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Selenskyj und die Klitschkos: Warum Menschen in Kriegszeiten Helden brauchen

Hunger nach Helden: Ein Graffitimotiv des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Stile von „Harry Potter“ an einer Wand in Polen.

Hunger nach Helden: Ein Graffitimotiv des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Stile von „Harry Potter“ an einer Wand in Polen.

Der Eine sitzt einsam in Goldpomp und Gloria an absurd großen Tischen; es sind Möbel wie horizontale Phallussymbole. Der Andere sitzt im olivgrünen T-Shirt vor einer wackeligen Handykamera. Der eine wirkt unnahbar, kalt und einsam in seinem perfekten Zwirn. Der andere wirkt übermüdet, mitfühlend und zerzaust wie ein tapferer Familienvater, der nach zehn Stunden im Büro noch schnell beim Schulelternabend auftaucht.

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Im Krieg der Bilder sind die Rollen in dieser Tragödie klar verteilt: hier der russische Potentat Wladimir Putin als dämonisch-neozaristischer Goliath hinter den dicken Mauern des Kreml. Dort der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj als tapfer ausharrender David auf den Straßen seiner im Feuer stehenden Hauptstadt Kiew. Monarchische Grandezza hier, reduzierter Pragmatismus dort.

Keine Einigung auf Waffenruhe: Gespräche zwischen Ukraine und Russland nicht erfolgreich

Verhandlungen über einen Waffenstillstand zwischen dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba und seinem Amtskollegen Sergej Lawrow sind gescheitert.

Hier der Diktator, der sich nicht aus seinem grotesken Palast traut. Dort der moderne Mann als Gleicher unter Gleichen draußen auf den Straßen.

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In Kriegs- und Krisenzeiten wächst der Hunger nach Helden. Je komplexer die Lage, desto größer die Sehnsucht nach Symbolfiguren, an denen die kollektiven Hoffnungen der Verzweifelten kristallisieren können. Nach menschlichen Leitsternen also, die im sinnlosen Irrsinn mit seinen Millionen einzelnen Grausamkeiten Orientierung geben. Es ist ein vertrauter gesellschaftlicher Mechanismus. Und stets sind es die Underdogs, die in Zuneigung baden, nie ihre übermächtigen Gegner.

Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.

Wolodymyr Selenskyj,

ukrainischer Präsident

Spätestens seit seiner bitteren, aber eben auch rotzcoolen Replik auf das Angebot der US-Armee, ihn aus Kiew in Sicherheit zu bringen („Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“), hat nicht nur sein eigenes Volk, sondern die gesamte westliche Welt Selenskyj zur Heldengestalt erkoren.

Er trifft den Ton. Er gibt nicht auf. Er riskiert alles.

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Und er ist der perfekte Gegenentwurf zur Steinhärte des Moskauer Despoten. „Ich bin hier. Wir werden nicht aufgeben“, sagt Selenskyj wieder und wieder. Ich bin hier. Seit Barack Obamas „Yes we can“ haben nicht mehr drei Worte eine solche Kraft entfaltet. Und Putin spricht Selenskyj direkt an wie einen Rüpel auf dem Pausenhof: „Ich beiße nicht. Ich bin ein ganz normaler Typ. Setz dich zu mir, sag mir, wovor du Angst hast.“

Symbolfiguren des ukrainischen Widerstandsmutes

Kein Held wird von selbst zum Helden. Es sind Menschen, die Menschen zu Helden erklären, weil sie Außeralltägliches vollbringen und mitten im Wahnsinn an die Möglichkeit der Menschlichkeit erinnern. „Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht“, hat William Faulkner geschrieben.

Selenskyj, Wladimir Klitschko, Vitali Klitschko und seine Frau Natalia, die in Deutschland um Hilfe für ihr Land wirbt, sind die Symbolfiguren des ukrainischen Widerstandsmutes. Ebenso wie jenes kleine Mädchen, das in einem Bombenkeller in Kiew mit klarer Stimme das Lied „Let It Go“ aus dem Disneyfilm „Die Eiskönigin“ sang.

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Die ohnmächtige, zum Zuschauen verdammte Welt hat sich entschieden, wem die Hauptrollen der Guten in diesem Kampf gebühren. Es ist der junge, im Angesicht der Not vom belächelten Politquereinsteiger zum ikonischen Anführer gereifte Ex-Komiker Selenskyj. Es sind die Klitschko-Brüder, die auf den Straßen von Kiew, in Bunkern, Kellern, U-Bahn-Stationen und Krankenhäusern alle anderen überragend in Schutzweste Trost und Zuversicht verbreiten.

