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  • Silvester: Böllern ist nicht Freiheit, sondern Freiheitsbeschränkung - Mehrheit für Verbot

Böllern ist nicht Freiheit, sondern Freiheits­beschränkung

  • Jedes Jahr brennen durch verirrte Silvesterraketen ganze Häuser, Wohnungen oder Firmengebäude ab, zahlreiche Unbeteiligte werden verletzt.
  • Währenddessen jazzen Pyromantiker auf Twitter die Silvesterknallerei zur Freiheitsdebatte hoch.
  • Matthias Schwarzer hält die Diskussion für billig – und das Böllern eher für eine Freiheits­beschränkung.
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Hannover. Sollte die Pandemie irgendwann enden, so wird eine Diskussion sicherlich bleiben: Soll das Silvester­feuerwerk zum Jahreswechsel in deutschen Städten erlaubt bleiben? Oder sollte es nicht besser flächen­deckend verboten werden wie (zumindest teilweise) schon in den vergangenen beiden Corona-Jahren?

Seit Jahren stehen sich in dieser Frage zwei Gruppen offenbar unversöhnlich gegenüber. Diejenigen, die zum Jahreswechsel ihr halbes Erspartes in die Luft schießen, oder sich das Feuerwerk zumindest gerne angucken – und diejenigen, die inständig hoffen, möglichst nicht von irgendeinem Hobbypyromanen am letzten Tag des Jahres in die Luft gejagt zu werden.

Und eigentlich wäre die Frage nach dem Böllerverbot ziemlich schnell beantwortet: Die Mehrheit der Bevölkerung hat nämlich inzwischen keine Lust mehr auf die Knallerei, das zeigt sich Jahr für Jahr in Umfragen.

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Feuerwerk, Wachsgießen, „Dinner for One“: Bräuche und Traditionen an Silvester
2:12 min
Silvester steckt voller Traditionen. Woher diese stammen und wie der Jahreswechsel in anderen Teilen der Welt gefeiert wird.  © RND

Mehrheit der Bevölkerung will Böllerverbot

Im Dezember beispielsweise stellten sich laut einer Befragung des Meinungs­forschungs­instituts YouGov im Auftrag der dpa 66 Prozent hinter das coronabedingt beschlossene Verkaufs- und Böllerverbot. Und wer glaubt, das hätte nur mit der Pandemie zu tun, der irrt: Schon 2019 sprachen sich in einer YouGov-Umfrage, damals im Auftrag des RND, 57 Prozent der Befragten für ein Böllerverbot aus.

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Auch sonst gibt es wenig gute Gründe, am Silvester­feuerwerk festzuhalten – außer vielleicht die bunten Farben und lauten Geräusche. Jahr für Jahr kommt es wegen der Knallerei zu Verletzungen oder sogar Todesfällen. Mal werden Kinder von Böllern getroffen und erleiden schwere Gesichts­verletzungen, mal sterben Erwachsene, weil sie sich selbst illegale Böller zusammenbauen. In den Niederlanden starb am Freitag ein Zwölfjähriger, der bei der Böllerei eines Erwachsenen einfach nur zusehen wollte.

Die Folgen für die Umwelt sind enorm: Noch Wochen nach Silvester liegt überall der Böllerschrott in der Natur, Haus- und Wildtiere reagieren panisch auf die Knallerei, von der Fein­staub­belastung mal ganz zu schweigen.

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Jedes Jahr brennen Häuser

Und, was manchmal etwas in Vergessenheit gerät: Jedes Jahr brennen wegen des Silvester­feuer­werks ganze Häuser, Wohnungen oder Firmengebäude ab. Die Stadt Oberhausen im Ruhrgebiet verlor im Jahr 2013 ihren beliebten Irish Pub, weil eine Rakete das Reet­dachh­aus traf und es bis auf die Grundmauern abbrannte. In Schleusingen in Thüringen brannte ein historisches Haus in der Altstadt wegen einer schräg gestarteten Rakete. In Hagen (NRW) passierte im Jahr 2019 ähnliches mit einem Privathaus.

Im Münsterland landete ebenfalls 2019 eine Silvesterrakete auf dem Balkon einer Familie – das Gebäude brannte vollständig ab. In Duisburg flogen ein Jahr später Silvester­raketen durch das offene Fenster einer Wohnung – die Bewohner mussten mit einer Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. Und im Alp-Donau-Kreis in Baden-Württemberg brannte eine Silvesterrakete 2018 eine ganze Scheune nieder. Keiner der Besitzer oder Mieter hat diese Vorfälle selbst verschuldet – sie alle sind unbeteiligte Opfer einer Silvester­nacht.

