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Street-Art in Kiew

Banksy-Bilder in der Ukraine: Wie hat er das gemacht?

Wird da Putin auf die Matte gelegt? Die Menschen in der Ukraine interpretieren dieses Banksy-Bild so.

Wird da Putin auf die Matte gelegt? Die Menschen in der Ukraine interpretieren dieses Banksy-Bild so.

Ob die Anreise des geheimnisvollen Künstlers so abgelaufen ist? Da sitzt ein Mann, vermutlich knapp 50 Jahre alt, im Nachtzug aus Warschau nach Kiew, mit dem derzeit ja auch immer wieder mal westliche Politiker in die ukrainische Hauptstadt rollen. Der Mann wirkt nach allem, was man über ihn zu wissen glaubt, auffällig unauffällig. Im Gepäck hat er womöglich ein paar Sprühdosen. Aber das behält er lieber für sich.

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Der Mann plant in dem vom Krieg verwüsteten Land eine spektakuläre Aktion, die den von Drohnenangriffen und Energieausfall geplagten Menschen Mut machen soll: Heimlich will er Graffiti-Werke sprühen.

Handstand auf den Trümmern

Was auf den Bildern zu sehen ist, wissen wir inzwischen: zum Beispiel ein Mädchen, das auf den Trümmern Handstand macht, oder ein kleiner Judokämpfer, der einen erwachsenen Gegner auf die Matte zwingt, der verdächtig an Wladimir Putin erinnert.

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Der mysteriöse Street-Art-Künstler Banksy war in der Ukraine. In Kiew sowie in den stark zerstörten Vororten Borodjanka und Irpin sind Werke aufgetaucht, die ihm zugeschrieben werden.

So ähnlich könnte sich die Anreise tatsächlich abgespielt haben. Allerdings: „Vermutlich hatte Banksy nur einen USB-Stick mit sorgfältigen Vorarbeiten dabei“, sagt der Kunsthistoriker und Banksy-Experte Ulrich Blanchè. Der Mitarbeiter des Europäischen Instituts für Kunstgeschichte in Heidelberg verfolgt den britischen Künstler Banksy seit Jahren – so sehr das eben bei jemandem möglich ist, der trotz weltweiter Popularität bis heute anonym geblieben ist. Manche vermuten hinter Banksy den inzwischen abgetauchten Straßenkünstler Robin Gunningham aus Bristol.

Vor Jahren galten Banksys Sprüharbeiten an Londons Häusermauern als Vandalismus, heute wird jedes neue Werk von der Weltöffentlichkeit beklatscht – und macht den Hausbesitzer reich, egal ob in London, New York oder Hamburg. Bei Auktionen kommt Kunst von ihm für Millionen Dollar unter den Hammer. Das „Time“-Magazin kürte Banksy vor einigen Jahren zu einem der einflussreichsten Künstler aller Zeiten: Seine künstlerischen Statements enthalten stets eine politische Botschaft. Der Mann ist bis heute ein Phantom – und vielleicht gerade deshalb ein Phänomen.

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Trickreich wie in „Ocean‘s Eleven“

Für seinen jüngsten Coup hat sich Banksy nach Blanchés Überlegungen wohl erst in Kiew mit dem nötigen Equipment versorgt und seine Schablonen geschnitten. Banksy arbeite vor Ort gern mit einem Netzwerk von Unterstützern. „Wenn die Situation es erfordert, muss man sich seine perfekt choreografierten Aktionen wie im Gangsterfilm ‚Ocean‘s Eleven‘ vorstellen“, so Blanché. „Ein ganzes Team veranstaltet dann Ablenkungsmanöver, damit Banksy in Ruhe sprühen kann.“

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In diesem Fall war Banksy vermutlich schon Tage oder Wochen zuvor mit der Kamera in der Ukraine unterwegs, um die passenden Locations auszukundschaften. Auf dem Kiewer Maidan-Platz fand er die metallene Panzerfalle, auf der er zwei wippende Kinder platzierte. Jedenfalls wirkt es optisch so: Die Wippenden sind perspektivisch trickreich auf die Wand dahinter gesprüht.