Es ist aber auch Julia Nawalny (44), die Ehefrau des inhaftierten Freiheitskämpfers Alexej Nawalny (45), die von der Moskauer Zeitung „Nowaja Gaseta“ zur „Heldin des Jahres“ ernannt wurde. Es sind die mutigen Russinnen und Russen, die trotz der Gefahr, in einer Arrestzelle der Polizei zu landen, gegen Putin aufbegehren.

Menschen wissen, was richtig und was falsch ist

Die Suche nach Helden ist tief in der menschlichen Psyche angelegt. Schon sechs Monate alte Säuglinge haben eine Affinität zum Heldentum, zeigte jüngst eine japanische Studie: Sie fühlen sich zu Menschen, die die Schwachen beschützen, stark hingezogen. Der Rückschluss der Forscher: Der Wunsch nach Gerechtigkeit wohnt dem Menschen von Anfang an inne. Wir kommen als Wesen auf die Welt, die im Kern wissen, was richtig und was falsch ist.

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Anders als in der Figur eines Heiligen, der als makellose und unfehlbare Übergestalt immer unerreichbar bleiben wird, erkennen Menschen im Helden eine bessere Version ihrer selbst. Ein Held kann nur werden, wer Widerstände überwindet. Wer über sich hinauswächst. Das ist der Grund, warum es viele Pubertierende so nach Superhelden dürstet: Sie liefern reizvolle Erklärmuster für die Metamorphosen des Menschseins. Es geht um Vorbilder für körperliche und seelische Veränderungsprozesse. Es geht um das Auch-so-sein-wollen – und die inneren Heldenreserven.

Ausharren in Kiew: Vitali Klitschko (rechts), Bürgermeister von Kiew und ehemaliger Boxprofi, und sein Bruder Wladimir Klitschko, ebenfalls Ex-Boxprofi, schauen im Rathaus in Kiew auf ein Smartphone.

Ausharren in Kiew: Vitali Klitschko (rechts), Bürgermeister von Kiew und ehemaliger Boxprofi, und sein Bruder Wladimir Klitschko, ebenfalls Ex-Boxprofi, schauen im Rathaus in Kiew auf ein Smartphone.

Was für ein Irrtum, dass sich die demokratische Welt schon im postheroischen Zeitalter wähnte, herausgewachsen aus all den Jahrhunderten, in denen fast ausschließlich männlichen Kriegern die Heldenrolle zufiel, weit entfernt von den dunklen Zeiten, in denen feiste Generäle Hunderttausende von jungen Soldaten mit der lapidaren Aussicht auf den „Heldentod fürs Vaterland“ als Kanonenfutter in blutige Kriege schickten.

In Westdeutschland war „Held“ nach all den kaiserlichen und nationalsozialistischen Heldenmythen fast ein Tabuwort. Die „skeptische Generation“ und die fundamentalpazifistischen 68er wollten einen neuen Personenkult um jeden Preis verhindern. In der DDR wurden Werktätige im Falle von Planübererfüllung mit dem Orden „Held der Arbeit“ ausgezeichnet. Personenkult und Heldenmärchen, Propagandamärchen und Massenpsychosen aber – das gab es doch nur noch in Autokratien.

Wer ausharrt, kann zur Legende werden

Helden galten als Konzept von gestern. Eine historische Lesart aus düsteren Zeiten. Doch moderne Heroen müssen eben längst keine Männer mehr sein, erst recht keine Krieger. Stattdessen wurde der fiktionale „gebrochene Held“ zur gefeierten Popikone, der hadernd mit den Zeitläuften in TV-Serien und Comicheften seine inneren Dämonen und äußeren Feinde bekämpft – ganz egal, ob weiblich, männlich oder divers.

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In der realen Welt des 21. Jahrhunderts dagegen erwiesen sich vor allem Frauen wie die birmanische Politikerin Aung San Suu Kyi, Malala Yousafzais, die nigerianische Sozialunternehmerin Abisoye Ajayi-Akinfolarin oder Greta Thunberg als moderne Heldinnen.

Selenskyjs Heldenstatus erhielt auch durch die Nachricht Nahrung, dass in den Tagen nach Kriegsbeginn drei Attentate auf ihn vereitelt worden sein sollen. Er blieb trotzdem. Wie George Washington, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in vorderster Front gegen die Engländer vorstieß, wie Winston Churchill, der im Zweiten Weltkrieg in den Londoner Bombennächten zum Kampf gegen Nazi-Deutschland aufrief, können Anführer, die in Schicksalsgenossenschaft an der Seite ihres bedrohten Volkes ausharren, zu Legenden werden.

