Mallorca-Reportage: eine abhängige Insel

  • In Deutschland steht der Mallorca-Urlaub stark in der Kritik – es wird ein weiterer Anstieg der Corona-Zahlen befürchtet.
  • Bei der Minister­präsidenten­konferenz am Montag wurde beschlossen, dass Reisende vor der Rückkehr einen Corona-Test machen, aber weiterhin nicht in Quarantäne müssen.
  • RND-Redakteurin Hannah Scheiwe war auf der Insel und hat mit Bewohnern und Urlaubern gesprochen.
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Palma. In der Not ist Gabriel Moreno Valls zum Hausbesetzer geworden: Er lebt mit seiner Frau und ihren Kindern in einer leer stehenden Bankfiliale in Palma. Die Miete für ihre Wohnung konnten sie sich nicht mehr leisten. Der Mallorquiner hat seinen Job als Maurer ohne Festvertrag in der Corona-Krise verloren, seine Frau bekommt als Verkäuferin nur ein geringes Kurzarbeitergeld. Ihr Leben war relativ normal – bis die Pandemie es grundlegend veränderte.

Denn mit Corona brach der Tourismus auf Mallorca nahezu komplett ein und damit die Haupt­einnahme­quelle vieler Menschen weg. Etwa jeder dritte Job hängt am Geschäft mit den Reisenden, aber 2020 kamen 80 Prozent weniger Urlauber nach Mallorca als üblich. Die Arbeitslosen­quote auf den Balearen ist laut balearischem Arbeits­ministerium in den vergangenen zwölf Monaten bis Ende Februar um 46,9 Prozent gestiegen, das sind 84.581 Menschen. Es ist der stärkste Anstieg in ganz Spanien.

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Im Video: Deutsche Touristen auf Mallorca trotz Corona-Sorgen – so ist die Lage auf der Ferieninsel
4:33 min
Deutsche Urlauber auf Mallorca – zwischen Urlaubsflair und Corona-Sorgen. Reporterin Hannah Scheiwe ist vor Ort und liefert im Video einen Lagebericht.  © RND
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Zahl der Notleidenden auf Mallorca stark angestiegen

„Vor der Pandemie kamen rund 4000 Bedürftige zu uns, jetzt sind es mehr als 11.000“, sagt auch Ascen Maestre (55), Leiterin von SOS Mamás, einer der größten Hilfsorganisationen für Notleidende auf der Insel, dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Bei ihr sucht auch Gabriel Moreno Valls Unterstützung für sich und seine Familie – er bekommt unter anderem Essen oder Kleidung für die Kinder. Und nicht zu vergessen: Hier hört sich jemand seine Sorgen an. Wie Maestre berichtet, kommen staatliche Hilfen kaum oder oft viel zu spät an, die Regierung sei in der Corona-Krise überfordert mit den zahllosen Menschen, die nun auf Sozialleistungen angewiesen seien.

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Mallorca-Eindrücke: „An der Playa de Palma ist es noch sehr leer“
2:47 min
Touristen aus Deutschland dürfen wieder nach Mallorca. Dennoch gibt es massive Corona-Einschränkungen. RND-Reporterin Hannah Scheiwe schildert die Lage vor Ort.  © RND

Während in Deutschland aktuell viel und kritisch über Mallorca-Reisen diskutiert wird, nimmt auf der Insel seit einem Jahr eine soziale Katastrophe ihren Lauf. Die Menschen dort schöpften leise Hoffnung auf Besserung, als vor Kurzem bekannt wurde, dass deutsche Touristen wieder einreisen dürfen, ohne hinterher in Quarantäne zu müssen. Im Gegensatz zur deutschen Bundesregierung, die aus Sorge vor erneut ansteigenden Corona-Zahlen eindringlich an die Deutschen appelliert, über Ostern nicht nach Mallorca zu fliegen, geben sich viele Mallorquiner – getrieben von Existenzängsten – bedenkenloser.

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Schnelle Impfungen auf Mallorca, schnelle Rückkehr zum sicheren Tourismus?

