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Sexualstraftäter mit “großen Plänen”: Das Leben des Christian B.

  • Christian B. gilt als Hauptdächtiger im Fall der verschwundenen Maddie McCann.
  • Sein Lebenslauf liest sich wie ein Krimi: Er wechselt unzählige Male den Wohnort, den Beruf, landet immer wieder im Gefängnis.
  • Konstanten gibt es wenige – außer Sex und Gewalt.
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Braunschweig. 13 Jahre nach dem Verschwinden von Maddie McCann gilt der inhaftierte Sexualstraftäter Christian B. als Hauptverdächtiger. Der 43-jährige Deutsche ist dringend tatverdächtig, etwas mit dem Verschwinden der damals dreijährigen Britin in Portugal zu tun zu haben. Die Braunschweiger Behörde hat ein Verfahren wegen des Verdachts des Mordes eingeleitet.

Christian B. ist kein Unbekannter – sein Vorstrafenregister ist lang: sexueller Missbrauch an Kindern, Körperverletzung, Drogenhandel, schwerer Diebstahl, Trunkenheit im Verkehr. Seit Dezember 2019 sitzt B. in der JVA Kiel in Haft. Er war zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden – wegen schwerer Vergewaltigung in Tateinheit mit räuberischer Erpressung.

Das Gerichtsurteil aus dem Jahr 2019, das dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt, offenbart: Nahezu B.s gesamtes Leben ist geprägt von enormer krimineller Energie. Er wechselt unzählige Male den Wohnort, den Beruf, landet immer wieder im Gefängnis. Konstanten gibt es wenige – außer Sex und Gewalt.

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Ein Weggefährte bezeichnet B. in einem Gespräch mit dem “Spiegel” als “einnehmend, dominant und gesellig”. B. wirke wie ein “hoffnungsloser Träumer, der immer große Pläne hatte”.

B. flieht vor Jugendstrafe nach Portugal

Laut dem Urteil wächst B. im Heim auf, beginnt nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung als KfZ-Mechaniker. Schon 1992 begeht B. seinen ersten Einbruch, es folgen mehrere Diebstähle. Wegen “Missbrauchs eines Kindes” sowie “Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind” steht B. erstmals im Jahr 1994 in Bayern vor Gericht. Um einer Jugendstrafe von zwei Jahren zu entgehen, bricht B. die Ausbildung ab und zieht ohne weitere Planung nach Lagos in Portugal.

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In den kommenden Jahren finanzieren sich B. und seine Freundin ihren Lebensunterhalt mit der Akquise von Werbekunden für eine deutsche Zeitung, später führt B. Montagearbeiten im Betrieb eines Bekannten durch. Weil er dort nicht wie erhofft Geschäftsführer wird, macht er sich zusammen mit seiner Freundin und einem weiteren Bekannten in Portugal selbstständig.

Doch der Plan geht nicht auf: B. wird in Portugal verhaftet, nach Deutschland ausgeliefert und die Vollstreckung der Jugendstrafe umgesetzt. Sein Bekannter drängt ihn derweil aus dem gemeinsamen Betrieb. Nach Absitzen der Strafe im Jahr 2000 steht B. vor dem Nichts. Seine Freundin hat sich inzwischen von ihm getrennt, er zieht zurück nach Portugal.

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Einbrüche in Hotelanlagen

In der kommenden Zeit hat B. mehrere Beziehungen zu Frauen, die aber immer nur wenige Jahre halten. Beruflich versucht er sich wieder mit der Anzeigenakquise und als Kellner. Zwischen 2002 und 2003 führt er zudem einen Autohandel.

Im Jahr 2005 begeht B. in Portugal eine brutale Vergewaltigung. Er überfällt eine 72-jährige Frau, fesselt, schlägt und missbraucht sie. Dann verschwindet er mit ihrem Geld. Die Ermittler kommen B. erst viele Jahre später auf die Spur.

2006 lernt B. einen Bekannten kennen, stiehlt mit ihm Diesel und Solarpaneele, um diese weiterzuverkaufen. Beide werden erwischt und dafür verurteilt.

