Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Kinderhandel und Zwangsarbeit?

Scientology-Aussteiger verklagen Kirchenführer David Miscavige

Das Gebäude von Scientology in Los Angeles.

Auf Facebook hat Valeska Paris Bilder ihrer drei Kinder. Sie selbst strahlt ebenfalls von vielen Fotos, eine hübsche junge Frau mit langen blonden Haaren. Dass ihre Vergangenheit schwierig war, lassen nur einige ihrer Posts durchscheinen – auch ihre Kunst symbolisiert es teilweise. So ist auf einem ihrer Gemälde, das die Künstlerin im Dezember 2020 gepostet hat, eine Tänzerin zu sehen, die wie eine Marionette an Fäden hängt und von zwei Händen dirigiert wird.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Paris ist eine von insgesamt drei in Australien lebenden Klägerinnen und Klägern, die es aktuell mit der umstrittenen Religionsgemeinschaft Scientology aufnehmen. Gemeinsam mit Gawain Baxter und seiner Frau Laura verklagt sie die Kirche und ihren Führer David Miscavige. In der Klage, die von mehreren bekannten US-amerikanischen Anwaltskanzleien geführt wird, behaupten die drei Ex-Kirchenmitglieder, sie seien bereits im Alter von sechs Jahren zu harter Arbeit gezwungen worden. Beispielsweise hätten sie Verträge unterschreiben müssen, die sie zu „einer Milliarde Jahre“ Dienst für die Kirche verpflichteten. In ihrer Zeit bei Scientology hätten sie dann für wenig oder gar kein Geld auf dem bekannten Kreuzfahrtschiff „Freewinds“ gearbeitet, das nie in US-Häfen anlegt oder sich in amerikanisches Hoheitsgebiet begibt.

„Fassade der Legitimität“

In der 88-seitigen Klage heißt es, die Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff habe es dem Scientology-Führer David Miscavige ermöglicht, „eine Fassade der Legitimität, einen luxuriösen Lebensstil und Einfluss auf Mitglieder, einschließlich Prominente, aufrechtzuerhalten“. Dabei sei er sich des Kindesmissbrauchs und der Zwangsarbeit bewusst gewesen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Die zwei Klägerinnen und der Kläger aus Australien sind bei Weitem nicht die Einzigen, die schwere Vorwürfe gegen Scientology erheben. Ehemalige Anhängerinnen und Anhänger beschuldigen die Glaubensgemeinschaft regelmäßig, ein gefährlicher, auf Geld fokussierter Kult zu sein. Scientology geht auf den US-amerikanischen Science-Fiction-Autor Lafayette Ron Hubbard zurück. Hubbard entwickelte eine vermeintlich wissenschaftliche Selbsttherapie, die er „Dianetik“ nannte und später zur Religion ausbaute. 1953 meldete er schließlich die „Church of Scientology“ an.

Berühmte Hollywoodstars folgen Scientology

Seine Glaubensgemeinschaft zieht seit Langem Berühmtheiten aus Hollywood an: Bekannte Stars wie Tom Cruise, John Travolta oder Elisabeth Moss sind Scientology-Anhänger. Diese „Personen des öffentlichen Lebens“ dürfen durchaus in ihren eigenen Häusern leben, während andere Mitglieder als Vertragsarbeiter sowohl auf See als auch an Land für die Glaubensgemeinschaft arbeiten. Während dieser Zeit häufen sie große Schulden an, die dann auf ihnen lasten, falls sie die Kirche jemals verlassen wollen.

In Deutschland wird Scientology seit einem Beschluss der Innenministerkonferenz im Jahr 1997 in mehreren Bundesländern durch den Verfassungsschutz beobachtet. Laut dem Statistikportal „Statista“ hatte Scientology in Deutschland im Jahr 2020 rund 3500 Mitglieder. In Australien ist die Mitgliederzahl seit Mitte der 2000er-Jahre mit etwa 1700 Anhängern (2021) zwar rückläufig, doch der Reichtum der Religionsgemeinschaft hat zugenommen. So ergab eine Untersuchung der Tageszeitungen „The Age“ und „Sydney Morning Herald“ im vergangenen Jahr, dass die Church of Scientology Australia von 2013 bis 2019 Nettogewinne in Höhe von 65,4 Millionen australischen Dollar gemacht hat, umgerechnet rund 44,6 Millionen Euro.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Sechsjährige wie Erwachsene behandelt

Die Klage der drei Ex-Scientologen, die Ende April in den USA eingereicht wurde, enthält schwere Anschuldigungen gegen die Kirche. Demnach werden Kinder im Alter von sechs Jahren bereits von ihren Eltern getrennt. Diese müssen das Sorgerecht an die sogenannte Cadet Org abgeben und später an die sogenannte Sea Org. Familienbesuche sind auf einmal pro Woche begrenzt.

