Trotz Flugscham: Reisen ist wichtiger denn je

  • Flugreisen sind schädlich fürs Klima und stehen daher zunehmend in der Kritik.
  • Die Klimadebatte darf aber nicht dazu führen, das Reisen zu verteufeln, meint Jörg Kallmeyer.
  • Denn gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtiger denn je.
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Hannover. Wie wäre es einmal mit Bhutan? Das buddhistische Königreich am Rand des Himalayas hat es auf Platz eins der wichtigsten Reiseempfehlung für das kommende Jahr gebracht. „Lonely Planet“, der ruhmreiche Reisebuchverlag aus Australien, listet Bhutan knapp vor Aruba.

Na klar, der König hat das Glück seiner Einwohner zum Staatsziel erklärt und verpflichtet sein Land dazu, klimaneutral zu wirtschaften. Exotisch genug ist Bhutan auch – ein perfektes Ziel also für Reisende, die einmal etwas Besonderes erleben wollen. Seit Jahrzehnten haben solche Tipps von „Lonely Planet“ Kultstatus, in diesem Jahr aber funktioniert die Empfehlung nicht so recht. Bhutan selbst mag zwar klimaneutral sein – Reisende aber werden den fernen Traumstaat kaum erreichen, ohne dem Klima zu schaden. Fernreiseträume und Flugscham – wie passt das zusammen?

„Lonely Planet“ hat eine eigene Antwort gefunden: Bei den Städtetipps gibt es auch Ziele, die praktisch vor der Haustür liegen. Bonn zum Beispiel – das neue hippe Ziel für Backpacker. Warum nicht, wenn es mit der Bahn doch schnell erreichbar ist. Oder Salzburg – eine Stadt, die mehr zu bieten hat als die Festspiele. Das Gute liegt manchmal nah, auch „Lonely Planet“ regt sein Publikum zum Nachdenken über das eigene Reiseverhalten an: Weniger Selfies, mehr Selbstlosigkeit, lautet das Motto. Aber heißt das auch: auf Fernreisen verzichten?

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Durch das Reisen ist die Welt zusammengewachsen

Die Klimadebatte darf nicht dazu führen, das Reisen zu verteufeln. Die Welt ist zusammengewachsen, seit Flugtickets für viele bezahlbar sind. Junge Leute, die nach dem Abitur erst einmal für ein paar Monate in fernen Zielen unterwegs waren, haben in dieser Zeit mehr für das Leben gelernt als in manchen Schuljahren zuvor.

Das Verständnis unter den Kulturen ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, weil sich viele Reisende – auch die Älteren – in fremde Welten vorgewagt haben. In Zeiten, in denen Staatsführer wieder auf den Nationalstaat setzen und neue Grenzzäune errichten, ist der Austausch der Menschen wichtiger denn je. Reisen kann eine Gegenmacht zur Abschottung der Mächtigen sein.

Es geht auch bei Fernreisen nicht um das „ob“, sondern um das „wie“. Es muss nicht jedes Jahr ein Langstreckenflug sein. Wer neben dem fernen Ziel auch das Klima im Blick hat, muss abwägen und Schwerpunkte setzen. Nächstes Jahr geht es vielleicht erst mal nach Bonn. Dann ist Bhutan für 2021 eine Option.

“Staat, Sex, Amen”
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