Neue Videobotschaft von Ukraine-Präsident Selenskyj: „Ich bleibe in Kiew“

Trotz der Kämpfe um Kiew will der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Hauptstadt nicht verlassen.

Scheinbar furchtlos spricht Selenskyj per Video zu Parlamenten weltweit, appelliert, warnt und bittet, fleht. Gleichzeitig kämpfen die Klitschkos in Kiew den Kampf ihres Lebens. Und alle drei wissen um die Kraft der Bilder. Die Klitschko-Brüder wuchsen als Offizierskinder der Sowjetarmee auf. Vitali wurde in Kirgistan geboren, Wladimir in Kasachstan. Ihr Vater Wladimir Rodionowitsch Klitschko war Oberst der Luftstreitkräfte, später dann Generalmajor der Ukraine und Militärattaché in Berlin und Brüssel. Er starb 2011 mit nur 64 Jahren. Sein Tschernobyl-Einsatz 1986 könnte ihm am Ende das Leben gekostet haben.

„Vitali ist ein Mensch, der wirklich bereit ist, für seine Überzeugungen zu sterben“, sagte Boxkollegin Regina Halmich in einem Interview. „Solche Menschen lernt man nicht oft im Leben kennen. Ich bin mit dem Begriff wirklich vorsichtig, aber für mich sind die beiden Helden.“

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„Der Präsident ist keine Ikone, ein Idol oder ein Porträt“

Und Selenskyj, der sich selbst einen „Clown“ nannte? Als Sohn einer Ingenieurin und eines Kybernetik-Professors kam er 1978 im ukrainischen Krivi Rih zur Welt, 400 Kilometer von Kiew entfernt. Seine Familie ist jüdischen Glaubens. Russisch ist seine Muttersprache. Halbherzig studiert er Jura und gründet dann lieber eine TV-Produktionsfirma, bis er 2015 in die erste Rolle seines Lebens schlüpft: In der TV-Serie „Diener des Volkes“ spielt er einen Lehrer, der per Zufall Staatspräsident wird.

2019 wird aus der Fiktion Wirklichkeit. „Ich möchte kein Bild von mir als Präsident in euren Büros“, sagte Selenskyj nach seinem Wahlsieg 2019. „Der Präsident ist keine Ikone, ein Idol oder ein Porträt. Hängt stattdessen Fotos von euren Kindern auf und schaut darauf, wenn ihr eine Entscheidung trefft“. Er habe bisher alles unternommen, um die Ukrainer zum Lachen zu bringen, sagt er außerdem. „In den nächsten fünf Jahren werde ich alles unternehmen, damit sie nicht weinen müssen.“

„Ich möchte kein Bild von mir als Präsident in euren Büros“: Wolodymyr Selenskyj (rechts) als fiktiver Präsident der Ukraine in einer Szene aus der Comedyserie „Diener des Volkes“.

„Ich möchte kein Bild von mir als Präsident in euren Büros“: Wolodymyr Selenskyj (rechts) als fiktiver Präsident der Ukraine in einer Szene aus der Comedyserie „Diener des Volkes“.

Es ist die zweite Rolle seines Lebens. Und selbst in Deutschland, wo man mit der Vergabe von Heldentiteln aus historischen Gründen nicht freigiebig war, fliegen ihm die Herzen zu. Es scheint, als habe die Welt angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart noch immer Hunger auf Helden. Warum? Weil es eine tiefe Saite in der menschlichen Seele anrührt, wenn jemand auch im Angesicht maximaler Ungerechtigkeit Größe und Moral zeigt.

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Der Respekt vor der einigenden Kraft der Menschlichkeit sucht sich seine Bahn. Auch deshalb applaudierten die New Yorker nach dem 11. September 2001 am Straßenrand ihren Feuerwehrleuten. Auch deshalb dankte das Land in der Frühphase der Corona-Pandemie, erschüttert von der schieren Größe der Katastrophe, seinen Pflegerinnen und Krankenschwestern (wenn auch leider nur mit Applaus).

Es ist keine neomilitaristische Soldatenbewunderung, die den ukrainischen Helden der Stunde aus aller Welt in diesen Zeiten entgegenschlägt. Es ist Bewunderung dafür, dass sie bereit sind, unter höchstem persönlichen Risiko im Sinne der Gemeinschaft das Richtige zu tun. Selbst wenn sie dabei sterben können.

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