Silvester 1989: Einmal waren wir eins

  • Nie wieder war die deutsche Einheit so mit Händen greifbar wie in der Silvesternacht 1989 vor dem Brandenburger Tor.
  • Unsere Autorin hat damals mitgefeiert.
  • Sie erinnert an eine einzigartige Nacht direkt vor der Berliner Mauer – mit Gedränge, Sekt und dem Gefühl der Verbundenheit
Stefanie Gollasch
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War es wirklich Rotkäppchen-Sekt? Irgendjemand hatte mir einen Schluck aus seiner Flasche in meinen Plastikbecher gegossen, in meiner Erinnerung war es der Ost-Sekt, und prostete mir jetzt fröhlich zu. Ein völlig Fremder, aber das war egal in dieser Nacht: der ersten Silvesternacht nach der Wende, im Herzen Berlins – direkt vor dem Brandenburger Tor.

Ein paar Wochen zuvor stand ich an meinem Bügelbrett in meiner münsterschen Studentenbude und brannte fast ein Loch in die Bluse: Im Fernseher, der nebenbei lief, sagten sie plötzlich etwas von geöffneten Grenzübergängen in Berlin! Sofort rief ich meinen Freund an, der in Berlin lebte. „Ich sehe das auch gerade, ich gehe jetzt raus und gucke mal, was da los ist“, sagte er. Spät in der Nacht rief er wieder an und beschrieb, was er erlebt hatte: die jubelnden Menschen, die in ihren Trabis über den Ku’damm fuhren, die ganze Stadt in euphorischem Aufruhr. Wir beschlossen, dass ich so bald wie möglich kommen sollte, um mir das selbst anzusehen. Das war jetzt auf jeden Fall wichtiger als Vorlesungen und Hausarbeiten. Das war historisch.

... dass Bruce Springsteen noch zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin auftrat? Die SED hielt den „Boss“ für antikapitalistisch genug, um ihn in der Radrennbahn Weißensee mit seiner E-Street-Band spielen zu lassen. 200 000 Zuschauer kamen 16 Monate vor dem Mauerfall zu diesem für viele unvergesslichen Konzert. Ab und an wird behauptet, dieser Auftritt habe geholfen, die Mauer einzureißen. Doch mit dem Ende der deutsch-deutschen Teilung wird musikalisch weniger Springsteen in Verbindung gebracht als Westernhagens „Freiheit“ und David Hasselhoffs „Looking for Freedom“.  @ Quelle: J.P.Gandul/EFE/dpa
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Meterlange Schlangen vor den Telefonzellen

Wenige Tage später wuchtete ich am Bahnhof Zoo meinen Koffer aus dem Zug – und traute meinen Augen nicht: Der Bahnhof quoll über vor Menschen, mein eleganter Plan, meinen Freund anzurufen und mitzuteilen, dass ich angekommen bin und abgeholt werden kann, scheiterte an den viele Meter langen Schlangen vor den Telefonzellen. Genauso sah es am Taxistand aus, also schleppte ich mich und meinen Koffer über den Breitscheidplatz, links vorbei an der Gedächtniskirche, hinterm Europa-Center lang und hinein in die Budapester Straße, an deren Ende mein Freund wohnte.

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Rund zwei Wochen blieb ich dann in der Stadt, und wir schwelgten mit vielen anderen in diesem irren neuen Gefühl von Freiheit und Offenheit. Kurz nach Weihnachten 1989 fuhren wir aus unserem gemeinsamen Heimatdorf bei Peine wieder gen Osten – dieses Mal im Auto und zum ersten Mal ohne dieses mulmige Gefühl, wenn der Grenzübergang Helmstedt/Marienborn in Sicht kam. Wie oft hatten wir hier in der Autoschlange darauf gewartet, dass unsere Pässe durch die von Abgasen graue Pipeline ins Kontrollhäuschen rumpelten, wir sie wieder ausgehändigt bekamen und die öde Fahrt über die Transitstrecke antreten konnten. Jetzt konnten wir plötzlich einfach durchrollen, der Grenzer winkte kurz, das war’s.

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Wir gehören alle zusammen, nichts trennt uns jetzt mehr.

