Trauer am Straßenrand: “Unfallkreuze können Friedhöfe nicht ersetzen”

  • Christine Aka, Professorin für Kulturanthropologie, hat erstmals vor zehn Jahren zu Unfallkreuzen geforscht.
  • Sie sieht die Unfallkreuze als neue und individuelle Form der Trauer.
  • Warum das so ist und wieso Friedhöfe trotzdem nicht aussterben, erklärt sie im Interview.
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Was vor mehr als zehn Jahren mit einer Anfrage der NRW-Grünen an die Volkskundliche Kommission begann, endete mit einer Habilitation über ein globales Phänomen, von dem sich viele heute noch fragen: Wird das mehr? Ist das erlaubt? Wo rührt das her? Die Kulturanthropologin Christina Aka hat 250 Kreuze fotografiert, Fälle dokumentiert, mit Familien und Freunden gesprochen – und mit manchen viele Jahre Kontakt gehalten. Für sie sind Unfallkreuze eine neue Form der Trauer, Friedhöfe werden sie aber nie ersetzen.

Frau Aka, gibt es eine “Saison” für Unfallkreuze? Etwa je nach Aufkommen der Verkehrsunfälle? Oder im Trauermonat November?

Unfalltote gibt und gab es immer. Die Zahl der aufgestellten Kreuze am Straßenrand wird statistisch nicht erfasst, ich würde aber sagen, sie ist abhängig von der Unfallstatistik. Vor 20 Jahren gab es noch mehr als 7000 Verkehrstote pro Jahr, heute ist es nur noch etwa die Hälfte. Mehr Kreuze werden es nicht, sie werden nur mal mehr, mal weniger wahrgenommen. Man kann aber sagen: Es gibt eine Saison für das Schmücken der Kreuze.

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Zum Todestag der Verunglückten?

Eher zum Geburtstag der Toten oder zu Weihnachten. Dann werden die Kreuze geschmückt, kleine Geschenke abgelegt, manchmal mit Botschaften. War der Verstorbene Landwirt, ist es ein kleiner Traktor, war er Fußballfan, ist es ein Vereinsmaskottchen.

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Es geht also um sehr persönliche Symbolik.

Ja, so wie man es manchmal auf Kindergräbern beobachtet, dass Kuscheltiere und Spielzeug abgelegt werden. Mit dem Unterschied, dass es am Straßenrand auch bei Erwachsenen so gemacht wird. Auf einem Friedhofsgrab würde man das eher nicht tun. Friedhöfe sind Orte der Stille, Zurückhaltung und Schlichtheit. Manche Leute genieren sich auf dem Friedhof, haben gewisse Hemmungen. Jeder dort weiß, wo wessen Grabstätte ist. Am Straßenrand ist das anders.

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Das Unfallkreuz ist also ein anonymer Trauerort?

Ja und nein. Es geht um Nähe und Anonymität zugleich. Angehörige fühlen sich am Unfallort privater, weil sie sich in der anonymen Öffentlichkeit unbeobachteter fühlen. Viele haben mir geschildert, dass sie erst an diesem Ort richtig weinen konnten oder einmal laut schreien. Dazu kommt die spirituelle Vorstellung vom letzten Lebensmoment des Toten, dass bei dem Unfall seine Seele an dieser Stelle seinen Körper verlassen hat. An dem Ort fühlen sich viele ihm besonders nah.

Sind Unfallkreuze also der bessere Friedhof?

Das kann man so nicht sagen. Je nach Bedürfnis suchen Angehörige den einen oder den anderen Ort auf. Friedhöfe sind still und friedlich, da geht es um Ruhe, Besinnung, Menschen sind in sich gekehrt. Am Straßenrand ist es trubelig und laut, Autos rasen vorbei. Oft ist die Brutalität des Unfalls auch noch nach Jahren sichtbar, weil der Baum zerstört wurde oder die Straße neu geteert werden musste. Manche Menschen brauchen das auch, um den Verlust überhaupt zu begreifen. Vor allem Eltern. Eine Mutter beschrieb mir es so in einem Gespräch; sie hatte später noch die Brille ihrer toten Tochter nahe dem Unfallkreuz gefunden.

Ist die Art zu trauern eine Altersfrage?

