf Angeklagte gesprochen.
  • Es ist einer von drei großen Tatkomplexen in Nordrhein-Westfalen.
  • Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu dem zentralen Prozess und dem Gesamtkomplex.
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Münster. Im zentralen Prozess um den Missbrauchskomplex von Münster hat das Gericht am Dienstag die Urteile gegen fünf Angeklagte gesprochen. Auf der Anklagebank saß unter anderem ein 28-Jähriger aus Münster, der als Schlüsselfigur in dem ausufernden Fall von sexueller Gewalt gegen Kinder gilt. Daneben mussten sich Männer aus Hannover, Schorfheide in Brandenburg und Staufenberg vor Gericht verantworten.

Ein Tatort soll eine inzwischen abgerissene Gartenlaube in Münster gewesen sein. Weil sie von dem Geschehen in ihrem Kleingarten gewusst haben soll, war in dem Prozess auch die Mutter des 28-Jährigen wegen Beihilfe angeklagt. Öffentlich bekannt wurde der Missbrauchskomplex am 6. Juni 2020 durch eine Pressekonferenz der Polizei. Rund 13 Monate später sind nun die Urteile gegen den Hauptangeklagten, drei weitere Männer sowie die Mutter des Hauptangeklagten ergangen. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu dem zentralen Prozess und dem Gesamtkomplex.

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Missbrauchskomplex Münster: Hauptangeklagter zu 14 Jahren Haft verurteilt
1:30 min
Im Hauptprozess um die Missbrauchsfälle von Münster sind vier Angeklagte zu Haftstrafen zwischen zehn und 14 Jahren verurteilt worden.  © Reuters
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Wozu wurden die fünf Angeklagten im zentralen Prozess verurteilt?

Der 28-jährige Hauptangeklagte ist wegen des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern zu 14 Jahren Haft verurteilt worden. Für die Zeit danach ordnete das Landgericht Münster für den IT-Techniker Sicherungsverwahrung wegen Wiederholungsgefahr an.

Die Urteile für die anderen Männer lauten: zehn Jahre Haft für einen Mann aus Hannover (36) für vier Fälle, elf Jahre und sechs Monate für einen 43-Jährigen aus Schorfheide in Brandenburg für fünf Fälle und zwölf Jahre für einen 31-Jährigen aus dem hessischen Staufenberg für sechs Fälle. Auch für diese Männer ordnete das Gericht Sicherungsverwahrung an. Damit folgte es weitestgehend der Forderung der Staatsanwaltschaft.

Wegen Beihilfe soll die Mutter (46) des IT-Technikers für fünf Jahre ins Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft hatte auf sechs Jahre plädiert. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Was wurde den Angeklagten vorgeworfen?

Dem 28-jährigen mutmaßlichen Drahtzieher im Missbrauchskomplex Münster wurde vorgeworfen, den heute elfjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin immer wieder selbst vergewaltigt und ihn anderen Männern für ihre grausamen sexualisierten Gewalttaten überlassen zu haben. Auch die mit ihm verurteilten Männer sollen sich als drei von vielen Peinigern an dem Kind vergangen haben.

Ein Tatort soll eine inzwischen abgerissene Gartenlaube in Münster gewesen sein. Über drei Tage hinweg sollen die angeklagten Männer dort den Ziehsohn des Hauptangeklagten sowie den damals fünfjährigen Sohn des Angeklagten aus Hessen wiederholt und teilweise stundenlang vergewaltigt haben. Weil sie von dem Geschehen in ihrem Kleingartenhäuschen gewusst haben soll, war in dem Prozess auch die Mutter des 28-Jährigen, eine 46-jährige ehemalige Erzieherin aus Münster, wegen Beihilfe angeklagt.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten Haftstrafen zwischen zehn und 14 Jahren für die Deutschen sowie anschließende Sicherungsverwahrung wegen Wiederholungsgefahr gefordert. Die Verteidigung wollte mildere Urteile, im Fall der angeklagten Mutter plädierte der Anwalt auf Freispruch. Nach dem Willen der Staatsanwaltschaft sollte die Erzieherin für sechs Jahre in Haft.

Wie lange dauerte das Verfahren?

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Der Auftakt des zentralen Prozesses war am 12. November 2020. Nach mehr als 50 Verhandlungstagen erging nun das Urteil des Landgerichts Münster.

Warum fand das Verfahren größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt?

Zum Schutz der Opfer fand das Verfahren in weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zudem wurden weitere schwerwiegende Vorwürfe verhandelt. So soll der 43-Jährige aus Schorfheide seinen eigenen Sohn sowie einen weiteren entfernt verwandten, damals neunjährigen Jungen schwer missbraucht haben. Zuvor sollen die Kinder mit einem Betäubungsmittel wehrlos gemacht worden sein.

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Wie viele Verdächtige gibt es insgesamt?

Die eingerichtete Ermittlungskommission bei der Polizei in Münster hat mehr als 50 Tatverdächtige identifiziert, von denen rund 30 in Haft sitzen. „Es liegen Hinweise auf weitere Täter und Opfer vor. Wir arbeiten weiter mit Hochdruck“, sagte eine Sprecherin der Polizei. 80 Ermittler sind auch ein Jahr nach dem Ermittlungsstart noch dabei, die gigantischen Datenmengen auszuwerten. Von 1400 IT-Asservaten habe man etwa 800 bereits durchforstet. Zuletzt war ein Mann in Berlin gefasst worden, weil er auf Missbrauchsfotos zu sehen war.

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Wurden bereits andere Verdächtige verurteilt?

Gegen fünf Angeklagte hat das Landgericht Münster bereits zuvor Urteile gesprochen – und Freiheitsstrafen zwischen etwas mehr als drei Jahren und neun Jahren verhängt.

Gibt es Verbindungen zu den Missbrauchskomplexen in Lügde und Bergisch Gladbach?

Zumindest sind diese nicht bekannt. Alle drei Missbrauchskomplexe flogen allerdings in einem kurzen zeitlichen Abstand auf: Anfang 2019 in Lügde, im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach und im Sommer 2020 dann die Fälle in Münster.

Ausgehend von den Ermittlungen in der Gartenlaube und bei dem 28-jährigen Hauptangeklagten waren große Netzwerke mit zahlreichen Beteiligten und einer Vielzahl von Opfern ans Licht gekommen. Etwa 30 Kinder sollen in dem Gesamtkomplex Opfer geworden sein.

RND/max/dpa

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