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Social Distancing: Warum die Coronapause für introvertierte Menschen ein Geschenk ist

  • Rund ein Drittel der Bevölkerung gilt als introvertiert.
  • Doch in der Gesellschaft und Arbeitswelt haben die leisen Persönlichkeiten meist das Nachsehen.
  • Der Shutdown durch das Coronavirus ändert diese Situation grundlegend – Homeoffice und Social Distancing sei Dank.
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Hannover. Dass irgendetwas anders ist, merken introvertierte Menschen meist schon in der Grundschule. Während es anderen Klassenkameraden überaus leicht fällt, bei jeder x-beliebigen Frage des Lehrers sofort den Finger zu heben, bleiben sie im Unterricht lieber still. Die Wissenschaft geht davon aus, dass rund ein Drittel der Bevölkerung dieses Phänomen kennt und ein Leben lang mit sich herumträgt: Rund ein Drittel der Bevölkerung gilt als introvertiert.

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung hat die Begriffe Introversion und Extroversion im Jahr 1921 erstmals zur Beschreibung der Persönlichkeitseigenschaften genutzt. Nach seiner Definition wenden introvertierte Menschen ihre Aufmerksamkeit und Energie stärker auf ihr Innenleben – während Extrovertierte dies eher nach Außen tragen.

Oder im Klartext: Während extrovertierte Menschen liebend gern socializen, ihr Umfeld unterhalten, auf Partys und in Kneipen herumtänzeln und ihr Privaltleben in die Welt posaunen, machen Introvertierte das alles lieber mit sich selbst aus. Sie verbringen ihre Freizeit lieber in kleinsten Gruppen, mit engen Freunden oder gar allein, statt in überfüllen Kneipen oder auf Großveranstaltungen. Sie tanken Energie in der Stille und fühlen sich von großen Menschenmassen schnell gestresst.

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Tief gehende Gespräche, kein Smalltalk

Jennifer B. Kahnweiler hat vor einigen Jahren das Buch “Die Stärken der Stillen” über introvertierte Arbeitnehmer und Manager geschrieben. Sie definiert ihre Rolle darin so: Ein Introvertierter denkt erst und spricht später. Er reflektiert lieber gründlich, was andere sagen und denken, bevor er oder sie sich zu Wort meldet.

Introvertierte fokussieren sich laut ihrer Beschreibung zudem eher auf Tiefe, weniger auf Glanz und Glorie. Sie bevorzugen die gründliche Analyse sowie tief gehende Gespräche statt Smalltalk. In der Gesellschaft und Arbeitswelt würden diese Eigenschaften jedoch häufig fälschlicherweise als Schüchternheit oder Abneigung gegenüber anderen aufgefasst.

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Dass man es als Introvertierter in der Berufswelt durchaus schaffen kann, zeigen einige berühmte Beispiele: Physiker Albert Einstein, Schriftsteller Marcel Proust, Microsoft-Gründer Bill Gates, Regisseur Steven Spielberg – sie alle gelten als eher stille, zurückhaltende Menschen.

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Die Arbeitswelt behindert Introvertierte

Und dennoch ist das Bildungs- und Arbeitsleben schlichtweg nicht auf das stille Drittel der Bevölkerung ausgelegt. Das ideale Arbeitstier gilt nun mal als gesellig, als risikofreudig, als belastbare Kommunikationsmaschine. Da bleibt für die stillen Zwischentöne wenig Platz.

All das fängt, um noch mal auf den Anfang dieses Textes zurückzukommen, schon in der Schule an. Hier bekommen ruhigere Kinder häufig schlechtere Noten, weil sie sich im Unterricht weniger mitteilen – dabei aber keineswegs dümmer sind als ihre extrovertierten Mitschüler. Einige Pädagogen haben inzwischen begriffen, introvertierte Schüler mit anderen Konzepten, etwa Kreativarbeiten, zu fördern – doch vielerorts bleiben Betroffene schlicht das “schüchterne Kind” mit der schlechten mündlichen Note.

Das Phänomen setzt sich im Arbeitsalltag fort: Manch eine Führungskraft verkennt das Talent eines Introvertierten, weil es ihm schlichtweg nicht gelingt, sich in den Vordergrund zu drängen – während ihn seine extrovertierten Kollegen schnell überstrahlen und in den Schatten stellen.