Dass die Werke echt sind, hält Blanché für höchstwahrscheinlich. Eines davon – das Handstandmädchen – hat Banksy inzwischen auf seinem Instagram-Kanal gepostet. Das ist die übliche Bestätigung, dass er es war, der politisch-künstlerische Zeichen gesetzt hat. Bei den anderen sechs Graffitibildern fehlen diese Beglaubigungen, jedenfalls bis jetzt, aber auch dieses Spiel mit der Authentizität sei typisch: „Banksy wird kaum einen solchen logistischen Aufwand betreiben und dann nur ein Bild in der Ukraine hinterlassen“, sagt Blanché.

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Unterwegs in Krisenherden

Ganz selten hat Banksy früher auch schon mal einen Assistenten losgeschickt, der dann in seinem Auftrag handelte. Aber das habe er später als Fehler benannt und sei nicht sein Stil, so Blanché. In Krisenherde hat sich Banksy bereits in der Vergangenheit gewagt. Er war genauso im Westjordanland wie in unsicheren mexikanischen Gegenden unterwegs. „Er begibt sich für seine Arbeit in Gefahr. Auf ihn ist auch schon mal eine Waffe gerichtet worden“, sagt der Banksy-Fachmann.

Blanché hatte beinahe schon darauf gewartet, dass Banksy noch vor Weihnachten auf den Plan treten würde. „Das macht er um diese Jahreszeit häufig. Die Ukraine war ein geradezu naheliegendes Ziel. In den Online-Communities wird schon seit Tagen über die rund um Kiew aufgetauchten Bilder spekuliert. Ich selbst habe den ersten Hinweis bereits am 5. November bekommen.“

Seit den Neunzigerjahren kritisiert Banksy in seinen Werken Konsum, Ausbeutung, Krieg, Umweltverschmutzung und Ungerechtigkeiten jeglicher Art. In Londoner U-Bahnen forderte er mit seinen geliebten Rattenzeichnungen zum Tragen von Schutzmasken in der Corona-Pandemie auf. Stets stellt er sich auf die Seite der Schwachen. Kinder und alte Menschen als besonders verletzliche Gruppen werden oft von ihm abgebildet.

Mit den Millionen, die er mit seinen Kunstwerken verdient, hat er 2020 ein Rettungsschiff für Geflüchtete auf dem Mittelmeer finanziert. Damals erhielt die Hilfsorganisation Sea-Watch eine Mail: „Ich bin ein Künstler aus dem Vereinigten Königreich und habe einige Arbeiten über die Flüchtlingskrise gemacht, offensichtlich kann ich das Geld nicht behalten. Könnten Sie es benutzen, um ein neues Schiff oder etwas anderes zu kaufen? Lassen Sie es mich bitte wissen. Gut gemacht. Banksy.“

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Banksy kämpft beständig gegen Vereinnahmung durch den von ihm gehassten Kunstmarkt an, auf dem er sich mit seinen Guerilla-Taktiken dennoch geschickt bewegt. Bei einer Sotheby‘s-Auktion ließ er auch schon mal eines seiner bekanntesten Bilder – „Girl with Balloon“ – durch eine im Rahmen versteckte Schreddermaschine vor den Augen des entsetzten Publikums zerschnipseln. Von einer Galerie lässt er sich nach Worten von Blanché nicht vertreten.

Und nun ist Banksy auf den Straßen von Kiew. Die Ukrainer äußern sich in den sozialen Netzwerken begeistert: „Vielen Dank, dass Sie Menschen mit Ihrer Arbeit inspirieren und daran erinnern, dass der Krieg nicht vorbei ist und viele Menschen, einschließlich Kinder, für die Freiheit kämpfen“, kommentierte eine Nutzerin das Bild bei Instagram. Auch offizielle Stellen haben reagiert: „Wir sind stärker als David. Sie sind schwächer als Goliath“, verkündete das ukrainische Verteidigungsministerium auf Twitter mit Bezug zum Judo-Motiv.

Banksy-Experte Blanché vermutet, dass die vielschichtigen Bilder den Ukrainerinnen und Ukrainern mehr bedeuten, als wir ahnen: Das Handstandmädchen scheint ein Verweis auf die ukrainische Turnerin Katya Dyachenko sein. Die elfjährige Nachwuchshoffnung starb im März bei einem Bombenangriff auf Mariupol. Bei Banksy darf sie auf den Trümmern weiter turnen.

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