Endlich wieder Sommerurlaub: Woher die deutsche Sehnsucht nach der Ferne kommt

  • Auf nichts schienen sich die Menschen in der Pandemie so sehr zu freuen wie darauf, dass der Sommerurlaub endlich wieder möglich ist.
  • Woher kommt die deutsche Sehnsucht nach der Ferne?
  • Schon die Nachkriegstouristen strömten nach Italien – im Osten ging es zum Zelten an die Ostsee. Eine Erkundung.
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Das überladene Auto liegt tief über dem glühenden Asphalt, in den Fenstern klemmen Handtücher. 40 Grad Hitze im Inneren. Die Kinder haben nasse Waschlappen im Nacken, aber es geht weiter, immer weiter nach Süden. Denn dort, hinter den Spitzkehren der Alpenpässe, lockt das Leben, wie es sein sollte. Italien. Ein arkadisches Paradies voll Kunst, Geschichte und Pasta. Der Positivspiegel der Deutschen, die die heimliche Lust auf das Anderssein ans Mittelmeer treibt, auf süßes Nichtstun statt steifhüftiger Pflichterfüllung. Und auf Sonne, so viel Sonne, statt Regen, Regen, Regen.

Es sind Erinnerungen, die Millionen teilen. Und es ist Gegenwart in diesen Tagen. Der Sommerurlaub beginnt. Ein deutscher Mythos. Statussymbol und Sehnsuchtszeit in Ost wie West. Wohin fahren wir? Wohin fahrt ihr? Die sommerliche Auszeit, längst ein von globalen Konzernen organisiertes Milliardengeschäft, ist ein nationales Heiligtum, dessen kollektive Bedeutung sich deutlich zeigt, wenn wie jetzt eine Pandemie die Gewohnheiten durchkreuzt: Die Ferien beginnen, und über wenig hat das Land zuletzt mehr debattiert als über Urlaub in Corona-Zeiten. 75 Prozent der Deutschen zieht es im Sommer in die Ferne. Nur ein Viertel der Italiener verreist. Kein Wunder: Sie leben in Italien. Auch Franzosen, Spanier, Niederländer und Engländer spüren den Ruf der Fremde nicht ganz so stark wie die Deutschen. Bis 2012 war Deutschland – gemessen am touristischen Milliardenumsatz – Reiseweltmeister. Seither führen die Chinesen.

Der tiefe Wunsch, den Umständen zu entfliehen

Tief sitzt der Wunsch des Menschen, seinen Umständen zu entfliehen, die Welt zu erleben und das Erlebte zu dokumentieren – damals per Diaabend, heute per Instagram. „Mir scheint“, schrieb schon der rastlose Charles Baudelaire, 1821 in Paris geboren, „dort, wo ich nicht bin, wäre ich glücklich.“ Er träumte von einem Ort, an dem „Ordnung nur und Schönheit, Luxus, Stille und Wollust“ herrschen. „Fern! Fern! Der Schmutz hier ist aus unser’n Tränen!“ Nun ist die Autobahn 7 keine Terra incognita und die übermüdete Kleinfamilie vor Sonnenaufgang am Flughafen Düsseldorf auf dem Weg nach Palma de Mallorca kein Pioniertrupp im Geiste Alexander von Humboldts. Die Magie des Reisens aber ist auch in einer erschlossenen Welt noch spürbar.

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„Nur wenige Momente im Leben sind befreiender als die, in denen ein Flugzeug vom Boden abhebt“, schreibt der Philosoph Alain de Botton in „Kunst des Reisens“. Reisen seien „die Geburtshelfer von Gedanken“, denn „neue Erkenntnisse erfordern zuweilen neue Orte“. Und so kommt es, dass eine antike Holztür auf Korsika zauberschön und verwunschen wirkt, während uns dieselbe Haustür zu Hause gammelig und morsch erschiene.

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Betroffen davon sollen 45 Bezirke sein, darunter die Hauptstadt Lissabon.  © Reuters
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Was treibt die Deutschen außer Landes?

Aber was ist es, was vor allem die Deutschen so massenhaft außer Landes treibt? Ein Grund dürfte sein, dass kaum ein Volk begabter darin ist, mit der Gegenwart zu hadern. Reisen dient als „eine Art Versprechen auf ein noch nicht gelebtes Leben“, sagt der Philosoph Peter Vollbrecht im Magazin „Psychologie heute“.