Auch, ja. Ältere Menschen gehen gewöhnlich lieber auf den Friedhof, für jüngere haben Unfallkreuze eine große Bedeutung. Sie können dort ihre Trauer individuell ausleben. Oft haben wir Zigarettenschachteln und Bierflaschen an Kreuzen gesehen, die dort extra abgelegt wurden. Auf dem Friedhof können Sie nicht mit dem Auto am Grab halten, die Musik aufdrehen und eine Zigarette rauchen, so wie sie es früher mit dem verstorbenen Freund getan haben. Da geht es um geistige, emotionale Nähe, es ist eine entkörperlichte Trauer. Der Leichnam liegt ja auf dem Friedhof.

Das heißt, die Kreuze stellen vor allem junge Menschen auf?

Meist sind sie die Initiatoren, ja. Sie kümmern sich die ersten Monate darum, dann nimmt es normalerweise ab. Sie konzentrieren sich dann wieder auf ihren eigenen Alltag, während Eltern oder Geschwister viel länger brauchen, den Verlust zu verarbeiten. Die kümmern sich dann weiter, das sieht man oft an Kreuzen, wenn sie “professionellere” Gestalt annehmen. Dann hat der Vater ein stabileres geschnitzt und den Namen einbrennen lassen, die Mutter vielleicht einen Blumenkasten am Unfallort gepflanzt.

Wie lange ist die Halbwertszeit von Unfallkreuzen?

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Entweder nur einige Monate, wenn sich niemand weiter darum kümmert und es vermodert, dann wird es irgendwann von der Straßenmeisterei entfernt. Oder, so ist es bei den meisten, einige Jahre, bis alle Feste und Jahrestage einmal durchlebt sind und die Wunden der Trauernden einigermaßen verheilt. Es gibt aber auch Menschen, die in ihrer Trauer verharren, daran kaputt gehen, weil sie steckenbleiben in ihrer Verzweiflung, ihrer Ohnmacht.

Spielt Schuld eine Rolle?

Oh ja. Manche Hinterbliebene beschäftigen sich sehr viel mit Schuld, der Suche nach Schuldigen. Das sieht man einigen Gedenkstätten am Straßenrand sogar an, die Schuldfrage zeigt sich an solchen Orten. Es gab ein Beispiel, da hatte ein Autofahrer beim Überholen ein Motorrad übersehen, wobei der Motorradfahrer starb. Allerdings starb auch die Frau des Autofahrers auf dem Beifahrersitz. Der Motorradfahrer wurde mit seinem Gedenkkreuz regelrecht verehrt, so opulent war es. Ein ganzes Stück entfernt wurde auch ein kleines Kreuz für die tote Frau aufgestellt, es war leicht zu übersehen, fast verschämt. Wer die Umstände kannte, verstand die Zuweisung sofort. Dabei sind letztlich beide Menschen unschuldig zu Tode gekommen.

Warum werden überhaupt Kreuze benutzt, woher kommt das?

Ursprünglich ist das ein zutiefst katholisches Ritual. Der religiösen Überzeugung nach ist jeder Tod ohne Sterbesakramente (letzte Ölung) ein schlechter Tod. Daher stellte man schon im Mittelalter Kreuze an Stellen auf, wo Menschen plötzlich zu Tode gekommen sind – als Aufforderung an alle Passanten. Sie sollten für die Seele des Verstorbenen beten, für eine Verkürzung der Zeit im Fegefeuer sozusagen.

Und heute?

Heute symbolisiert es wenn überhaupt eine quasi-religiöse, spirituelle Beziehung zum Unfallort. Wir haben zwar festgestellt, dass Menschen an diesen Orten auf eine Art mit den Toten kommunizieren, aber ist das religiös? Oder eher spirituell? Behörden betrachten Unfallkreuze als Form von Religionsausübung und tolerieren daher das Aufstellen von Kreuzen. Erlaubt sind sie eigentlich nicht.

Es gibt keine Regularien?

Sie dürfen nicht einzementiert sein, sie dürfen kein Hindernis im Straßenverkehr darstellen. Feste Gedenkstätten, kleine Mamorkapellen mit großen Fotos, wie sie in Osteuropa häufiger am Straßenrand zu sehen sind, sind in Deutschland nicht erlaubt. Hierzulande ist Pomp auch eher verpönt. Früher galt: Je reicher jemand ist, desto größer sein Grabstein. Heute haben wir eine zurückhaltende, persönlichere Friedhofskultur.

Hat die Arbeit etwas persönlich mit Ihnen gemacht?

Abgesehen von den vielen, intensiven Gesprächen mit Trauernden bin ich in dieser Zeit langsamer Auto gefahren. Und ich halte noch immer an jedem Unfallkreuz, steige aus und sehe es mir an. Es betrifft einen ja immer irgendwie.

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