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Sexuelle Belästigung an Schulen: Britische Lehrkräfte fühlen sich hilflos

  • Seit Monaten wird in Großbritannien über eine „rape culture“ (deutsch: Vergewaltigungskultur) an Schulen und Universitäten diskutiert.
  • Laut einer neuen Studie ist knapp ein Drittel der Lehrkräfte nach eigenen Angaben bereits selbst Zeuge von Übergriffen unter Schülerinnen und Schülern geworden.
  • Sie fühlen sich unzureichend vorbereitet und in vielen Fällen hilflos.
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London. Der Lehrer kontrollierte das Telefon eines Schülers und stieß plötzlich durch Zufall auf mehrere Bilder von verschiedenen Mädchen, ohne dass er deren Gesichter erkennen konnte. Der Junge hatte diese heimlich unter dem Rock fotografiert, eine der Abgebildeten konnte als 14-jährige Mitschülerin identifiziert werden. Der Lehrer schlug Alarm, die Polizei unterrichtete die Eltern des Mädchens. Die zeigten sich schockiert. Doch es ist kein Einzelfall, sexuelle Gewalt scheint Alltag an britischen Schulen und Universitäten, wie etwa die Initiative Everyone’s Invited zeigt.

Auf deren Internetseite erzählten in den vergangenen Monaten Zehntausende Betroffene, darunter zahlreiche Schülerinnen, anonym von ihren oft verstörenden Erfahrungen, von sexueller Belästigung, von frauenfeindlichen Äußerungen, vom Veröffentlichen intimer Fotos, von Punktesystemen für die Bewertung sexueller Leistung. Das Ausmaß erschüttert. Und die Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich laut einer neuen Umfrage hilflos und nicht ausreichend vorbereitet, um mit solchen Übergriffen zwischen Schülerinnen und Schülern umzugehen.

Hotline für Opfer erhielt Hunderte Anrufe

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Für die Studie im Auftrag von der Lehrergewerkschaft NASUWT und der BBC wurden mehr als 1500 Lehrerinnen und Lehrer befragt. Fast ein Drittel gab an, dass sie schon einmal Zeuge von sexueller Belästigung oder Missbrauch unter Schülern geworden sind. Rund jede zehnte Lehrkraft berichtete, dies geschehe jede Woche. Mehr als die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer kritisierte, die bislang vorgesehenen Prozesse für den Umgang mit Missbrauch seien nicht ausreichend. Nicht nur die Bildungseinrichtungen auf der Insel, auch die Politik steht unter Druck. Denn bereits seit Monaten sorgen Berichte aus Schulen, darunter Eliteeinrichtungen wie das Eton College oder die Westminster School, für Aufruhr.

Die Regierung richtete eine neue Hotline ein, mittels der sich Opfer an die Kinderschutzorganisation NSPCC wenden können. Seit deren Start im April erhielt die Charity Hunderte Anrufe. Laut NSPCC sind ein Drittel der Täter von sexuellem Kindesmissbrauch Gleichaltrige. Soma Sara, die Initiatorin der im vergangenen Jahr gegründeten Initiative Everyone’s Invited, prangerte schon vor einigen Wochen eine Normalisierung und Verharmlosung sexualisierter Gewalt an. Es herrsche in Großbritannien eine „rape culture“, eine Vergewaltigungskultur, die „jede Schule, jede Universität, das eigene Zuhause und die Gesellschaft“ durchdringe, kritisierte sie.

Fall Sarah Everard löste Debatte aus

Das Thema Gewalt gegen Frauen stand wochenlang im Fokus der Öffentlichkeit, nachdem die 33-jährige Sarah Everard im März auf ihrem Nachhauseweg im Süden Londons entführt und getötet wurde, mutmaßlich von einem Polizisten. Der Mord löste eine emotional geführte Debatte darüber aus, wie selbstverständlich es hingenommen wird, dass sich Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum nicht sicher fühlen. Etliche Menschen aus allen Teilen des Landes und allen Altersgruppen meldeten sich zu Wort, teilten ihre alltäglichen Ängste, wenn sie alleine im Dunkeln oder in einsamen Gegenden unterwegs sind. Und auch Schülerinnen und Studentinnen erzählten von ihren Erfahrungen in Schulen und Universitäten.

Bildungsminister Gavin Williamson bezeichnete die Vorfälle als „schockierend und schändlich“. „Eine Schule, ob sie nun unabhängig oder staatlich ist, sollte niemals ein Umfeld sein, in dem sich junge Menschen nicht in Sicherheit fühlen, noch weniger ein Ort, wo sexueller Missbrauch stattfinden kann.“ Er versprach, die Regierung werde „geeignete Maßnahmen“ ergreifen. Bislang scheinen diese nicht genug, wie die jüngste Lehrerumfrage zeigt.

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