St. Louis: Frau würdigt Corona-Opfer mit persönlichen Geschichten

  • Tag für Tag gibt es in der Pandemie neue Zahlen.
  • Doch was ist mit den persönlichen Schicksalen hinter den Statistiken?
  • Im US-Staat Missouri hat eine Amerikanerin ein Projekt gestartet, mit dem sie an Verstorbene aus der Region auf individuellere Art erinnern will.
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St. Louis. Es brach ihr das Herz, dass so viele Menschen aus ihrer Heimatstadt starben – St. Louis zählte gerade zu Beginn der Corona-Krise in den USA zu den Hotspots. Was Jessica Murray dabei besonders traurig machte, waren die oft so unpersönlichen Berichte über die Opfer. Meist wurden nur anonyme Zahlen präsentiert. Selten war zu erfahren, wer die Betroffenen gewesen waren. Schließlich beschloss sie, selbst aktiv zu werden, um daran etwas zu ändern.

Seit Juni betreibt Murray eine Website voller Nachrufe. Auf www.stlouiscovidmemorial.com schreibt sie über Menschen, die an Covid-19 erkrankten und nicht überlebten. Die Informationen dafür nimmt sie überwiegend aus dem Internet, etwa aus Todesanzeigen oder aus journalistischen Artikeln. Durch die Bündelung der vielen persönlichen Schicksale ist ihr Online-Portal inzwischen zu einer Art virtuellen Gedenkstätte für die Pandemie-Opfer aus der Region geworden.

“Was diese Familien durchmachen, ist herzzerreißend”

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An dem Projekt arbeitet die 40-Jährige in ihrer Freizeit. Meist sitzt sie abends, wenn sie von ihrem eigentlichen Job nach Hause gekommen ist, an ihrem Esszimmertisch noch ein paar Stunden vor dem Laptop. Ihre drei Kakadus Boo, Arthur und Misha leisten ihr Gesellschaft – und geben ihr ein Gefühl von Geborgenheit, wenn das, worüber sie schreibt, sie mal wieder zu überwältigen droht.

„Nur daran zu denken, was diese Familien durchmachen, ist herzzerreißend“, sagt Murray. „Kein Mensch, der an Alzheimer oder Demenz erkrankt ist oder in einem Pflegeheim lebt, sollte einsam sterben. Niemand sollte in ein Krankenhaus eingeliefert werden und dann die eigenen Kinder nie wieder zu Gesicht bekommen.“

“Musste daran denken, dass hinter jeder Zahl Großmutter von irgendwem steckte”

Etwa die Hälfte der insgesamt bereits mehr als 3000 Corona-Toten im US-Staat Missouri stammte aus der Stadt St. Louis oder angrenzenden Bezirken. Hunderte weitere Menschen sind direkt auf der anderen Seite des Mississippi im Staat Illinois nach einer Coronavirus-Infektion gestorben.

Im Juni stieß Murray auf eine Website mit ähnlich erschreckenden Zahlen aus New York – sie hatte gerade Essen bestellt und surfte, während sie wartete, mit ihrem Smartphone im Internet. Noch bevor das Essen kam, hatte sie eine Domain für ihr eigenes Projekt registriert. „Ich musste einfach daran denken, dass hinter jeder dieser Zahlen die Großmutter von irgendwem, die Schwester von irgendwem oder die Mutter von irgendwem steckte“, sagt sie.

Elegante und in Einfachheit bewegende Geschichten

Seitdem hat die 40-Jährige überwiegend kurze Lebensgeschichten von mehr als 125 Betroffenen veröffentlicht. Obwohl sie laut eigenen Angaben nie zuvor als Autorin tätig gewesen war, sondern in einer Baufirma im Bereich Marketing und Vertriebssupport arbeitet, sind die Geschichten elegant und in ihrer Einfachheit bewegend geschrieben.

Da wird unter anderem MaryCatherine Keene vorgestellt, eine 94-jährige Altenheim-Bewohnerin, die im Mai starb. Keene war in jungen Jahren, während des Zweiten Weltkriegs, als Flugzeug-Nieterin tätig gewesen – und sie war stolz darauf gewesen, „eine Frau zu sein, die zu ihrer Zeit gearbeitet und es Frauen ermöglicht hatte, lange Hosen zu tragen“.

Geschichten von Paaren, die nacheinander zu Opfern wurden

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Der im September im Alter von 74 Jahren verstorbene Rheumatologe Edward Rose hatte nach Murrays Aufzeichnungen sein „lautes Zuhause mit herumlaufenden Kindern“ geliebt und gerne Dinner-Partys mit viel Wein und gutem Essen veranstaltet. Er habe seinen Kindern nicht nur das Schachspielen und das Wasserskilaufen beigebracht, sondern auch, Verpflichtungen einzuhalten, die Philanthropie und das Reisen zu schätzen und einfache Freuden zu genießen, heißt es.

Es gibt auch Geschichten von verheirateten Paaren, bei denen beide sehr kurz nacheinander zu Opfern der Pandemie wurden: Grace und Richard Maskell starben beide im Mai, nach 72 Jahren Ehe, innerhalb von nur neun Tagen; Bill und Pat Olwig starben gar im Abstand von gerade einmal 40 Minuten – wenige Tage, bevor sie ihren 61. Hochzeitstag gehabt hätten.

Angehörige bedeuten persönliche Geschichten viel

An vielen der Beispiele wird deutlich, wie einsam Covid-19-Kranke manchmal ihre letzten Tage verbringen. Matthew Joseph Leake, der drei Jahrzehnte lang jedes Jahr den Weihnachtsmann gespielt hatte, erlag dem Virus im August. „Er versuchte gerade, den Krebs zu besiegen, fing sich dann aber das Coronavirus ein und starb ganz allein im Krankenhaus“, schreibt Murray. Leake wurde nur 60 Jahre alt.

Angehörige der Opfer würden ihr oft sagen, wie viel ihnen die persönlichen Berichte auf ihrer Website bedeuteten, sagt Murray. „Das berührt mich wirklich“, betont sie. „Es motiviert mich, weiter an der Sache zu arbeiten, wann immer ich sonst das Gefühl habe, ich würde nur ins Leere posten.“

Finanziell hat Murray keine Ambitionen

Einen ähnlichen, aber spezielleren Ansatz verfolgt in St. Louis Joyce „Lady J“ Huston mit einer Facebook-Seite namens Black Corona Lives Matter. Sie schreibt dort über afroamerikanische Opfer der Pandemie – und möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die schwarze Minderheit in den USA besonders stark von dem Virus betroffen ist. Doch auch sie möchte vor allem die individuellen Schicksale würdigen. „Das ist enorm wichtig, denn Zahlen allein reichen nicht“, sagt sie. „Man muss auch die Gesichter sehen.“

Auch in anderen Teilen der USA sind derweil Projekte und Websites entstanden, die sich den Geschichten hinter den Zahlen widmen. Murray sagt, sie würde künftig gerne mit einigen von diesen kooperieren – und vielleicht so etwas wie einen nationalen Gedenktag initiieren. Finanziell hat sie dabei keine Ambitionen. Sie habe auch nicht vor, um Spenden zu bitten, betont sie – das Einzige, was sie derzeit bräuchte, wäre mehr Zeit, um über noch mehr Menschen zu schreiben.

RND/AP

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