Berlin brauste immer noch in seiner frisch erworbenen Glückseligkeit. Und je näher der Jahreswechsel rückte, desto klarer wurde uns: Für diesen historischen Abend gibt es genau einen place to be – die Mauer direkt vorm Brandenburger Tor. Am Silvesterabend machten wir uns gegen 22 Uhr auf den Weg, schön warm eingepackt, es war feuchtkaltes Wetter. Wir marschierten zur Siegessäule und dann nach rechts auf die Straße des 17. Juni, an deren Ende das Brandenburger Tor prangt. Eine gewaltige Menschenmenge hatte sich dort bereits versammelt, und alle strebten Richtung Mauer, die auf der Westseite des Bauwerks im Bogen um den Platz davor herumführte. Aber obwohl es so voll war, konnten wir problemlos immer weiter nach vorn gehen. Jeder machte dem anderen Platz, lächelte freundlich, und viele verständnisinnige Blicke wurden getauscht: Wir gehören alle zusammen, nichts trennt uns jetzt mehr.

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Überall wurden bereits jetzt Feuerwerksraketen gezündet, viele hatten auch schon Sekt- oder Champagnerflaschen geöffnet. Je weiter wir nach vorne kamen, desto besser konnten wir sehen, was dort passierte: Zahlreiche Menschen hatten die Mauer, die hier besonders breit war, erklommen, tanzten, sangen und tranken dort oben. Und dann sahen wir auch die Wagemutigen, die sogar auf das Brandenburger Tor geklettert waren. Viel später erfuhren wir, dass sie dafür ein Gerüst für eine Leinwand des Ost-Fernsehens genutzt hatten – und dass das Gerüst irgendwann zusammenbrach, weit mehr als 100 Menschen verletzt wurden und ein Mensch sogar starb. Auch die Quadriga bekam allerhand ab in dieser Nacht, sie wurde so stark beschädigt, dass sie später aufwendig saniert werden musste.

Die „Spechte“ stemmten Brocken aus der Mauer

Das alles haben wir auf der West-Seite ebenso wenig mitbekommen wie das beklemmende Gedränge, das östlich der Grenze auf dem durch die Mauer begrenzten Platz vor dem Tor herrschte. Auf unserer Seite konnte man beidseitig in den Tiergarten ausweichen, entsprechend entspannt war die Lage. Wir hatten es jetzt fast bis auf Griffweite vor die Mauer geschafft, konnten die „Spechte“ sehen, die versuchten, aus dem extraharten Beton kleine Gedenkbrocken herauszustemmen. Wie die meisten hatten auch wir Plastikbecher und eine Flasche Sekt dabei, die wir jetzt köpften. Wir prosteten uns zu und freuten uns, dass wir genau jetzt genau hier waren.

© Quelle: Stefanie Gollasch

Und da, mitten in einer Menge von lauter Fremden, goss uns jemand Sekt in unsere halb leeren Becher. „Frohes neues Jahr!“, rief er lachend und umarmte erst mich, dann meinen Freund. Ich erinnere mich nicht mehr, wie er aussah, nur, dass er ungefähr in unserem Alter, also in den Zwanzigern, war. Ganz genau weiß ich aber noch, dass dieser Moment die ganze Magie dieser Nacht in sich bündelte. In diesen Stunden lagen wir uns im übertragenen und im Wortsinn alle in den Armen, glaubten: Wenn wir diese Schreckensmauer da vorn so folgenlos erklimmen können, dann ist es geschafft, dann sind wir eins. Den Countdown zu Mitternacht brüllten wir alle mit, das minutenlange Feuerwerk danach hüllte das ganze Gelände in dichten Rauch, was die Szenerie nur noch surrealer wirken ließ, als sie nach so vielen Jahren der Trennung ohnehin schon war.

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Weit nach Mitternacht machten wir uns auf den Fußmarsch nach Hause, durchgefroren und erschöpft, zugleich aber durchdrungen von diesem einmaligen Abend. Wir haben später noch oft davon gesprochen, die verschwommenen Bilder angesehen, die wir geknipst hatten, und uns an dieses überwältigende Gefühl der Verbundenheit, ja fast Vertrautheit in dieser riesigen Menschenmenge erinnert. In diesen Stunden war die Einheit der beiden halben Deutschlands mit Händen greifbar, sie war da. Wie traurig, dass es uns nicht gelungen ist, sie festzuhalten.

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30 Jahre Mauerfall: „Das ist unser Traum von Deutschland“
2:34 min
In diesem Jahr jähren sich die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall zum 30. Mal. Am 9. November 1989 wurde Berlin wieder eins.  © RND

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Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.