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Nur wenige bekamen Orden

Minenbienen, Meldehunde und Kamikazefledermäuse: Wie der Mensch seit Jahrtausenden Tiere im Krieg verheizt

Ankunft von Meldehunden mit Brieftauben an einem Beobachtungsposten der deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg (Foto aus dem Jahr 1917).

Ankunft von Meldehunden mit Brieftauben an einem Beobachtungsposten der deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg (Foto aus dem Jahr 1917).

Flipper ist jetzt Kriegspartei. Er kämpft auf russischer Seite beim Angriff auf die Ukraine. Das legen Satellitenaufnahmen nahe. Zu sehen sind darauf zwei Unterwasserkäfige an der Einfahrt zum Hafen in Sewastopol, dem Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Die Insassen: sogenannte Kampfdelfine. Ihre militärische Aufgabe: unklar.

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Womöglich sollen die Tiere Patrouille schwimmen, um feindliche Taucher zu entdecken, die sich an russischen Schiffen zu schaffen machen wollen. Mit ihrem Sonar, einem hochempfindlichen Ortungssystem, wären sie dazu problemlos in der Lage. Genauso könnten sie Seeminen aufspüren. Oder sollen die Delfine Angreifer gar direkt abwehren? Werden ihnen zu diesem Zweck Messer um die lange Nase geschnallt?

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Delfine im Irak-Krieg

Solche Vermutungen klingen, als sei Militärstrategen die Fantasie durchgegangen. Tatsächlich aber arbeiten sowohl die USA als auch die Sowjetunion schon seit dem Kalten Krieg mit Delfinen und den ähnlich klugen Seelöwen.

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Im Kampf gegen die Ukraine: Russland setzt Delfine zum Schutz der Flotte ein

Die russische Marine setzt laut US-Medienberichten auch vom Militär trainierte Delfine ein, um ihre Flotte im Schwarzen Meer zu beschützen.

Beim „United States Navy Marine Mammal Program“ werden die schwimmenden Spezialkräfte in der Bucht von San Diego trainiert. Während des Irak-Kriegs 2003 im Persischen Golf halfen sie nach Navyangaben dabei, mehr als 100 Sprengfallen im Hafen von Umm Qasr zu beseitigen. Die Tiere könnten innerhalb von 72 Stunden mit Flugzeug und Helikopter an jeden beliebigen Einsatzort gebracht werden.

Die sonst so menschenfreundlichen Flossenträger sind nur ein aktuelles Beispiel für den Einsatz von Tieren im Krieg. Seit Jahrtausenden zwingen Menschen alle möglichen und unmöglichen Viecher in den Kampf. Schon in der Bibel finden sich dafür Belege: 300 Schakale band Simson paarweise an ihren Schwänzen zusammen. Dazwischen platzierte er brennende Fackeln und trieb die Schakale durch die Kornfelder der Philister.

Schweine gegen Elefanten

Der karthagische Feldherr Hannibal führte furchteinflößende Elefanten mit seinem Heer gegen die Römer. Allerdings waren diese wohl weniger effektiv als erwartet. Bald hatten die Gegner heraus, wie sich die Dickhäuter in Panik versetzen lassen: Man schicke ihnen aufgeregte Schweine entgegen – am besten mit Pech bestrichen, brennend und quiekend.

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Der Mensch weiß sehr wohl, welches Leid er den Tieren antut, und verherrlicht doch ihren Kriegseinsatz. Nahe dem Londoner Hyde Park befindet sich seit 2004 das „Animals in War Memorial“. Bronzene Skulpturen von Pferden, Dromedaren, Ziegen, Hunden, Brieftauben, Elefanten sind dort zu sehen. Eine der beiden Inschriften lautet: „Dieses Denkmal ist allen Tieren gewidmet, die zu allen Zeiten in Kriegen und Konflikten den britischen und alliierten Streitkräften dienten und starben.“ Und die andere: „Sie hatten keine Wahl.“

Das „Animals in War Memorial“ im Londoner Hyde Park

Das „Animals in War Memorial“ im Londoner Hyde Park

Wohl in keiner anderen kriegerischen Auseinandersetzung wurden so viele Tiere eingesetzt wie im Ersten Weltkrieg. Viele Millionen waren es, die kämpften und starben. Pferde zogen bis zur Erschöpfung Kanonen an die Front, Hunde spurteten als Meldegänger durch Schützengräben, Brieftauben überbrachten Nachrichten.

