Spargelernte beginnt: Die Stangen wachsen, das Corona-Risiko bleibt

  • Im Süden hat das Spargelstechen bereits begonnen, in den nächsten Tagen wird es auch im Norden losgehen.
  • Es besteht jedoch nach wie vor die Gefahr, dass die Entwicklung der Pandemie den Helfern aus Osteuropa die Anreise erschwert.
  • Die Verbände der Anbauer haben Vorstellungen, wie man die Risiken minimieren und die Ernte sichern könnte.
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Hannover. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, wir sind vorbereitet“, sagt Jörg Heuer, Chef des Spargel- und Beerenhofs Heuer im niedersächsischen Fuhrberg. Am Montag (29. März) beginnt in dem Unternehmen in der Region Hannover die Spargelernte. „Ein paar Hundert Tonnen“ sollen dann bis zum Johannistag Ende Juni gestochen werden. Heuers ausländische Erntehelfer aus Rumänien und Polen sind schon vor Ort. „Die sind sogar schon 14 Tage da, auf Corona getestet und in Quarantäne gewesen“, so der Landwirt.

Die Quarantäne ist gar nicht vorgeschrieben, man habe das aber zur Sicherheit gemacht, auch weil man angesichts steigender Infektionszahlen in den Herkunftsländern Grenzschließungen befürchtet hatte. „Das hatten wir im Vorjahr, das war uns zu heikel.“

Sicherheitsdienst achtet auf Einhaltung der Corona-Regeln

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Der Aufwand ist für Heuer durch die Pandemie deutlich größer. Zusätzliche Unterkünfte mussten angemietet werden, ein Sicherheitsdienst soll auf die Einhaltung der Corona-Regeln unter den „in der Spitze 250 Erntehelfern und Verarbeitungs­kräften aus Rumänien und Polen“ achten. Natürlich dürften sich die Helfer nach Feierabend in ihrer Freizeit auch gemäß der Regeln frei bewegen. „Alles andere wäre ja eine Einschränkung der Menschenrechte“, sagt Heuer. Aber es werde auch jedem Arbeiter erklärt, dass das Schlimmste, was passieren könnte, Corona-Fälle auf dem Hof wären, dass, wenn der Betrieb stillgelegt würde, es auch mit dem Geldverdienen vorbei sei.

Die Prognosen für die Ernte sind 2021 nicht schlecht. „Der Spargel hat bis in den letzten Herbst gut gestanden“, sagt Heuer. Alles sehe auch nach einem guten Ertrag aus. Jetzt komme es während der Saison auf möglichst gleichmäßige Temperaturen von etwa 20 Grad an. „2018 hatten wir eine Hitzewelle“, so Heuer, „da wuchs der Spargel Vollgas und Anfang Juni kam nur noch wenig.“

Im warmen Südwesten oder in Rheinhessen hat das Stechen von unter Folie gewachsenen Stangen schon am Donnerstag begonnen, sagt Simon Schumacher, Vorstandssprecher des Verbandes Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer, des größten deutschen Spargelanbauverbandes, der Mitglieder in der ganzen Republik hat. 95 Prozent der Erntehelfer kämen 2021 bundesweit aus Rumänien und Polen, 80 Prozent davon seien Rumänen, dazu – relativ wenige – Arbeitskräfte aus Bulgarien, Kroatien und der Slowakei. Deutsche Erntehelfer gebe es überhaupt erst seit dem Corona-Jahr 2020, republikweit seien das etwa 10.000 gewesen, die sonst vornehmlich in der Gastronomie gearbeitet hätten.

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Die Angst: dass Polen und Rumänien Virusvariantengebiete werden könnten

„Im Vorjahr hatten 28 Prozent der Helfer hauptsächlich gefehlt, weil Arbeitskräfte wegen geschlossener Landgrenzen eingeflogen werden mussten. In diesem Jahr ist der Transit über Ungarn und Österreich möglich.“ Bisher. Die Gefahr ähnlicher Verhältnisse wie im Vorjahr sieht Schumacher durchaus – „sollten die Länder Virusvariantengebiete werden“. Seit Sonntag ist Polen Hochinzidenzland, Rumänien ist Risikoland.

Würden Rumänien und Polen als Virusvariantenländer eingestuft, müssten neu ankommende Spargelstecher in eine zweiwöchige Absonderung. „Dann sitzen sie zu zweit in einem Zimmer, dürfen nicht arbeiten, haben keinen Verdienst – die Vorstellung dürfte viele abschrecken“, sagt Schumacher. Lohnersatz nach dem Infektionsschutzgesetz sei für anreisende Erntehelfer in Quarantäne bislang nicht vorgesehen.

Was sich die Verbände wünschen, sei eine Gleichbehandlung von Virusvariantenländern und Hochinzidenzländern – insofern die Virusvariante die gleiche sei wie in Deutschland. Und – so Schumacher – daraus folgend eine „Arbeitsquarantäne“. Sodass die im Ernstfall neu eintreffenden und getesteten Kräfte unter der vorgeschriebenen Absonderung auf den Feldern Spargel (und später Beeren) ernten dürften.

