Song der Berliner Polizei: Ein falsches Lied zur falschen Zeit

  • Während alle Welt über George Floyd und Polizeigewalt spricht, veröffentlicht die Berliner Polizei einen Gute-Laune-Song über ihre Arbeit.
  • Die Probleme der Behörde lassen sich aber nicht wegsingen, findet unser Autor.
  • Und auch musikalisch sei das Werk stark gesundheitsgefährdend.
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Berlin. Wer auch immer bei der Berliner Polizei dachte, das sei eine gute Idee – er muss in einer Parallelwelt leben. Ausgerechnet in einer Zeit, in der alle Welt über den Tod von George Floyd und rassistische Polizeigewalt diskutiert, veröffentlichen die Berliner Beamten einen Gute-Laune-Song – und zugleich eine Lobeshymne auf ihre Arbeit.

Das Lied mit dem Namen “Wir lassen hier keinen allein (Corona-Song)” beginnt mit den verträumten Klängen eines E-Pianos, während Sänger Sebastian Stipp durch Berlin spaziert und sich Schlagzeug und Trompete auf den ganz großen Auftritt vorbereiten. Dann die erste Strophe: “Seit Wochen zu Hause, virale Zwangspause, der Staats-Lockdown hat echt reingehaun, jetzt nach vorne schau’n.”

Lyrisch bleibt der Song auch in den folgenden vier Minuten auf diesem Niveau: “Nichts ist wie früher, doch langsam kehrt wieder unser Leben ein. Mit viel Sonnenschein. Und wir stimmen ein”, heißt es da etwa. Dann der Refrain: “Was auch immer kommen mag, wir bleiben für euch immer wach, jede Stunde Tag und Nacht. Wir lassen keinen hier allein, ob Feuerwehr und Polizei, Corona kriegt uns niemals klein.”

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Das falsche Lied zur falschen Zeit

Wo er recht hat, hat er recht. Die allermeisten von uns hat Corona glücklicherweise nicht kleingekriegt. Und man kann es nicht anders sagen: Die größere Gesundheitsgefahr dürfte eher von diesem Song ausgehen als von dem Virus.

Das allein wäre aber gar nicht so schlimm – denn an Selfmade-Songs von Behörden haben wir uns inzwischen schließlich gewöhnt. Immer wieder versuchen Institutionen und Großunternehmen, mit schaurig-schönen Gesangseinlagen für ihre Arbeit zu werben. Die Polizeikollegen aus NRW beispielsweise versuchten es 2013 mit einem coolen Rap, auch Konzerne wie BMW, Edeka und Vattenfall setzten in den vergangenen Jahren immer wieder fürchterliche Tanz- und Singvideos zum Recruiting ein.

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Das Problem am Berliner Polizeisong ist ein ganz anderes: Es ist das völlig falsche Lied zur völlig falschen Zeit. Es kommt zwei Wochen nach dem gewaltsamen Tod von Georg Floyd durch einen Polizisten – und etwa sechs Monate nach dem Tod von Maria B. aus Berlin.

Immer wieder Kritik an Berliner Polizei

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Im Januar war die Berliner Polizei in die Kritik geraten, weil ein Polizist die 33-jährige Frau in ihrer Wohnung erschossen hatte. Laut Darstellung der Beamten sei B. in ihrer Wohnung mit einem Messer auf die Polizisten zugelaufen, daraufhin habe der Beamte auf sie geschossen. Später allerdings kamen Zweifel an dieser Darstellung auf: Maria B. habe unter Multipler Sklerose gelitten, habe nicht einmal 50 Kilo gewogen und sei für die Beamten überhaupt keine Gefahr gewesen, kritisierten Freunde der Frau gegenüber Medien.

Aktuell kursieren in den sozialen Netzwerken Aufnahmen von Berliner Demonstrationen gegen Rassismus. Die Videos zeigen, wie Berliner Polizeibeamte ungewöhnlich hart gegen die Demonstranten vorgehen. Die Linke-Landeschefin Katina Schubert twitterte dazu: “Ist die Polizei Berlin von allen guten Geistern verlassen? Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Haben sie nicht mitbekommen, warum Millionen von Menschen weltweit auf die Straße gehen? Gegen #polizeigewalt #Rassismus.“

Die Vizechefin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Regina Kittler, erklärte: “Die beteiligten Polizisten sind eindeutig identifizierbar. Das muss Folgen haben!“ Die Darstellung der Polizei klingt derweil etwas anders: Dem Einsatz sei ein “Gewaltausbruch” von Demonstranten vorausgegangen, heißt es seitens der Beamten.

Polizeigewalt wird selten aufgeklärt

Welche Version in beiden Fällen nun die richtige ist, ist schwer herauszufinden. Denn Ermittlungen gegen Polizisten, die im Dienst Menschen verletzen oder töten, werden so gut wie immer eingestellt. Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum kommt es in gerade einmal 6 Prozent der Fälle überhaupt zu einer Anklage.

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Der Song der Berliner Polizisten ist für Kritiker nun der Tropfen auf den heißen Stein. Auf Twitter machen sich insbesondere linke Gruppierungen den Spaß, über das Feelgood-Lied die “schönsten” Szenen von Polizeigewalt zu legen – auch von der Berliner Polizei.

Selbst Polizistensohn Jan Böhmermann (“Ich hab Polizei”) zeigt sich vom musikalischen Werk der Berliner Beamten nicht begeistert: “Das ist wirklich der akustische Gummiknüppel”, so Böhmermann in seinem Podcast “Fest & Flauschig”. “Die Polizei soll ihr Knie vom Hals der Kunst nehmen, muss ich ganz ehrlich sagen. Als ich das gesehen hab, hab ich mich echt gefragt: Ist das euer Ernst? Dass das eure Reaktion auf alles ist?”

Das Video der Berliner Musikpolizisten endet übrigens vor leeren Rängen eines Theaters, dann schwenkt die Kamera auf eine Lampe. Es erscheint der Satz “Möge die Leidenschaft und Kreativität niemals erlöschen”. Spätestens an dieser Stelle wünscht man sich die Feuerwehr.

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