Zu dieser Zeit steigt B. offenbar auch in Hotelanlagen ein und klaut. Einem Bekannten soll er erzählt haben, er klettere auch Fassaden hoch und sei schon in Zimmer gekrochen, in denen “jemand gepennt” habe, berichtet der “Spiegel”. Es ist die Zeit, in der auch Maddie McCann verschwindet.

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Plötzlicher Geldsegen

Nach Absitzen der Haft zieht es B. nach Dresden, dann nach Augsburg, dann wieder zurück nach Portugal, dann nach Hannover. Es ist ein Hin und Her. Irgendwann zu dieser Zeit besitzt B. offenbar auch viel Geld: Beim Einbruch in ein Haus an der Algarve findet er offenbar in einem Kleiderstapel Bargeld, berichtet der “Spiegel” und beruft sich auf einen Weggefährten B.s. Es sei eine große Summe gewesen. Neben einem Wohnmobil kauft sich B. ein verfallenes Fabrikgrundstück in Sachsen-Anhalt.

Während seiner Zeit in Deutschland wohnt B. auch in Schleswig-Holstein. Hier handelt er mit Drogen, begeht mehrere Diebstähle. Das Gericht in Niebüll verurteil B. im Jahr 2011 wegen “Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge” zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Diese wird später widerrufen und B. landete im Gefängnis.

Zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin betreibt B. im Jahr 2012 in Braunschweig einen Kiosk. 2013 vergreift er sich erneut an einem Kind: Wegen “sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Tateinheit mit Sichverschaffen und Besitz kinderpornografischer Schriften” verurteilt ihn das Amtsgericht Braunschweig später zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten.

Hat B. etwas mit Ingas Verschwinden zu tun?

Bei der Durchsuchung 2013 finden Ermittler auch einen Chat von B. mit einem anderen Mann. Darin kündigt er an, er wolle “etwas Kleines einfangen und tagelang benutzen”. Darauf erwidert sein Bekannter, dass das doch gefährlich sei. B. entgegnet: “Och, wenn die Beweise hinterher vernichtet werden.”

Im Jahr 2015 lebt B. in einem alten Haus in Sachsen-Anhalt. Zur selben Zeit verschwindet im Mai 90 Kilometer von seinem Wohnort entfernt die kleine Inga. Sie geht mit anderen Kindern bei einem Besuch des Diakoniewerks in den Wald, um Holz für ein Lagerfeuer zu suchen – und kehrt nie zurück. Ermittler nehmen an, dass B. auch mit Ingas Verschwinden zu tun haben könnte – bewiesen ist das allerdings noch nicht.

Im Jahr 2018, kurz nach seiner Haftentlassung, reist B. nach Italien, um dort Urlaub zu machen – er bewegt sich vier Wochen lang frei in Europa. Grund dafür ist offenbar eine Justizpanne. Dann wird er erneut festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Seit 2019 sitzt B. in Kiel im Gefängnis.

B., der “gesellige” Vergewaltiger

Während all dieser Zeit gibt es immer wieder Verbindungen zwischen B. und dem Verschwinden von Maddie. Immer wieder gerät er ins Visier der Ermittler, immer wieder verläuft sich die Spur. Schon 2013 beispielsweise meldet sich ein Tippgeber nach der Sendung “Aktenzeichen XY” und weist auf Christian B. hin. Doch der daraus resultierende Bericht der Braunschweiger Polizei an das Bundeskriminalamt bleibt folgenlos. Sehr zum Unverständnis der örtlichen Ermittler, wie es im Artikel des “Spiegel” heißt.

Im Dezember 2017 erhält das Bundeskriminalamt (BKA) zwei Hinweise von Scotland Yard im Fall Maddie. Einer lenkt den Verdacht auf Christian B. Ein Informant, wohl ein früherer Kollege aus Portugal, will ihn auf Phantombildern erkannt haben.

Was fehlt, sind bis heute Beweise. Das BKA veröffentlichte Bilder von einem VW Transporter und die Nummer des Handys, mit dem der Verdächtige am Abend von Maddies Verschwinden einen Unbekannten anrief.

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