Der Kläger Gawain Baxter beispielsweise wurde mit sechs Jahren wie ein Erwachsener behandelt. Er wurde Mitglied der Cadet Org, unterschrieb den Vertrag über eine Milliarde Jahre und lebte mit 100 anderen Kindern in einem Wohnheim. Im Alter von zehn Jahren sah er seine Eltern nur drei Stunden pro Woche. Er hatte kaum Unterricht, stattdessen habe er fünf bis zehn Stunden am Tag unbezahlt arbeiten müssen, wie er behauptet. Dabei sei er immer wieder verbal und körperlich misshandelt worden. Als er später dann auf der „Freewinds“ beschäftigt war, habe er 16 bis 24 Stunden am Tag gearbeitet – teils unter gefährlichen Arbeitsbedingungen: So habe er blauen Asbest und Betonstaub eingeatmet und danach Blut gehustet.

Harte Vergeltungsmaßnahmen

In der Klage selbst wird auch der psychologische Druck in der Glaubensgemeinschaft beschrieben. „Jedes Mitglied der Sea Org, das sich eines Fehlverhaltens bewusst ist und es versäumt, es aufzuschreiben und in einem Wissensbericht einzureichen, muss mit harten Folgen rechnen“, heißt es in dem Schreiben. Dieses „paranoide und auf Angst basierende Umfeld“ werde weiter verstärkt, indem sich Mitglieder auch selbst anzeigen müssten, wenn sie „abweichende Gedanken und Verhaltensweisen“ an sich feststellten.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Aussteiger aus der Glaubensgemeinschaft werden oftmals ausspioniert und müssen mit harten Vergeltungsmaßnahmen rechnen, wie es in der Klage heißt. Als Beispiel werden diffamierende Websites genannt, die die Namen der Überläufer verwenden und so sicherstellen, dass sie bei einer Google-Suche nach dem Namen auftauchen. Letzteres ist bei der Klägerin Valeska Paris der Fall, die Kirchenmitgliedern auch sexuelle Belästigung vorwirft. Wer ihren Namen googelt, stößt sofort auf eine Seite, die Paris als „Lügnerin“ bezeichnet, die die Boulevardmedien mit falschen Geschichten versorge. Welcher Druck vonseiten Scientologys ausgeübt wird, wurde auch für diesen Artikel deutlich. Eine Interviewanfrage verwies Paris sofort an ihren Anwalt. Doch selbst dieser war nur bereit, „off the record“ zu sprechen, das heißt, er wollte sich nicht mit Namen zitieren lassen.

Ausstieg fast unmöglich

Paris beschuldigt die Kirche, dass eine ihrer „Strafen“ während ihrer Zeit bei Scientology gewesen sei, 48 Stunden lang in einem Maschinenraum auf dem Schiff eingesperrt gewesen zu sein. Dabei sei die Temperatur im Inneren extrem hoch gewesen. „Valeska erlitt eine Panikattacke, verlor das Gefühl im Körper und konnte sich weder bewegen noch nach Hilfe rufen“, heißt es in der Klage. Ein Ingenieur fand sie so eine Stunde später und brachte sie zu sich in den Kontrollraum. Auch die dritte Klägerin, Laura Baxter, wuchs in der Scientology-Kirche auf und diente zunächst in der lokalen Scientology-Organisation in Deutschland. Auch sie berichtet im Rahmen der Klage von ähnlichen Misshandlungen wie ihr Mann Gawain oder Valeska Paris.

Die Klage bringt zudem zum Ausdruck, wie schwierig es ist, die Religionsgemeinschaft zu verlassen. „Für eine Person, die in Scientology aufgewachsen ist und verarmt und verschuldet ist und keine sinnvolle Bildung oder Lebenskompetenzen hat, ist es fast unmöglich, einfach wegzugehen“, heißt es darin. Viele Mitglieder würden jahrelang bleiben und ein Trauma nach dem anderen durchleben. Valeska Paris beispielsweise gelang der Ausstieg nur, indem sie absichtlich schwanger wurde und die Schwangerschaft auch nach einer Fehlgeburt weiter vortäuschte. Ein hochrangiges Mitglied warnte sie damals, dass sie Krebs bekommen und sterben würde, wenn sie die Kirche verlasse. Außerdem erinnerte er sie daran, dass sie „alle ihre Schmarotzerschulden zurückzahlen“ müsse.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Panorama

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.