Auch Lucía Escribano, Leiterin der offiziellen Tourismus­information Fundación Mallorca Turismo, glaubt, dass ein sicherer Urlaub dort aktuell möglich sei. Das letzte Jahr sei ein „finanzielles und ökonomisches Desaster“ für die Insel gewesen, sagt sie im Gespräch mit dem RND. Doch nun sähen sie „Licht am Ende des Tunnels“.

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Als Grund dafür nennt sie nicht nur die wiederkehrenden Touristen, sondern vor allem die Hoffnung, dass in den nächsten vier Monaten laut Balearen-Präsidentin Francina Armengol alle Mallorquiner gegen das Coronavirus geimpft werden könnten. „Dann könnten wir im Sommer einen sicheren Tourismus ermöglichen“, meint sie. Regeln wie Abstand, Maskenpflicht, Ausgangssperren und Co. würden aber weiterhin gelten müssen – und würden auch den von den Behörden sowieso nicht gewollten Partytourismus unterbinden.

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Mallorca-Star Isi Glück im Video: „Ich glaube nicht, dass wir in diesem Jahr noch Partys erleben“
4:03 min
In Mallorca liegt die Partybranche seit einem Jahr wegen Corona brach. Im Video­interview spricht Schlagerstar Isi Glück über ihre Situation auf der Insel.  © RND

Während der Aufschrei in Deutschland laut ist, dass die Menschen nach Mallorca fliegen dürfen, aber im eigenen Land keinen Urlaub machen können, hat Escribano Verständnis für solche Regeln, die auch in Spanien von vielen kritisch gesehen werden – auch dort dürfen die Menschen nicht außerhalb ihrer Heimatregionen verreisen. „Die Mobilität in großen Ländern wie Deutschland oder auch Spanien ist viel größer, wenn plötzlich mehrere Millionen Menschen dort innerhalb des Landes herumreisen, als wenn ein paar Tausend auf eine kleine Insel wie Mallorca fliegen“, sagt sie. „Das ist viel gefährlicher und unkontrollierbarer“, meint Escribano mit Blick auf die Verbreitung des Virus. Auf der Baleareninsel hingegen könnten sie die Mobilität gut kontrollieren – jeder müsse sich bei der Einreise registrieren und einen negativen PCR-Test mitbringen.

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Viele verweisen auf PCR-Test - doch der ist nur eine Momentaufnahme

Auf den PCR-Test verweisen auch einige Gastronomen auf der Insel, die seit Anfang März wieder öffnen dürfen. „Ich habe keine Sorge, dass durch deutsche Touristen die Zahlen hochgehen“, meint etwa Beatrice Ciccardini (65), Inhaberin der Kneipe „Zur Krone“ an der Playa de Palma, zum RND. Dass dieser Test nur eine Momentaufnahme ist und keine absolute Sicherheit bietet, blenden sie und viele andere hier aus. Wohl auch, weil sie es sich nicht leisten können, aus Angst vor einem neuen Anstieg der Zahlen nicht aufzumachen.

Umso härter trifft sie am Montagabend die Nachricht: Sie müssen alle wieder eine Kehrtwende machen. Die Neuinfektionen ziehen leicht an, die Regierung will, so berichtet die „Mallorca Zeitung“, die erst vor einer Woche unter Auflagen geöffneten Innenräume von Cafés und Restaurants wieder schließen. Die Entscheidung soll noch diese Woche besiegelt werden. Die Zahl der Neuansteckungen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen auf den Balearen, zu denen Mallorca gehört, stieg nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Madrid vom Montagabend auf 26,45. Vergangene Woche hatte die Sieben-Tage-Inzidenz noch unter 20 gelegen. Im Vergleich zu Deutschland ist das ein immer noch relativ niedriger Wert.

