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Flut im Westen – Wie kommen die Menschen jetzt an Trinkwasser, Strom und Gas?

  • Im Westen ziehen sich die Wasser­massen langsam zurück, dafür steigen jetzt in Bayern und der Sächsischen Schweiz die Wasser­pegel.
  • Was bedeutet diese Flut­katastrophe für die Versorgung der betroffenen Bürgerinnen und Bürger mit Trink­wasser, Gas und Strom?
  • Teils ist die Infra­struktur der Versorger komplett zerstört – mancher­orts könnten Menschen mehrere Monate ohne Warm­wasser sein. Situations­berichte aus den betroffenen Regionen.
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Hannover. Seit dem Elbe­hochwasser 2002 hat Deutsch­land keine vergleichbare Flut­katastrophe mehr erlebt. Binnen Stunden rissen Wasser­massen Menschen, Autos, Tiere, gar Teile von Ortschaften in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und nun auch Bayern und der Sächsischen Schweiz, einfach mit sich. Schutz­suchende saßen viele Stunden auf ihren Dächern, bis sich Rettungs­kräfte zu ihnen durch­kämpfen konnten. Teils mussten sie aus der Luft gerettet werden, weil der Land­weg über Tage durch die Flut­schäden nicht passierbar war.

Allein im Kreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz kamen mindestens 110 Menschen ums Leben, 670 wurden verletzt. In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bestätigten Todes­opfer bis zum Sonntag bei 45, darunter vier Feuerwehr­leute.

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Hochwasserkatastrophe: Schwere Unwetter auch in Bayern und Sachsen
1:17 min
Der unwetterartige Regen hört nicht auf: Am Abend treffen schwere Unwetter Teile Bayerns, die Sächsische Schweiz und Österreich.  © dpa
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Ist die Natur­katastrophe noch lange nicht durchgestanden, droht bereits jetzt ein nächstes Problem: Wie werden die Menschen in dem Flut­gebiet weiter mit Trink­wasser, Strom und Gas versorgt?

In Stolberg bei Aachen gibt es bereits Fort­schritte bei der Trinkwasser­versorgung. Weite Teile der Stadt seien inzwischen wieder mit Trink­wasser versorgt, sagte eine Sprecherin des regionalen Wasser­versorgers Enwor am Sonntag­morgen.

Das Wasser aus den Leitungen sollte aber weiterhin abgekocht werden, weil Schmutz­wasser in das System gelangt sein könnte – hierzu gebe es Labor­untersuchungen. Kritisch dürfte die Situation noch im Zentrum der 57.000-Einwohner-Stadt entlang der Rathaus­straße sein. Hierzu lagen der Sprecherin zunächst aber keine aktuellen Daten vor.

Die Netz­meister seien permanent unterwegs, um die Lage zu verbessern, sagte die Sprecherin. „Es gibt Stellen, die schwer zugänglich sind.“ Nicht alle Schäden könnten vollständig repariert werden – es werde mit Provisorien gearbeitet, um die Haushalte wieder ans Netz zu bringen.

In der Stadt sind Trinkwasser­behälter aufgestellt worden, damit die Menschen in ihrer Not immer an sauberes Wasser kommen. Zuvor hatte der „Spiegel“ über die Situation in Stolberg berichtet. 23 Städte und Land­kreise sind in NRW nach Angaben des Bunde­samtes für Bevölkerung und Katastrophen­schutz (BBK) in Bonn von Überschwemmungen betroffen.

Situation in Ahrweiler weiter „dramatisch“

In Ahrweiler hat sich die Situation noch nicht entspannt. Die Wasser­versorgung in dem Kreis in Rheinland-Pfalz ist aktuell noch nicht gesichert. Selbst die Wasser­hochbehälter von Gemeinden, die nicht vom Hoch­wasser betroffen waren, sind mittler­weile leer. Nun sollen Tank­fahrzeuge die Behälter wieder auffüllen. Dazu sollen stillgelegte Brunnen reaktiviert und Wasseraufbereitungs­anlagen installiert werden.

Auch das Abwassernetz ist stark beschädigt.