Allein auf deutscher Seite waren nach Schätzungen im Ersten Weltkrieg mehr als 100.000 Brieftauben im Einsatz. Eine von ihnen namens Cher Ami wurde zur Heldin: Während eines Gefechts bei Verdun beschossen amerikanische Einheiten die eigenen Leute. Da konnte nur eine Nachricht per Brieftaube helfen: Cher Ami stieg auf, flog 40 Kilometer ins Hauptquartier der 77. Infanteriedivision und überbrachte schwer verletzt die überlebenswichtige Botschaft von Major Charles Whittlesey: „Unsere eigene Artillerie hat uns unter Beschuss. Um Himmels Willen, hört damit auf.“

Die Taube wurde mit dem Orden Croix de guerre geehrt. Im Jahr darauf starb sie an den Folgen ihrer Verletzungen. Heute steht Cher Ami auf ihrem einzigen verbliebenen Bein ausgestopft im Nationalmuseum für US-Geschichte in Washington.

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Licht dank Glühwürmchen

Wohl den wenigsten tierischen Kombattanten wurde so viel Anteilnahme zuteil, am allerwenigsten den Glühwürmchen, die Soldaten in Glasgefäße steckten, um in düsteren Unterständen wenigstens kurzzeitig ein wenig Licht zu haben, oder den Weinbergschnecken, die genau wie Kanarienvögel als Senfgasdetektoren dienten. Die meisten Tiere kamen ebenso elendig wie die Soldaten ums Leben. In Erich Maria Remarques Weltkriegsroman „Im Westen nichts Neues“ heißt es: „Ich habe noch nie Pferde stöhnen gehört. Es ist der Jammer der Welt, es ist die gemarterte Kreatur, ein wilder, grauenvoller Schmerz, der da stöhnt.“

Der Erfindungsreichtum der Menschen ist schier unerschöpflich, wenn es darum geht, die Fähigkeiten von Tieren militärisch zu nutzen. Im Zweiten Weltkrieg experimentierte die US-Armee mit Fledermäusen. Sie sollten als fliegende Bomben in japanische Häuser geschickt werden.

Die Tiere kamen nie zum Einsatz – ganz anders als heute Ratten und Bienen, die Minen aufspüren. Die Insekten beispielsweise werden darauf trainiert, den Geruch des explosiven Materials mit Nahrung gleichzusetzen. In der Nähe der tödlichen Sprengfallen lassen sie sich nieder. So günstig, präzise und risikofrei arbeitet kein menschlicher Minensucher.

Die Gebirgsjäger der Bundeswehr nutzen Mulis und Haflinger als Trage- und Reittiere auf unwegsamem Gelände. Im Jahr 2002 waren die Tiere im Kosovo im Einsatz.

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Nicht nur auf russischer Seite sind Tiere im Ukraine-Krieg dabei: Präsident Wolodymyr Selenskyj zeichnete jüngst den Minensuchhund Patron mit einer Medaille aus. Mehr als 200 Sprengsätze soll der Jack-Russell-Terrier aufgespürt haben. Im Internet kursiert ein Video mit Patron und dessen Herrchen, dem Selenskyj schließlich die Medaille in die Hand drückt. Patron wedelt derweil freundlich mit dem Schwanz.

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Heftig wird heute über die quälerische Massenhaltung von Tieren oder über die Sinnhaftigkeit von Tierversuchen debattiert. Ethiker wollen Tieren Menschenrechte zugestehen wie jene auf Leben, körperliche Unversehrtheit und auf Freiheit. Über die ihnen abverlangten Dienstpflichten im Krieg wird erstaunlicherweise wenig gesprochen.

Dabei wird auch der Krieg der Zukunft mit tierischer Unterstützung geplant. Die Berliner Autorin Malin Gewinner glaubt, dass künftig genetisch modifizierte Tiere in bewaffnete Auseinandersetzungen geschickt werden. Sie spricht von „Cyborg-artigen Tieren“. Das US-Militär teste beispielsweise Katzenhaie, denen Elektroden ins Gehirn transplantiert würden. So ließen sich die als undressierbar geltenden Fische quasi per Fernsteuerung durch die Ozeane manövrieren.

So verlässlich tierische Soldaten auch ihre Aufgaben erfüllen: Wer gegen wen kämpft, ist ihnen herzlich egal. Auch das haben US-Trainingsprogramme mit Delfinen gezeigt. Zwar lernten die Tiere schnell, mit der Schnauze Minen zu befördern und an Schiffsrümpfen anzuheften. Doch leider hätten es die Delfine nie verstanden, zwischen feindlichen und eigenen Schiffen zu unterscheiden.

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