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Sie freue sich auf die deutschen Touristen, sagte Ciccardini zuvor noch. Vor Jahrzehnten ist sie aus der Schweiz nach Mallorca ausgewandert. Ein paar Urlauber sitzen schon rund zwei Wochen vor Ostern bei ihr und trinken mittags ein Bier oder einen Sangria mit Blick aufs Meer, das in diesen Tagen noch zu kalt zum Baden ist. Das dürfen sie dann bald nur noch auf der Außenterrasse. Insgesamt ist es noch ruhig auf der Insel, viele Restaurants, Hotels und andere Geschäfte haben noch geschlossen. Ab 17 Uhr müssen hier alle schließen, dann ist auch für Restaurants nur noch Takeaway erlaubt. Ab 22 Uhr gilt immer noch eine Ausgangssperre.

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Gastronominnen auf Mallorca sind froh über Tourismus
2:11 min
Beatrice Ciccardini und Feli Bohrmann sind Gastronominen auf Palma de Mallorca und erleichtert darüber, dass jetzt wieder Touristen kommen können.  © RND, Hannah Scheiwe

Zu Ostern haben nur 13 bis 14 Prozent der Hotels offen

„Jeden Tag kommen mehr Touristen aus Deutschland, aber es ist kein Vergleich zu anderen Jahren“, meint Wirtin Ciccardini und erwartet auch für die Feiertage keinen „Ansturm“. Genaue Zahlen über die Touristen, die jetzt kommen, gibt es noch nicht. Escribano berichtet, dass über Ostern nur 13 bis 14 Prozent der etwas mehr als 1000 Hotels geöffnet sein werden. Die erneut in Deutschland diskutierte und auf Mallorca gefürchtete Einführung einer Quarantänepflicht wurde bei der Ministerpräsidentenkonferenz am späten Montagabend nicht entschieden, was für Aufatmen auf der Insel sorgen dürfte. Dafür sollen Urlauber sich nun auch vor der Rückkehr nach Deutschland noch einmal testen lassen.

Viele der Urlauber, die aktuell schon aus Deutschland auf die Insel reisen, haben jedenfalls trotz Appellen der Bundesregierung kein schlechtes Gewissen dabei. „Es ist da sicherer als bei uns“, meint etwa Agnes aus dem nordrhein-westfälischen Herne mit Blick auf die Inzidenz auf Mallorca zum RND. Mit ihrem Partner Norman habe sie sich eine Ferienwohnung auf der Balearen-Insel gebucht, sie wollten wandern gehen, mal „was anderes sehen“. Ende vergangener Woche sind sie im fast vollen Flieger von Köln auf die Insel geflogen, vor Ostern werden sie wieder zurück sein – und wollen damit einem möglichen Ansturm entgehen.

Mallorca-Urlauber ohne schlechtes Gewissen

Ähnlich macht es Mario aus Hamburg, dem bewusst ist, dass eine solche Reise auch von vielen kritisch gesehen wird. „Ich habe von dem Urlaub auch auf der Arbeit nichts erzählt“, sagt der 43-Jährige dem RND. Er habe keine Lust auf Diskussionen. Trotzdem sei er guten Gewissens und auch absichtlich vor der Osterzeit nach Mallorca geflogen – „die Inzidenz hier ist viel niedriger“, sagt auch er.

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Im Deutschen Eck nahe der Playa der Palma isst er zu Mittag – auch aus Mangel an Alternativen. Die Wirtin Feli Bohrmann hat dort schon wieder allerhand mit der Bedienung der Gäste zu tun, freut sich aber darüber, dass wieder Leben auf die Insel und in ihren Laden kommt. „Wir hoffen, dass sich die Menschen hier an die Regeln halten“, sagt sie dem RND. Bisher täten sie das ihrer Meinung nach.

Die einen setzen all ihre Hoffnungen in die Rückkehr der Touristen, die anderen sorgen sich wegen der Auswirkungen. Bewegende Schicksale auf einer gebeutelten Insel stehen begründeten Sorgen vor ansteigenden Corona-Zahlen gegenüber. Ascen Maestre von der Hilfsorganisation SOS Mamás jedenfalls glaubt nicht, ganz abseits von allen politischen Entscheidungen, dass die Armut auf der Insel so schnell zurückgehen wird. Sie plant gerade die Öffnung zweier weiterer Standorte ihres Vereins auf Mallorca, um dem Bedarf an Hilfe nachzukommen.

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