Wetterextreme in Italien: riesige Waldbrände im Süden, gewaltige Fluten im Norden

  • Italien ist derzeit wie kein anderes europäisches Land von Wetterextremen betroffen.
  • Wegen Hitze und Trockenheit wüten im Süden Waldbrände, während der Norden überflutet wird.
  • Der Grund ist der Klimawandel, aber nicht nur.
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Rom. Auf Sizilien fällt seit Tagen Asche auf die Straßen, Plätze, Autos, Balkone: „Schuld“ ist einmal nicht der seit Monaten unruhige Ätna, sondern eine Serie von zum Teil riesigen Wald- und Buschbränden. Betroffen ist vor allem die Umgebung von Palermo, aber auch im Landesinneren und im Westen der großen Insel brennen die Wälder. Tausende Feuerwehr­leute und Zivilschützerinnen und ‑schützer stehen im Einsatz, am rauchverhangenen Himmel brummen die gelben Canadair-Löschflugzeuge und Hubschrauber. Wald- und Buschbrände lodern auch in anderen Gebieten Süd- und Mittelitaliens.

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Waldbrände in Italien und der Türkei wüten weiter
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In der sizilianischen Stadt Catania kämpfte die Feuerwehr gegen insgesamt 15 Waldbrände an.  © Reuters

Brände auf Sardinien unter Kontrolle

Weitgehend wieder unter Kontrolle ist die Situation dagegen auf Sardinien: Dort haben Waldbrände Anfang dieser Woche 20.000 Hektar Wald- und Weideland eingeäschert, fast 2000 Personen mussten in Sicherheit gebracht werden.

Während der Süden brennt, ertrinkt Norditalien in den Fluten. Heftige Niederschläge haben vor vier Tagen rund um den Comer See an der Grenze zur Schweiz Bäche und Flüsse anschwellen lassen und zu Erdrutschen und schweren Überschwemmungen geführt. Im besonders betroffenen Ort Laglio lag das Geschiebe und der Schlamm danach meterhoch.

George Clooney unter den Betroffenen

Zu den Helfern gesellt hat sich auch der US-Schauspieler George Clooney, der in der Kleinstadt eine Ferienvilla am See besitzt. Er hat sich in höhere Lagen des Orts geflüchtet und erklärte, dass die Situation in Laglio „noch viel schlimmer ist, als ich mir das vorstellen konnte“. Doch das Schlimmste könnte noch bevorstehen: Für Sizilien und Kalabrien warnen die Meteorloginnen und Meteorologen für das Wochenende vor Rekordhitze mit bis zu 45 Grad im Schatten, während im Norden erneut schwere Gewitter vorausgesagt werden.

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Italien ist mit seiner Nord-Süd-Ausdehnung von 1200 Kilometern gleich doppelt von den Klimaveränderungen betroffen: Im Süden wird es im Sommer immer heißer und trockener, während im Norden die sommerlichen Gewitter immer heftiger werden.

Mitverantwortlich für die Starkregen ist die höhere Oberflächen­temperatur des Mittelmeers, die deutlich mehr Wasser verdunsten lässt. Trifft die feuchte und warme Luft in Norditalien auf kühlere Luftmassen, entladen sich gewaltige Wassermengen: In 36 Stunden vor und nach dem Brückeneinsturz in Genua im August 2019 mit 43 Toten war in Ligurien gebietsweise halb so viel Niederschlag gefallen wie sonst in einem ganzen Jahr – über 400 Liter pro Quadratmeter, also noch erheblich mehr als in den Unwettergebieten Deutschlands.

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Italien kämpft landesweit gegen Hunderte Waldbrände
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In Italien kämpfen Feuerwehr und Rettungskräfte weiter gegen zahlreiche Waldbrände. Landesweit sprach die Feuerwehr von 240 Buschbränden.  © dpa

Klimawandel nicht alleinige Ursache

Zumindest für die Waldbrände nennen Fachleute aber auch noch andere Ursachen als den Klimawandel. Die wichtigste: Landflucht und Abwanderung haben vor allem in Mittel- und Süditalien dazu geführt, dass ehemaliges landwirtschaftliches Kulturland wieder zu Wald geworden ist. Allein in den letzten fünf Jahren hat die Wald- und Buschfläche in Italien laut der Forstdirektion der Carabinieri um 320.000 Hektar oder 2,9 Prozent zugenommen, in den vergangenen 30 Jahren sogar um 25 Prozent.

So grün wie heute war Italien seit über hundert Jahren nicht mehr. Die meisten der neuen Waldflächen werden nicht genutzt und sind entsprechend ungepflegt – eine Art Urwälder, die besonders gut brennen.

Mafia legt Waldbrände

Hinzu kommt eine alte Plage in Italien: Brandstiftung. Oft ist es die Mafia, die zündelt. „Alle Waldbrände am Vesuv sind von der Camorra gelegt worden“, erklärte der Bestsellerautor und Mafiaexperte Roberto Saviano schon vor vier Jahren, als der Vulkan bei Neapel in Flammen stand. Denn an den Hängen des Vesuvs habe die Camorra Hunderte von illegalen Mülldeponien angelegt. Wenn sie diese anzünden und das Feuer sich in die Wälder ausbreitet, dann träfen die Clans gleich zwei Fliegen auf einen Streich: In den illegalen Deponien sei danach wieder Platz für neuen Müll, und mit den Waldbränden demonstriere die Camorra, dass sie den Staat in Schach halten könne.

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Daneben werden zahlreiche Waldbrände unbeabsichtigt durch grobe Unvorsichtigkeit und Dummheit verursacht. Manchmal führt eine aus dem fahrenden Auto geworfene Zigarette zu einem Buschfeuer, und oft sind es auch Bauern, die Baumschnitt oder eine Böschung abbrennen und damit versehentlich einen Waldbrand auslösen. Daneben gibt es Ziegen- und Schafhirten, die verdorrtes Buschgras anzünden in der Hoffnung, dass danach bald wieder saftige, grüne Gräser für ihre Tiere sprießen.

Im Verdacht stehen auch private Hubschrauberfirmen, denen unterstellt wird, dass sie sich durch das heimliche Legen von Bränden gleich selbst Arbeit verschafften. „Als es diese Unternehmen noch nicht gab, hat es bei uns praktisch nie gebrannt“, erklärte ein Mann in der südtoskanischen Maremma gegenüber dem italienischen Fernsehen.

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