Denkbar also, dass suchende, zweifelnde, grüblerische Völker mehr reisen als im Kern glückliche. Das Problem am Urlaub aber ist: Wir nehmen nicht nur unsere Sehnsüchte, einen Stapel Bücher und einen Kescher mit ins Land, wo die Zitronen blüh’n, sondern eben auch uns selbst, mit all unseren Schründen, Macken und Sorgen. Es ist nicht in jedem Fall ein Genuss, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen – ob es nun mit dem „Dübener Ei“ zum Campen an den Balaton ging oder mit dem Bulli über den Brenner, kochendes Kühlwasser und gerissene Keilriemen inklusive.

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Reisen mit dem Bulli wird in Corona-Zeiten wieder beliebter. © Quelle: Axel Heimken/dpa

Heilserwartungen an jene Tage im Sommer

Die Heilserwartungen an jene Tage im Sommer sind von jeher fast immer unerfüllbar hoch. Trotzdem sei diese „im Kern romantische, seltsam nutzlose Form des Reisens“ seit Jahrzehnten ein „Leitfossil der Moderne“, sagt der Tourismusforscher Hasso Spode – als Utopie auf Zeit.

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Geboren wurde der Tourismus, die heute größte Dienstleistungsbranche der Welt, aus der „Grand Tour“ der Renaissance, als französische Jungadelige im 18. Jahrhundert zur Erweiterung ihres Horizonts Bildungsreisen unternahmen. Das Bürgertum eiferte den Privilegien des Adels nach, immer im Geiste jenes Kulturleitsterns, der im Herbst 1786 mit seiner Kutsche schon den Brenner nahm: Goethe. Im westdeutschen Wirtschaftswunder dann, frisch gesättigt nach der „Fresswelle“, startete das Land in die massenhafte „Reisewelle“, die seither nie mehr abebbte. „Deutschlands Sonne scheint in Italien!“, schrieb die „Illustrierte Revue“.

Bilder und Lieder der frühen Reisejahre sind Legende

Die Bilder und Lieder der frühen Reisejahre sind Legende. „Komm ein bisschen mit nach Italien“, warb Caterina Valente 1956, da waren Rudi Schurickes „Capri-Fischer“ schon tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Italiens Regierung lockte die Deutschen mit Benzingutscheinen. „Italien überfüllt!“, meldete der „Rheinische Merkur“ 1954. Riesige Zeltlager am Gardasee, Postkarten aus dem Paradies, die Geburtsstunde eines Mythos: Der Traum vom ziellosen Dösen in der Sonne wurde für jedermann erschwinglich.

Und im Osten? Dort nahm das staatliche Erholungswesen allmählich den Betrieb auf, errichtete FDGB-Ferien­heime an der Ostsee und im Harz. Schon bei der Staatsgründung 1949 war das Recht auf Urlaub Teil der DDR-Verfassung, viel früher als in der BRD. Reisen an den Plattensee oder die bulgarische Schwarzmeerküste aber gab es zumeist nur für verdiente Staatsbürger. Stattdessen ging es massenhaft in den Thüringer Wald, die Sächsische Schweiz, auf den Darß, nach Rügen, Usedom oder Hiddensee. Der Staat subventionierte die Erholung der Werktätigen üppig, doch die wenigsten Reiseanträge wurden genehmigt. Die Alternative: Camping. Die DDR: ein Zelterparadies. „Du hast den Farbfilm vergessen“, schmollte Nina Hagen unvergessen 1974.

Unerfahrene Touristen mussten sich erst in der Fremde zurechtfinden

Doch die unerfahrenen Touristen in Ost wie West mussten erst lernen, sich in der Fremde zurechtzufinden. „Lassen Sie Ihre Kinder nicht an der Tankstelle stehen“, riet in den Sechzigerjahren umsichtig die Verkehrssendung „Der 7. Sinn“. Dreieinhalb Millionen Deutsche rollten schon 1955 nach Italien; die meisten im Zug („Der Kluge reist im Zuge“), Hunderttausende im Käfer, im Opel Olympia Rekord, im Volkswagen „T1 Samba“, dem Bulli, mit Westfalia Campingbox und Türregal.

Spott über die BRD-Italomanie gab es früh: „Das deutsche Ferienwunder kurvt heran“, lästerte Jürgen Neven-du Mont, Autor und Chefreporter des Hessischen Rundfunks, in einem ironischen Fernsehbeitrag von 1956. Er zeigte Alpenstaus, zugeparkte Fischerhäfen und kichernde Urlauber beim Spaghettidrehen und zitierte aus Gästebüchern aus Malcesine am Gardasee: „Was Goethe kann, kann ich schon lange.“ Eroberungstriumphe des kleinen Mannes.

