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„Stille Epidemie“ in Pakistan: Immer mehr Frauen werden Opfer von Gewalt

  • In Pakistan nimmt die Gewalt gegen Frauen zu.
  • Menschenrechtler führen das auf religiösen Extremismus im Land zurück.
  • Den Behörden werfen sie Untätigkeit vor - und dem Regierungschef, Gewaltverbrechen gegen Frauen sogar zu entschuldigen.
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Islamabad. Noor Mukadams letzte Stunden waren schrecklich. Wiederholt brutal geschlagen, sprang die 27-Jährige aus einem Fenster, aber wurde ins Haus zurückgezerrt, wieder geschlagen und dann schließlich enthauptet. Ein Freund aus ihrer Kindheit steht jetzt unter Mordanklage. Der grausige Tod in der vergangenen Woche in einer gehobenen Wohngegend in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist der jüngste in einer ganzen Reihe von Angriffen auf Frauen im Land. Menschenrechtsaktivisten sehen einen Zusammenhang mit dem wachsenden religiösen Extremismus im Land.

Mukadam war eine Diplomatentochter, und ihr Status als Mitglied der pakistanischen Elite hat ihre Ermordung in die Schlagzeilen gebracht. Aber die meisten Frauen, die in Pakistan Opfer von Gewalt werden, zählen zu den Armen oder zur Mittelschicht, sagt die Menschenrechtlerin Tahira Abdullah. Ihr Tod werde oft nicht gemeldet, und falls doch, häufig ignoriert.

Pakistan: Nicht abreißende Serie von Attacken gegen Frauen

„Ich könnte Ihnen eine Liste geben, die länger als mein Arm ist, und das nur in einer Woche“, sagt Abdullah über die nicht abreißende Serie von Attacken. „Die Epidemie sexueller Verbrechen und der Gewalt an Frauen in Pakistan ist eine stille Epidemie. Keiner sieht sie. Keiner spricht von ihr.“

Trotz der Zuspitzung ist im Juli ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt, etwa durch Ehemänner, im Parlament gescheitert. Es bat dagegen einen Rat für islamische Ideologie um dessen Meinung - dasselbe Gremium, das zuvor erklärt hatte, es sei zulässig, wenn ein Mann seine Frau schlage.

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Zunahme der Fälle häuslicher Gewalt um 200 Prozent

Daten aus Anrufen von Opfern bei Hotlines deuten auf eine Zunahme der Fälle häuslicher Gewalt um 200 Prozent allein in der Zeitspanne von Januar bis März 2020 hin, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch im vergangenen Frühjahr berichtete. Die Zahlen danach, als die Corona-Lockdowns begannen, waren dem Report zufolge sogar noch schlimmer.

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Auf dem globalen Geschlechterindex des Weltwirtschaftsforums war Pakistan 2020 fast das Schlusslicht, landete auf Platz 153, nur noch gefolgt vom Irak, dem Jemen und von Afghanistan.

Viele Attacken sind Morde vermeintlich im Namen der Ehre

Viele der Attacken sind Morde vermeintlich im Namen der Ehre, bei denen der Täter ein Bruder, Vater oder anderer männlicher Angehöriger des Opfers ist. Jedes Jahr kommen mehr als 1000 Frauen im Land auf diese Weise um, wie Menschenrechtsaktivisten sagen. Sie kritisieren Premierminister Imran Khan und dessen Regierung, werfen ihm vor, sich bei der religiösen Rechten anzubiedern und Attacken auf Frauen zu rechtfertigen.

Der drei Mal verheiratete Ex-Cricketstar hatte einst den Ruf eines Frauenheldes, aber hat sich mittlerweile dem konservativen Islam zugewandt. Er unterhält enge Kontakte zu einem Geistlichen, der Covid-19 auf „das Fehlverhalten von Frauen“ zurückgeführt hat.

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Premierminister machte Frauen für Angriffe gegen sie verantwortlich

Khan selbst scheint mehr als einmal Frauen selbst für Angriffe gegen sie verantwortlich gemacht zu haben. „Wenn man die Gesellschaft in Versuchung bringt ... alle diese jungen Männer haben keinen Ausweg, es hat Konsequenzen in der Gesellschaft“, hat er zum Beispiel gesagt. Und: „Wenn eine Frau sehr wenig Kleidung trägt, hat das einen Einfluss, es hat einen Einfluss auf die Männer, es sei denn, sie sind Roboter.“

Informationsminister Fawad Chaudhry sagt, Khans Äußerungen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Es trifft nach seinen Angaben auch nicht zu, dass die Gewalt gegen Frauen zunimmt. Die Regierung ermuntere Frauen dazu, sich in der Politik und im Sport zu engagieren, und in den Provinzen, in denen Khans Partei dominiere, seien Menschenrechtsgesetze gestärkt worden. „Ich glaube, dass die Auffassung, dass in Pakistan Frauen nicht sicher sind, wirklich nicht der Realität nahe kommt“, erklärte Chaudhry in einem Interview.

Politiker machen Opfer für Geschehenes verantwortlich

Aber just vor ein paar Tagen sagte ein anderer Minister Khans, Ali Amin Gandapur, auf einer Kundgebung mit Tausenden Zuhörern, zumeist Männer, dass er eine politische Oppositionsführerin „ohrfeigen und ohrfeigen“ würde. Im vergangenen September machte ein ranghoher Polizeibeamter eine Frau, die vor ihren Kindern von mehreren Männern vergewaltigt wurde, selbst für das Geschehene verantwortlich. Sie hätte nicht abends unterwegs sein sollen und ohne einen Mann, sagte er.

Derartige Äußerungen spiegelten eine Zunahme ultrakonservativer und sogar religiös-extremistischer Werteorientierungen in Pakistan wider, sagt Amir Rana vom Pakistan Institute of Peace Studies. Die Zahl religiöser Einrichtungen und religiöser politischer Parteien, viele mit extremen Überzeugungen, sei im Land geradezu explodiert. Die Organisationen bieten Rana zufolge in vielen Städten und Dörfern Dienstleistungen von der Bildung bis hin zur Gesundheitsfürsorge und hätten dort daher enormen Einfluss.

Mord nach abgelehntem Heiratsantrag

Im Mordfall Mukadam ist der Sohn eines reichen Industriellen angeklagt worden. Nach ersten Berichten soll er sie umgebracht haben, nachdem sie seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte. Die Brutalität der Tat - der Angreifer benutzte einen Schlagring - und die Furcht, dass sein hoher sozialer Status ihm zur Freiheit verhelfen könnte, hat viele in Pakistan dazu veranlasst, sich zu Wort zu melden. Sie haben Demonstrationen sowie eine Mahnwache abgehalten und in den sozialen Medien eine Kampagne unter dem Motto Gerechtigkeit für Noor gestartet.

In einer Petition, die online zirkuliert, wird gefordert, dass das Justizsystem des Landes „Gewalttäter zur Rechenschaft zieht. Wir fordern Gerechtigkeit. Wir fordern, dass es sie rasch gibt. Wir fordern es für Noor. Wir fordern es für alle Frauen.“

RND/AP

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