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  • Seilbahn-Tragödie am Lago Maggiore: Entsetzen und Trauer in Italien

Tödliche Manipulation: Seilbahn am Lago Maggiore fuhr ohne Bremsen

  • Wende bei den Ermittlungen zur Seilbahntragödie am Lago Maggiore.
  • Die Verantwortlichen haben gestanden, das Bremssystem aus wirtschaftlichen Gründen bewusst funktionsuntüchtig gemacht zu haben.
  • 14 Menschen starben am Pfingstsonntag – der Betreiber und zwei Angestellte wurden festgenommen.
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Rom. Die Staatsanwältin von Verbania, Olimpia Bossi, hatte den Betreiber der Seilbahn und mehrere Angestellte während der ganzen Nacht verhört – und als sie am frühen Mittwochmorgen, kurz nach 4 Uhr, vor die Medien trat, zeigte sie sich „erschüttert“: Den Verantwortlichen der Seilbahn sei vollkommen bewusst gewesen, dass die Gondel ohne funktionierende Bremsen unterwegs gewesen sei. Mehr noch: Sie hätten das Bremssystem absichtlich mit dem Anbringen einer Stahlklammer außer Funktion gesetzt. Die Klammer verhindert, dass die Bremsbacken in das Tragseil greifen und die Bahn blockieren, falls das Zugseil reißt oder eine andere Notsituation eintritt.

Die Gründe für diese tödliche Manipulation waren wirtschaftlicher Natur, wie Bossi betonte: Das Bremssystem der Unglücksgondel habe seit der Wiederinbetriebnahme der Bahn nach der Winter- und Covid-Pause am 26. April immer wieder Probleme verursacht und den Betrieb erschwert. Anfang Mai sei zwar ein Versuch unternommen worden, die Störung zu beheben, doch die Bremsen hätten weiterhin nicht korrekt funktioniert und die Bahn immer wieder auf freier Fahrt blockiert. Um die Probleme mit der Bremse vollständig zu beheben, wäre laut Bossi eine sehr viel gründlichere Reparatur erforderlich gewesen. Eine solche Intervention hätte zur Folge gehabt, dass die Bahn für längere Zeit hätte außer Betrieb genommen werden müssen.

Die völlig zerstörte Gondel kam an einem Baum zum Stehen. © Quelle: Getty Images
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Staatsanwältin: „Sie waren davon überzeugt, dass das Zugseil sicher nicht reißen wird“

Angesichts der beginnenden Hochsaison und der großen finanziellen Einbußen infolge der Pandemie hätten sich die Verantwortlichen gegen die zeitraubende Reparatur entschieden. „Sie waren davon überzeugt, dass das Zugseil sicher nicht reißen wird, und sind das Risiko eines Unglücks eingegangen. Beim Unfall handelte es sich nicht – oder nicht nur – um Schicksal“, sagte Bossi. Bei den drei Verhafteten handelt es sich um Luigi N., den Inhaber der Gesellschaft, der die Seilbahn betreibt, sowie um zwei seiner Angestellten, einen Ingenieur und den Betriebsleiter. Sie sind geständig. Staatsanwältin Bossi wirft den drei Festgenommenen mehrfache fahrlässige Tötung und fahrlässige Auslösung eines Unglücks vor. Sie erwägt außerdem eine Anklage wegen absichtlicher Entfernung von Einrichtungen zur Vermeidung von Arbeitsunfällen – ein Straftatbestand, auf dem bis zu zehn Jahre Gefängnis stehen.

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Auf die Spur der Manipulation waren die Ermittlerinnen und Ermittler am Unglücksort gekommen: Im Fahrgestell der zerstörten Kabine entdeckten die Expertinnen und Experten die eingesetzte rote Klammer, die die Bremsen am Zupacken hinderten. Zunächst war noch ein Versehen vermutet worden: Die Klammer wird gelegentlich bei Dienst- und Testfahrten montiert – allerdings bei leerer Kabine. Die erste Vermutung war, dass die Verantwortlichen vergessen haben könnten, die Klammer nach einer Testfahrt wieder zu entfernen. Dass sie die Blockiervorrichtung für die Bremsen absichtlich auch für Passagierfahrten einsetzten, und dies möglicherweise seit der Wiederaufnahme des Betriebs am 26. April, das hatten sich die Ermittlerinnen und Ermittler vor den Geständnissen nicht vorstellen können.

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Während das Bremsversagen nun geklärt ist, bleibt die Ursache des Tragseilrisses, der primären Unfallursache, noch unklar. Zumindest auf dem Papier sind die Kontrollen und Revisionen sowohl des Trag- als auch des Zugseils regelmäßig und ordnungsgemäß durchgeführt worden, das letzte Mal Anfang Mai. Ob der Unterhalt der Bahn tatsächlich korrekt durchgeführt wurde und was letztlich zum Riss des Seils geführt hat, ist Gegenstand weiterer Ermittlungen, wie Staatsanwältin Bossi ausführte. Eine Möglichkeit wäre dies: Das Zugseil könnte aufgrund der von den defekten Bremsen verursachten Blockaden während des Betriebs hohen Belastungen ausgesetzt und beschädigt worden sein.

Gondel war wenige Meter vor der Bergstation

Beim Absturz der bergwärts fahrenden Gondel der Seilbahn, die von Stresa am Lago Maggiore auf den rund 1400 Meter hohen Monte Mottarone führt, waren am Pfingstsonntag 14 der 15 Passagiere ums Leben gekommen. Aufzeichnungen von Überwachungskameras zeigen, dass die Gondel sich nur noch wenige Meter vor der Bergstation befand, als das Zugseil mit einem lauten Knall riss. In der Folge rollte die Kabine ungebremst talwärts und verschwand aus dem Blickfeld der Kamera. Laut Berichten von Fachleuten beschleunigte die Gondel auf 100 Kilometer pro Stunde, bis sie vom ersten Stützmasten aus den Tragseilen katapultiert wurde, rund 50 Meter durch die Luft flog, anschließend auf den Felsen zerschellte und sich noch mehrfach überschlug.

Feuerwehrleute arbeiten am Wrack der abgestürzten Gondel. © Quelle: Uncredited/Vigili del Fuoco Fire

Entsetzen und Trauer in Italien

Die Tragödie am ersten Ausflugswochenende nach der Lockerung der Covid-Schutzmaßnahmen hat in Italien Entsetzen und Trauer ausgelöst. Besondere Anteilnahme löste das Schicksal des fünfjährigen, aus einer israelischen Familie stammenden Jungen Eitan aus, der den Unfall als Einziger überlebte: Er hat beim Absturz der Gondel seine beiden Eltern, seinen zweijährigen Bruder Tom und seine Urgroßeltern verloren, die wenige Tage zuvor aus Israel nach Italien gereist waren. Er befindet sich weiterhin auf der Intensivstation einer Kinderklinik in Turin.

Am Mittwochmorgen hätten die Ärzte den Beatmungsschlauch entfernt, Eitan sei kurz bei Bewusstsein gewesen, sagte der Direktor des Krankenhauses vor Journalisten. Dabei habe er auch kurz die Augen aufgemacht. In dem Moment saß seine Tante Aya an seinem Bett, die Schwester seiner toten Mutter.

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