Flug von Düsseldorf nach New York kostete 1959 rund 6000 D-Mark

Fliegen? Utopie. Ein Flug von Düsseldorf nach New York kostete im Jahr 1959 rund 6000 D-Mark, ein VW Käfer dagegen 4400 D-Mark. Erst mit dem Düsenjet 1971 sanken die Flugpreise, Mallorca war plötzlich näher als Sylt. Es war der Urknall der Massenfliegerei. Vor der Pandemie – also 65 Jahre, nachdem 1956 die erste Vickers-Viking-Propellermaschine der LTU in Palma de Mallorca gelandet war, wo Esel noch Mühlräder drehten und die Strände weiß und leer waren – stand der globale (Billig-)Flugverkehr zuletzt vor dem Kollaps.

Mallorca. Auch das war Liebe auf den ersten Blick. Die Pauschalreise, erfunden 1841 vom britischen Baptistenprediger Thomas Cook, passt wie angegossen zu den Glückserwartungen der Deutschen zwischen Erlebnis und Sicherheit: Sie suchen das Vertraute im Unvertrauten. Vorsichtige Welterkundung mit deutschsprachiger Reiseleitung, Filterkaffee und Graubrot im Gepäck. Neckermann macht’s möglich.

Sandalen und weiße Socken!

Es ist ein Paradoxon: Der Deutsche fährt zwar gern ins Ausland, beömmelt sich dort aber leidenschaftlich über seinesgleichen („Behüt‘ uns Gott vor Sturm und Wind / und Deutschen, die im Ausland sind“). Sandalen und weiße Socken! „Bild“ und Pumpernickel! Das Bildungsbürgertum schüttelte resigniert den Kopf über die kulturlosen Massen, die da herandrängten. „Der Tourist zerstört, was er sucht, in dem Moment, wo er es findet“, tadelte Hans Magnus Enzensberger 1957.

Eine Lagerhalle in Hannover. Hier stehen die automobilen Helden jener Zeit. Volkswagen hat mehr als 50 Bullis aller Generationen restauriert, gesammelt, gepflegt. Auch „Henrik der Rote“ steht hier, ein T1-Camper von 1962 mit voller Campingausrüstung und 34 PS, jüngst von Playmobil als Modell nachgebaut. Damit über die Alpen? „Der schafft alles“, sagt Tobias Twele, bei Volkswagen zuständig für das historische Erbe. „Die Frage ist nur, in welchem Tempo.“ Im Führerhaus befinden sich vier Haken – für eine einhängbare Kinderkoje. Der Bulli ist, neben dem Käfer, das Auto, das alle eskapistischen Träume in sich bündelt. Warum? Weil er leicht zu reparieren und hübsch anzupinseln war. „Und weil er jeden zum Lächeln bringt“, sagt Twele. „Vielleicht liegt das an diesem freundlichen Gesicht mit den Kulleraugen.“ Ein Auto für Hippies und Häuslebauer gleichermaßen.

Das Campen boomt wieder

Camping wie hier in Magdeburg boomt wieder. © Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra

Heute boomt das Campen wieder. Die vorsätzliche Reduktion des überladenen Lebens auf das Notwendige hat in der modernen Überflussgesellschaft einen neuen Reiz bekommen. Weniger ist mehr. Bewusstem, verantwortungsvollem, individuellem Reisen gehört die Zukunft. Corona hat den Reisemarkt erschüttert. Ein Fünftel der Weltbevölkerung saß vor Corona mindestens einmal jährlich auf gepackten Koffern, Tendenz stark steigend. Aber wie viele Flughäfen verkraftet der Planet? Wie viele Flüge der Himmel? Wer will an 14-Tage-All-inklusive für 400 Euro noch verdienen? Wie viele Kreuzfahrtschiffe schieben sich noch vor Venedig, bis die Stadt in der Lagune versinkt?

Gemessen am milliardenschweren, auch zerstörerischen Massentourismus der Gegenwart wirkt die alte, deutsche Reisewelle beschaulich und unschuldig. Sie wollten gar nicht auf die Malediven damals, die krebsroten, stolzen Pioniere in der Isetta mit ihren Luftmatratzen und Strohhüten. Sie wollten auch nicht zum Grand Canyon, auf die Osterinseln oder nach Kenia. Sie wollten nur einmal sehen, wie bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt.

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