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Thema in Nationalversammlung

Tradition oder Tierquälerei? Stierkampfverbot in Frankreich scheitert vorerst

Ein Stierkampf in der Arena in Nîmes.

Ein Stierkampf in der Arena in Nîmes.

Paris. Sind Stierkämpfe eine grausame und unzeitgemäße Tierquälerei? Oder handelt es sich um eine identitätsstiftende Tradition, die in bestimmten südfranzösischen Regionen zur lokalen Kultur gehört? Wochenlang hat Frankreich kontrovers über diese Fragen debattiert, nachdem ein Abgeordneter der Linkspartei, Aymeric Caron, einen Antrag zum Verbot der Corrida, so der spanische Name für die Kämpfe, einbringen wollte.

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Am Donnerstagabend, als die Nationalversammlung darüber abstimmen sollte, zog er ihn jedoch zurück, weil angesichts von mehr als 800 Änderungsanträgen die Zeit für das Votum fehlte. Caron schimpfte über die absichtliche „Verhinderung“ und versprach einen neuen Gesetzesvorschlag. Zuvor hatte eine deutliche Mehrheit für die Aufnahme des Rechts auf Abtreibung in die Verfassung gestimmt – ebenfalls ein Anliegen der Linken.

Dritter Anlauf für Verbot der Stierkämpfe

Beim Verbot der Stierkämpfe handelte es sich bereits um den dritten Anlauf in den vergangenen Jahren und ein Thema, das die Gemüter stark erhitzt. Im Vorfeld kritisierten mehr als 200 Parlamentarier parteiübergreifend in einem offenen Brief den in ihren Augen drohenden „Öko-Totalitarismus“. „Die Corrida zu verbieten, das würde bedeuten, eine Kultur zu verbieten und einen Teil unserer Mitbürger zu erniedrigen“, hieß es darin. Viele lokale Parlamentarierinnen und Parlamentarier geißeln das Unverständnis einer Pariser Elite für regionale Bräuche und Gepflogenheiten.

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Doch durch alle Parteien ziehen sich Risse. Dass Patrick Vignal, ein Abgeordneter von Präsident Emmanuel Macrons Partei Renaissance, bei einer Pro-Stierkampf-Demonstration an der Seite mehrerer Politiker des rechtsextremen Rassemblement National (RN) auftrat, brachte ihm heftige Kritik ein. Vignal verteidigte sich, bei etlichen Themen sei er anderer Meinung als die RN-Kollegen, aber sie alle stammten aus dem Süden und seien sich einig, „dass wir dazu da sind, um unsere Kultur zu verteidigen“.

Renaissance-Fraktionschefin für Verbot des Stierkampfs

Die Renaissance-Fraktionschefin Aurore Bergé wiederum hat einen offenen Brief für das Verbot des Stierkampfs unterschrieben, in dem der Schriftsteller Émile Zola zitiert wird: Es handele sich „weder um eine Kunst noch um eine Kultur, sondern um die Quälerei eines ausgewiesenen Opfers“. Sie stellte sich damit gegen ihren Chef Macron, der erklärte, ein Corrida-Verbot sei „im Moment keine Priorität“. Man müsse auf das Tierwohl achten, aber auch die eigene Kultur respektieren. Zwar sprachen sich in einer aktuellen Umfrage 74 Prozent der Französinnen und Franzosen gegen die Stierkämpfe aus. Doch deren Befürworter sind lauter.

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Auch beim rechtsextremen RN, der Themen um die nationale und kulturelle Identität stets hochhält, herrscht keine klare Linie. RN-Fraktionschefin Marine Le Pen, die sich gerne als Tierliebhaberin und begeisterte Katzenzüchterin präsentiert, sprach sich im Präsidentschaftswahlkampf für ein Besuchsverbot von Stierkämpfen für Minderjährige aus. Nun sagte sie ausweichend, es gelte „regionale Traditionen zu bewahren“. Ihr erscheine es dringlicher, das islamische Schächten zu untersagen.

Das französische Gesetz verbietet grausame Handlungen an Tieren, doch gibt es für rund 50 Städte in Südfrankreich Ausnahmegenehmigungen im Namen der „lokalen Tradition“. Städte von Arles bis Perpignan richten lokale Volksfeste mit Stierkämpfen in den antiken Arenen aus. Laut dem Bürgermeister von Nîmes, Jean-Paul Fournier, bringen diese „Ferias“ der Stadt jährlich 60 Millionen Euro an Einkünften ein. 2022 kamen fast 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Der Linkspolitiker Caron wiederum argumentierte, die Feste könnten auch ohne die blutigen Zeremonien stattfinden.

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Wie unversöhnlich beide Lager einander gegenüberstehen, offenbarte sich am vergangenen Wochenende. Innerhalb von weniger Stunden fanden in Bayonne Demonstrationen von Corrida-Befürwortern und -gegnern statt. Trotz der verhärteten Fronten zeigte sich Melvin Josse, Vorsitzender einer Plattform für Tierschutzorganisationen, positiv: „Es geht darum, überhaupt einmal eine Debatte zu führen.“ Auch wenn diese nicht bis ins Parlament gelangte.

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