Großraumbüros wurden für Extrovertierte entwickelt

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All das kommt nicht von Ungefähr: Bereits 1994 bewies der Psychologe Howard Giles, dass man Menschen, die schnell und laut sprechen, als kompetenter und sympathischer wahrnimmt, als klüger, besser aussehend und interessanter. Ein Muster, das sich bis heute unbewusst festgesetzt hat.

Die Autorin Susan Cain merkt in ihrem Buch “Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt” kritisch an: “Wenn wir davon ausgehen, dass stille und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen.”

Doch es ist nicht nur das Miteinander in der Arbeitswelt, das Introvertierte immer wieder vor Probleme stellt – es sind auch die Strukturen. In den allermeisten Fällen begünstigen sie den Extrovertierten und behindern den Introvertierten. Zu nennen wäre hier beispielsweise das Großraumbüro: Eine Spielwiese der Glückseligkeit für jeden Extrovertierten – eine Behinderung der eigenen Leistungsfähigkeit für den Introvertierten.

Wie Corona plötzlich die Regeln ändert

Ein Ereignis, das die Arbeitswelt der Lauten gerade gehörig auf den Kopf stellt, ist ausgerechnet die Coronakrise. Denn plötzlich sind es die Introvertierten, die von der eigentlich so bedrohlichen Situation massiv profitieren – und mit dieser womöglich sogar deutlich besser umgehen können als ihre extrovertierten Freunde und Arbeitskollegen.

Durch die Pandemie und ihre Folgen kommt das gesellschaftliche Leben nahezu zum erliegen. Betriebe ordnen Homeoffice an, Ärzte raten zum Social Distancing. Und während viele Extrovertierte schon nach wenigen Tagen mit Lagerkollererscheinungen oder gar Panik zu kämpfen haben, ist eine solche “Coronapause” für viele Introvertierte fast schon ein Geschenk.

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Auf Twitter entwickelte sich nach den ersten Meldungen zum Social Distancing ein kleines selbstironisches Meme. “Für diesen Moment habe ich mein ganzes Leben trainiert”, schreibt etwa die Nutzerin Anna Rasmussen, die sich selbst als introvertiert bezeichnet.

“Bitte praktizieren Sie Social Distancing”, zitiert Richard Dean die Behörden. “Praktizieren? Wir Introvertierte haben es PERFEKTIONIERT”, schreibt er.

Die erfolgreiche Unternehmerin Rebecca Enonchong merkt an: “Events gecancelt, von Zuhause arbeiten, Social Distancing, Selbstquarantäne: Das ist das Paradies für Introverierte. Coronavirus hat auch seine Vorteile.”

Eine völlig neue Arbeitswelt - auch nach der Krise?

Die Tweets sind selbstverständlich nicht ganz ernst gemeint – dennoch haben introvertierte Menschen erwiesenermaßen ein Problem mit lauten Umgebungen voller Menschen. “Das Ausmaß an Reizen, die Extrovertierte als angenehm empfinden, kann Introvertierte überwältigen”, weiß etwa der Psychologieprofessor Colin DeYoung von der University of Minnesota. Experimente seines Instituts an Studenten haben gezeigt: Introvertierte lernten am besten in ruhiger Umgebung; Extrovertierte konzentrieren sich besser, wenn es lauter ist.

Corona könnte nun möglicherweise ein wichtiges Signal an die Arbeitswelt senden – auch nach der Krise. Denn durch das zwangsläufige Einführen des Homeoffice dürften viele Arbeitgeber bemerken, dass es mehr als nur ein Konzept für gute Zusammenarbeit geben kann. Mehr als nur das Konzept der Lauten. Und dass Arbeitnehmer möglicherweise zu ganz anderen Hochleistungen auflaufen, wenn man ihnen entsprechende Freiheiten erlaubt.

Welche Leistungen das sein können, erklärt auch Jennifer B. Kahnweiler in ihrem Buch: Introvertierte strahlen Ruhe aus. Vor allem in Krisenzeiten oder bei Problemen neigen sie nicht zu Aktionismus und Ad-Hoc-Entscheidungen, sondern bleiben eher besonnen und gewissenhaft. Und was könnte man in Zeiten wie diesen besser gebrauchen als besonnene, gewissenhafte Menschen? Eben.

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