Schumacher: „Jeder Tag, den wir mehr bekommen, ist ein guter Tag“

Das Netzwerk der deutschen Spargel- und Beerenverbände wünscht sich überdies vom Bund eine Verlängerung der befristeten sozialversicherungsfreien Beschäftigungsdauer von 70 auf 115 Tage wie im Vorjahr. „Das war eine wirklich tolle Hilfe“, sagt Schumacher. Damit entfielen Personalwechsel, womit wiederum das Infektionsrisiko verringert werde. Man hoffe auf eine Erneuerung der Regelung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. „Es gibt Zeichen. Vielleicht weniger als 115 Tage – aber jeder Tag, den wir mehr bekommen, ist ein guter Tag.“

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Und warum sozialversicherungsfrei? „Um Rentenansprüche zu bekommen, müssten die Helfer fünf Jahre Anwartschaft erreichen“, erklärt Schumacher. „Wer zwei Monate pro Jahr arbeitet, müsste das 20 Jahre tun, um dann 5, 6 Euro Rente zu bekommen. Demgegenüber stehen 400 Euro und mehr Abzüge pro Monat. Die meisten Leute brauchen das Geld aber jetzt.“ Die Krankenversicherung der Arbeiter werde vom Arbeitgeber übernommen. Die Bezahlung sei Mindestlohn für alle, und – leistungsbezogen – mehr.

Von 5000 georgischen Erntehelfern wissen viele Arbeitsagenturen nichts

„Frisch und neu“ seien 5000 Georgier, die in einem Pilotprojekt nach Deutschland kämen. Georgien hat derzeit eine Sieben-Tage-Inzidenz von 66. „Aber viele Arbeitsagenturen wissen noch gar nichts davon“, sagt Schumacher. Entsprechend gingen anfragende Spargelbauern leer aus. Die Helfer vom „Balkon Europas“ wären auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Unser Bedarf für Spargel- und Beerenernte liegt zwischen 100.000 und 140.000 Personen.“

Auch Schumacher sieht prinzipiell alle Anzeichen für einen guten Ertrag: „Es war ein schöner kalter Winter im Februar – den braucht der Spargel, um gut auszutreiben. Wir hätten uns im März ein bisschen mehr Sonne gewünscht für ein spargelreiches Ostern. Aber jetzt wächst er. Dem baldigen Spargelmenü“, er lacht, „steht nichts entgegen.“

Zunächst freilich sind die Preise gesalzen. „17,5 bis 20 Euro pro Kilo weißen Spargels der Klasse I“, nennt Michael Koch als Spargelpreis für die ersten Erntetage 2021. „Das ist eine Hausnummer“, räumt der Marktanalyst der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn denn auch ein. „Aber zu Saisonbeginn nicht unüblich.“ Im letzten Jahr hätten die privaten Haushalte – auf die ganze Saison, alle Arten von Einkaufstätten und die gesamte Republik bezogen – im Schnitt 8,61 Euro pro Kilo Spargel bezahlt. Das sei ein Preisanstieg um 20 Prozent gegenüber 2019 gewesen.

Im Pandemiejahr 2020 kauften viele Deutsche den Spargel teurer auf Höfen

Der hätte sich über die vornehmlich coronabedingt höheren Produktionskosten ergeben, die die Betriebe nicht tragen konnten. Und dadurch, dass die Kunden in Pandemiezeiten verstärkt die „etwas teureren“ Wochenmärkte und die Spargelhöfe ausgesucht hätten. Gründe für die Bereitschaft, mehr zu zahlen: „Auf den Höfen vermeidet man das Gedränge des Supermarkts und der Ausflug dorthin galt in Zeiten wie diesen als Freizeiterlebnis.“

Eine Preisprognose für 2021 will Koch nicht abgeben. Das hinge doch zu sehr vom Verlauf des Wetters während der Erntezeit ab, die Pflanze sei eben stark von Temperatur und Sonneneinstrahlung abhängig. Zudem sei die Frage relevant, was während der Spargelsaison 2021 noch mit der Gastronomie passiere. Der Bereich mache 20 bis 30 Prozent des Verkaufs aus. Bleibt diese Spargelmenge übrig, stehe das stärkeren Preiserhöhungen entgegen. Insgesamt sieht Koch den Preisspielraum nach oben auch begrenzt. „Es ist ja so, dass in Familien, in denen in der Pandemie Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit angesagt ist oder war, der Spargel sonst möglicherweise nicht in den Einkaufskorb kommt.“

Spargel in Zahlen: Spargel ist in Deutschland eines der Gemüse mit hohem Selbstversorgungsgrad. Im Vorjahr wurden 85 Prozent der Stangen in Deutschland erzeugt und verzehrt. 85 Prozent weißem Spargel standen laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft 15 Prozent Grünspargel entgegen – eine Veränderung von einem Prozentpunkt zugunsten des grünen Spargels. Das Statistische Bundesamt weist für 2020 eine Spargelernte von bundesweit etwa 117.653 Tonnen aus, was 10 Prozent weniger ist als im Jahr davor. Betrachtet man die letzten sechs Jahre, lag die Ernte von 2020 um 5 Prozent unter dem Schnitt von 123.700 Tonnen.

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