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Südkorea: Wie der Tod einer Trans-Soldatin eine Anti-Diskriminierungs-Debatte auslöst

  • Die 22-jährige Unteroffizierin wurde 2017 wegen ihrer Geschlechts­umwandlung vom südkoreanischen Militär entlassen.
  • Ihr Tod hat erneut eine Anti-Diskriminierungs-Debatte in Südkorea entfacht.
  • Ein rechtlicher Schutz der LGBT-Szene scheitert an der Lobby konservativer Christen.
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Seoul. Nicht zufällig trafen sich die jungen Menschen vor dem Seouler Verteidigungs­ministerium, um ihre Mahnwache abzuhalten. Ein paar Dutzend sind am Freitagabend in die Innenstadt gezogen, um mit regenbogen­farbenen Gesichtsmasken, Kerzenlichtern und einem Traualtar voller Post-it-Zettel an den Suizid von Byun Hee-soo zu erinnern. „Du hast viel durchmachen müssen. Mögest du in Frieden ruhen“, steht auf einer der Notizen geschrieben.

Südkoreas LGBT-Gemeinschaft trauert um gleich drei führende Transgender-Personen, die innerhalb der letzten Wochen ihrem noch jungen Leben ein Ende setzten: Eun-yong galt als vielversprechende Drehbuchschreiberin von Theaterstücken, Kim Ki-hong hat sich als politischer Aktivist gegen Diskriminierung engagiert und auf seiner Heimatinsel Jeju die alljährliche Pride-Parade organisiert.

War Byun Opfer staatlicher Diskriminierung?

Die breite Öffentlichkeit aufgerüttelt hat jedoch vor allem der Suizid der Unteroffizierin Byun Hee-soo. Die 22-Jährige war bereits mehrere Tage tot, als Rettungskräfte Anfang März den leblosen Körper in ihrer Wohnung im südkoreanischen Cheongju gefunden haben. Viele progressive Politiker glauben jedoch, dass es sich bei Byuns Tod um weit mehr als ein privates Einzelschicksal handelt, nämlich um ein Opfer staatlicher Diskriminierung. „Es tut mir aufrichtig leid, dass wir jenes Leben, dass du so verzweifelt gewollt hast, nicht schützen konnten“, schreibt die Abgeordnete Jang Hye-young der linken Gerechtigkeits-Partei auf ihrem Twitter-Account.

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2017 erfüllte sich Byun einen Kindheitstraum, indem sie als Panzerfahrerin dem Militär beitrat – damals noch als Mann. Doch nachdem sie sich während eines Thailand-Aufenthalts einer Geschlechts­umwandlung unterzogen hatte, musste die Koreanerin die Armee verlassen. Laut dem Militärstrafrecht nämlich weist eine „Verstümmelung oder Entfernung von Geschlechtsteilen“ auf geistige Störungen hin.

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Byuns Fall sorgte 2017 international für Schlagzeilen

Bis zu ihrem Tod hat die als untauglich eingestufte Byun schließlich gegen das Urteil angekämpft. „Ich möchte beweisen, dass ich eine exzellente Soldatin sein kann, die ihr Land verteidigt, ungeachtet meiner sexuellen Identität“, sagte sie in Tränen aufgelöst während einer Pressekonferenz im letzten Sommer.

Damals sorgte ihr Fall – der erste seiner Art in Korea – auch für internationale Schlagzeilen. Mitarbeiter der Vereinten Nationen mahnten die Regierung in Seoul, dass Byuns Entlassung gegen die Menschenrechte verstoße. Diese verteidigte jedoch die Entscheidung des Militärs, denn Transgender-Soldaten würden angeblich die Moral der Truppe und die Einsatzbereitschaft gegen Nordkorea beeinträchtigen.

Aktivist fordert ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz

„Um ehrlich zu sein, verliere ich – und jeder andere in der LGBT-Gemeinschaft – jedes Jahr ein paar Freunde, die durch Suizid sterben“, schreibt der Seouler Aktivist und Künstler Heezy Yang. Seit Jahren ruft der 29-Jährige dazu auf, dass es ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz benötigt, um die Anhänger sexueller Minderheiten rechtlich vor Kündigungen und Übergriffen zu schützen. Doch seit fast 20 Jahren scheitert das Vorhaben am konservativen Lager. Insbesondere die Lobby evangelikaler Christen stellt sich quer. Mit ihren Megakirchen versammeln sie eine zahlenmäßig riesige Wählerschaft hinter sich. Auch der jetzt amtierende Präsident Moon Jae-in, der sich früher als Menschen­rechts­anwalt für marginalisierte Gruppen einsetzte, hat sich mit Solidaritäts­bekundungen zurückgehalten.

Doch trotz der konservativen Gesellschaft hat sich in der südkoreanischen Hauptstadt eine lebhafte LGBT-Gemeinschaft herausgebildet. Die alte Generation zieht seit den Achtzigerjahren in das traditionelle Jongno-Viertel, dessen verwinkelte Gassen mehrere schwulenfreundliche Kneipen beheimaten. Die Jungen hingegen zieht es nach Itaewon, dem „Ausländerviertel“ der Stadt, in dem auf wenigen Quadrat­kilometern Nachtclubs, die größte Moschee des Landes, ein herunter­gekommenes Rotlichtviertel und Transgender-Bars nebeneinander existieren.

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Coronavirus-Ausbruch befeuerte Stigmatisierung von Homosexuellen

Ein Coronavirus-Ausbruch in einem der dortigen Schwulenclubs im letzten Frühjahr hat jedoch die Stigmatisierung von Homosexuellen weiter gefördert. Eine regelrechte Hexenjagd war die Folge, nachdem mehrere Fernsehsender die Aufnahmen von Überwachungs­kameras aus dem Club sendeten. Geoutet zu werden kann in Südkorea nach wie vor ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.

Der Kampf für eine gerechtere Gesellschaft wird auch nach dem Tod der Unteroffizierin Byun Hee-soo weitergehen. Ihre Eltern haben am Montag während einer Presse­konferenz verkünden lassen, auch weiterhin gegen die Armee-Entlassung ihrer Tochter rechtlich vorzugehen.

Haben Sie Suizid­gedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern:

Telefonhotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

(0800) 111 0 111 (evangelisch)

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(0800) 111 0 222 (römisch-katholisch)

(0800) 111 0 333 (für Kinder/Jugendliche)

E-Mail unter www.telefonseelsorge.de

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