All diese Tragödien und Einzel­schicksale wären eigentlich schon Grund genug, das Silvester­feuerwerk umgehend und ohne weitere Diskussionen zu beenden – nur offenbar haben wir uns an diese negativen Begleit­erscheinungen des Jahreswechsels einfach gewöhnt. Brennende Häuser, Verletzte und Tote sind das „bisschen Schwund“, das der fröhlich-bunte Jahreswechsel nun mal mit sich bringt.

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Und seit Beginn der Pandemie mischt sich in die Diskussion um ein Böllerverbot noch eine ganz andere Erzählung: Die Erzählung von der „Freiheit“.

Freiheitskämpfer auf Twitter

Auf Twitter, dem Sprachrohr aller möglichen Quatschideen, twittern sich seit ein paar Tagen Pyromantiker und selbst ernannte Freiheits­kämpfer um Kopf und Kragen. Die Erzählung von der „Freiheit“ passt nur zu gut in diese Zeit: Nach zwei Jahren corona­bedingter Verbote gibt es offenbar keinen besseren Anlass, als eine Freiheits­debatte ausgerechnet am Beispiel des völlig unnützen Silvester­feuerwerks zu führen.

Ju-Li-Influencer Benedikt Brechtken beispielsweise meint „Böllern ist Freiheit“, während CDU-Politikerin Karin Prien in der Silvesternacht „ziemlich viel bürgerliche Freiheit am Firmament“ sieht. FDP-Mann Martin Hagen lässt sich in der „Bild“-Zeitung demonstrativ mit seinen 2019 gehorteten Silvester­raketen ablichten und „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt, ebenfalls großer Verfechter seiner ganz eigenen Freiheitsinterpretation, twittert zum Jahreswechsel trotzig: „alle böllern. herrlich. frohes, neues jahr!“

Auch dessen „Chefreporterin Freiheit“, Anna Schneider, ist wieder dabei – sie adressiert einen Tweet zum Böllerverbot an alle „Freiheitsignoranten“. Und für „Bild“-Reporter Ralf Schuler ist das Böllern nicht nur Freiheit, sondern gar „ein Zeichen für das Leben!“. Erst das Verbot mache „das Böllern zum Statement. Wenn es wirklich um Corona ginge, müsste man ein Scrabble- und Brettspiel-Verbot erlassen …“.

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Man gefährdet nicht nur sich selbst

Und gerade, wenn man sich fragt, wie billig eine Debatte eigentlich noch geführt werden kann, wird klar: Für Vertreter dieser Logik ergibt sie wahrscheinlich wirklich Sinn. Bürgerinnen und Bürger sollen mündig entscheiden können, ob sie zum Jahreswechsel etwas in die Lüfte schießen oder nicht. Und zu dieser Freiheit gehört im Zweifel nunmal auch, sich selbst eine Rakete ins Gesicht zu jagen oder sie in der offenen Hand explodieren zu lassen.

Der Denkfehler dieser Argumentation: Das zerschossene Gesicht und die zerfetzte Hand werden in der Regel nicht selbst von den selbst ernannten Freiheits­kämpfern wieder zusammengeflickt, sondern von Rettungskräften, die sich Jahr für Jahr die Silvester­nächte um die Ohren schlagen müssen – als hätten sie nicht ohnehin genug zu tun.

Und, wie wir bereits gelernt haben: Es bleibt eben nicht bei den Gefahren für das eigene Leben. Während die einen auf der Straße und im Garten ein bisschen zu schräg Raketen in Nachbars Hecke schießen, hoffen die anderen, dass ihr Wohnraum diesmal von einer Silvester­rakete verschont bleibt, während der Hund unter dem Sofa vor lauter Panik einen halben Herzinfarkt bekommt.

Eher eine Freiheits­beschränkung

Für die einen mag das Böllern Freiheit bedeuten – für den anderen, sehr großen Teil der Bevölkerung, stellt es eine Freiheitsbeschränkung dar. Die Freiheit endet nun mal dort, wo das Haus des anderen anfängt zu brennen. Diese Diskrepanz lässt sich nur durch eindeutige Regeln lösen, wie sie auch bei allen anderen gefährlichen Dingen üblich sind.

Ein generelles Böllerverbot wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre, das Böllern zumindest für Privatleute zu verbieten und es in die Hände von Profis zu geben. Professionelle Feuerwerke an ausgewählten Plätzen machen den Jahres­wechsel ebenfalls bunt, aber deutlich weniger gefährlich.

Und der Umwelt zuliebe stellt man dann künftig auf Licht- und Drohnenshows um. Irgendwann, in ein paar Jahren, wenn die letzten Schreie der selbst ernannten „Freiheits­kämpfer“ verklungen sind.

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