Zu kämpfen hat Ahrweiler auch mit der Gas­versorgung. Laut eines Unternehmens­sprechers des Energie­versorgers EVM sei die Lage vor Ort „dramatisch“, eine Gas­leitung komplett gerissen. Diese müsse voraus­sichtlich über mehrere Kilometer neu errichtet werden. Für betroffene Bürgerinnen und Bürger kann das bedeuten, dass sie in den kommenden Monaten ohne warmes Wasser auskommen müssen. Im Herbst und Winter drohen außerdem kalte Wohnungen, da auch beim Heizen viele vom Gas abhängig sind.

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Die EVM prüft aktuell, ob man Menschen als Übergangs­lösung Not­aggregate zur Verfügung stellen kann.

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Im Westen Deutsch­lands waren auch am Freitag­nachmittag noch rund 102.000 Menschen ohne Strom. Das Unwetter und die daraus entstandenen Überflutungen sorgten weiterhin für Ausfälle in der Strom­versorgung in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, teilte der zum Eon-Konzern gehörende Energie­versorger West­energie in Essen mit.

Vielerorts war die Strom­versorgung bis zum Sonntag­morgen wieder hergestellt.

Merkel macht sich Bild von der Lage

Bundes­kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei ihrem Besuch in den vom Hoch­wasser schwer getroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz schnelle Hilfe angekündigt. „Wir stehen an Ihrer Seite, Bund und Land“, sagte sie am Sonntag in Adenau im Kreis Ahrweiler. Bund und Land würden Hand in Hand arbeiten, „um die Welt wieder Schritt für Schritt in Ordnung zu bringen in dieser wunderschönen Gegend“.

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Sie sei gekommen, um sich ein reales Bild von den surrealen, „gespenstischen Bildern“ vor Ort zu verschaffen, sagte Merkel. „Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet worden ist.“

Am kommenden Mittwoch werde die Bundes­regierung ein Programm verabschieden für schnelle Hilfen, mittel­fristige Aufgaben und zur Wieder­herstellung der Infra­struktur, versicherte Merkel. Es gehe darum, schnell zu handeln, aber mit langem Atem.

Begleitet wurde die Kanzlerin unter anderem von der Mainzer Minister­präsidentin Malu Dreyer (SPD).

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Blick in den Ort Schuld im Kreis Ahrweiler am Tag nach dem Unwetter mit Hochwasser.  @ Quelle: Thomas Frey/dpa

Städte und Gemeinden fordern Reform des Bevölkerungs­schutzes

Der Städte- und Gemeinde­bund fordert als Konsequenz aus der Flut­katastrophe eine Reform des Bevölkerungs­schutzes. „Die Katastrophe zeigt einmal mehr, dass wir den zivilen Bevölkerungs­schutz neu, besser und nachhaltiger aufstellen müssen“, sagte Haupt­geschäftsführer Gerd Landsberg den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dabei sollte laut Landsberg vor allem das Bunde­samt für Bevölkerungs­schutz und Katastrophen­hilfe deutlich gestärkt werden.

Der kommunale Spitzen­vertreter sprach sich für modernisierte Warn­systeme aus. Sie sollten mit entsprechender Digitalisierung zu einem Kommunikations­netz ausgebaut werden, „das auch noch funktioniert, wenn flächen­deckend der Strom ausgefallen ist“. Ein batterie­betriebenes Radio gehöre in jeden Haushalt. Auch das richtige Verhalten in Gefahren­situationen, das Abstellen von Strom und Gas, das Nicht­betreten von Keller­räumen und das Vorhalten bestimmter Lebensmittel­reserven sollte laut Landsberg zum Standard werden.

Nötig werde es zudem, im größeren Umfang als bisher Depots mit lebens­notwendigen Gegen­ständen vorzuhalten, die schnell an die Betroffenen verteilt werden könnten, erklärte Landsberg. Als Beispiele nannte er Notstrom­aggregate, Zelte, Decken, Hygiene­artikel und medizinische Produkte.

Bei dieser Katastrophe sei zunächst der Eindruck entstanden, es handele sich um einen großen Stark­regen, ohne dass das dramatische Ausmaß kommuniziert worden sei, kritisierte Landsberg. „Deswegen sind viele Bürgerinnen und Bürger von der Flut­katastrophe überrascht worden.“ Erschwerend sei hinzu­gekommen, dass auch die Mobilfunk­netze sehr schnell ausgefallen seien.

RND/fw mit Agenturmaterial

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